Riegel am Kaiserstuhl / Petra Walheim Peter Hauk stellt sich in Riegel den Fragen der Kaiserstühler zur Verringerung von Pflanzenschutzmitteln und zum Eckpunktepapier der Landesregierung. Von Petra Walheim

Was ist denn hier los, fragt ein auswärtiger Kunde an der Tankstelle neben der Römerhalle in Riegel am Kaiserstuhl. Das gesamte Gelände rund um die Halle ist mit hunderten von Traktoren zugestellt. Im Foyer der Halle lärmen die Kinder der Winzer und Landwirte, die drinnen im Saal Dampf ablassen. Ob die Kleinen in 20, 30 Jahren die Höfe ihrer Eltern übernehmen, steht in den Sternen. Geht man nach der Atmosphäre im Saal, eher nicht.

Da herrscht Weltunter­gangs-Stimmung. Es ist die Rede von Zwangsenteignung, von Bauernkrieg und Widerstand. Es geht um das Eckpunktepapier der Landesregierung zum Artenschutz, und Landwirtschaftsminister Peter Hauk hat ordentlich zu tun, um die vielen, zum Teil auch zornigen Fragen der Winzer und Landwirte zu beantworten.

Sein Ministerium hatte zu der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung eingeladen. Um die 750 Winzer und Landwirte sind ihr gefolgt. Die Halle war rappelvoll.

Das Eckpunktepapier sieht unter anderem vor, dass die Menge an chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln, die auf landwirtschaftlichen Flächen, also auch im Weinberg, ausgebracht wird, bis 2030 landesweit um 40 bis 50 Prozent verringert wird. In der Halle offenbarte sich dann ein Missverständnis, auf dem ein Teil des Zornes der Winzer beruht.

Viele meinten, sie selbst müssten die Menge an Pflanzenschutzmitteln, die sie auf ihren Flächen ausbringen, um 40 bis 50 Prozent verringern. In den Redebeiträgen wurde immer wieder betont, das sei nicht möglich, wenn  die Landwirtschaft weiter marktfähige Produkte herstellen soll.

Die Antwort von Hauk: „Sie müssen die Menge nicht um 50 Prozent reduzieren.“ Die Vorgabe beziehe sich auf die Grünflächen landesweit, und der Minister stellte auch klar, dass das eine gesamtgesellschaftliche Aufgaben werden wird.

Davon seien auch Händler, Privatgärtner und Kommunen betroffen, sagte Hauk. „Es kann nicht sein, dass die Reduktion nur den Landwirten abverlangt wird und die Privatgärtner weiter völlig unkontrolliert Pflanzenschutzmittel ausbringen können.“

Das gleiche gelte für kommunale Grünflächen. Auch da müsse reduziert werden. Allein damit könnten schon fast 20 Prozent der Pestizide eingespart werden, „ohne dass auch nur ein Landwirt bei sich reduziert hätte“.

Die Digitalisierung im Ackerbau, mit der die Mittel ganz gezielt ausgebracht werden können, berge weiteres Einsparungs-Potenzial, sagte Hauk. Außerdem trügen Flächen, die bebaut werden oder anderweitig aus der landwirtschaftlichen Nutzung fallen, auch zur Reduktion bei, ebenso Betriebe, die auf biologische Produktion umstellen.

Im Volksbegehren, das dem Eckpunktepapier vorausgegangen war, war geplant, dass 50 Prozent der Betriebe bis 2035 auf Öko-Land­wirtschaft umgestellt haben müssen. Das Eckpunktepapier hingegen sieht eine freiwillige Umstellung nach Bedarf vor.

Von den Winzern kam die Forderung, den Einzelhandel dazu zu bringen, mehr auf regionale Produkte zu setzen und die Kunden darüber zu informieren. Vielen Verbrauchern sei nicht bewusst, dass sie über ihr Kaufverhalten den Markt mitgestalten können.

Wiederholt wurde gemutmaßt, dass die Insekten nicht allein wegen der Pflanzenschutzmittel sterben. „Was, wenn Handystrahlung und dichte Besiedlung auch Ursachen sind?“

Hauk sieht in dem Eckpunktepapier auch eine Chance für die Landwirtschaft. Durch die Diskussionen werde die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit darauf gelenkt, was die Landwirtschaft leiste. Auch das sollten die Landwirte sehen, sagte er.

Volksbegehren und Eckpunktepapier

Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“, das Anfang 2019 von zwei Imkern aus Stuttgart gestartet wurde, hat in der Landwirtschaft erhebliche Aufregung hervorgerufen, weil darin zum Teil rigorose Forderungen enthalten waren. Anfang Oktober zog Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Notbremse und beauftragte die Ministerien, eine Alternative auszuarbeiten. Das Ergebnis ist das Eckpunktepapier, das wesentlich moderatere Forderungen erhält.

Minister Peter Hauk stellt das Papier auch am 27. Januar in Weinsberg und am 30. Januar in Friedrichshafen-Ailingen vor. wal