Ulm / David Nau In den ersten vier Monaten des Jahres werden im Südwesten mehr Organe gespendet, als im Vorjahreszeitraum. Experten verweisen auf ein neues Gesetz. Von David Nau

Abgesagte Operationen, Besuchsverbote für enge Angehörige und spezielle Hygienemaßnahmen – die Corona-Pandemie hatte und hat noch immer massive Auswirkungen auf die Kliniken im Land. Auch auf die Arbeit von Wolfgang Bettolo. Der Oberarzt leitet eine chirurgische Überwachungsstation am Klinikum Stuttgart und ist als Transplantationsbeauftragter in einer der größten Kliniken im Südwesten für Organspenden zuständig. Eigentlich wäre der 6. Juni deswegen für ihn ein wichtiger Tag gewesen. An diesem Samstag ist Tag der Organspende. „Eigentlich hatten wir mehrere Veranstaltungen geplant“, sagt Bettolo. Die fielen wegen Corona aber alle aus. „Bei der Aufklärung über Organspende herrscht totaler Stillstand“, sagt der Arzt.

Auf die Entwicklung der Organspenden generell hat das Coronavirus, zumindest bislang, jedoch keine größeren Auswirkungen, sagt Dr. Christina Schleicher. Die Ärztin ist bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) für Baden-Württemberg zuständig und geht sogar noch weiter: „Die Entwicklung in den ersten vier Monaten des Jahres war sehr erfolgreich.“ So habe es von Januar bis April 2020 in Baden-Württemberg insgesamt 48 Organspender gegeben, fünf mehr als im Vorjahreszeitraum. Das entspricht einer Steigerung von zwölf Prozent.

Schleicher lobt das Engagement auf den Intensivstationen im Land. „Obwohl der März und April deutlich von Corona geprägt war, wurde auf den Stationen dennoch an das Thema Organspende gedacht“, sagt sie. Auch deutschlandweit seien keine Auswirkungen von Corona auf die Organspenden zu beobachten – anders als in Italien und Spanien, wo die Zahl der Organspenden deutlich eingebrochen sei.

Die positive Entwicklung in Deutschland führt Schleicher auf gesetzliche Neuerungen zurück, die im vergangenen Jahr beschlossen worden sind. Dabei wurde die Position der Transplantationsbeauftragten deutlich gestärkt. Außerdem erhalten Kliniken seither mehr Geld für die aufwändigen Organspende-OPs. „Möglicherweise zeigen die guten Zahlen, dass das Gesetz langsam greift“, sagt Schleicher. Da die Spendezahlen jedoch häufig schwanken, sei es schwierig genau festzustellen, welche Ursache einzelne Schwankungen hätten.

Auch bei Wolfgang Bettolo im Klinikum Stuttgart hat Corona nicht auf die Zahl der Organspenden geschlagen. „Die Zahlen haben sich nicht wesentlich verändert, wir sind inzwischen wieder auf dem gleichen Niveau wie vor der Pandemie“, sagt er. Was sich hingegen verändert hat, ist der Aufwand, den das Klinikum in Vorfeld einer Organspende betreiben muss. Steht bei einem Patienten die Möglichkeit im Raum, dass er als Organspender in Frage kommt, muss Bettolo mit den Angehörigen sprechen und klären, ob diese zustimmen. „Bis Mitte Mai durften wir eigentlich keine Besucher ins Krankenhaus lassen“, sagt Bettolo. Konkret hatte der Arzt während des Lockdowns zwei junge Patienten, die nach einem Verkehrsunfall den Hirntod erlitten und als Organspender in Frage kamen. „Da haben wir den Angehörigen unter Einhaltung aller Hygienevorschriften selbstverständlich Zugang gewährt“, sagt Bettolo.

Aufwändiger seien auch die Untersuchungen, die die Ärzte vor der Entnahme der Organe durchführen müssen. Wegen der Pandemie werden ein Corona-Test und eine Lungenspülung durchgeführt. Erst, wenn alle Tests negativ seien, könnten die Organe gespendet werden. Patienten mit einem positiven Corona-Befund würden als Spender ausgeschlossen, sagt Christina Schleicher. „Nach aktuellem Wissensstand müssen wir davon ausgehen, dass wir, wenn wir einem Covid-19-Infizierten Organe entnehmen, das Virus auf den Empfänger übertragen.“

Auch die innereuropäischen Grenzschließungen haben einen Einfluss auf die Organspenden. Weil sich acht Ländern unter dem Dach der Vermittlungsstelle „Eurotransplant“ zusammengeschlossen haben, müssen Organe oder Operations-Teams oft über Ländergrenzen hinweg transportiert werden. „Die Abstimmung dafür ist deutlich aufwändiger geworden“, sagt Christina Schleicher. Einige Länder würden besondere Vorkehrungen verlangen. „Ungarn lässt OP-Teams nur ins Land, wenn alle einen negativen Covid-19-Test haben und mit Schutzkleidung einreisen“, erklärt sie.

Im Klinikum Stuttgart nimmt man außerdem wahr, dass die Patienten verunsichert sind und Angst haben, sich im Krankenhaus anzustecken. „Die Patienten fragen häufig, ob sie überhaupt ins Krankenhaus kommen sollen“, berichtet Wolfgang Bettolo. Diese Sorge sei unbegründet. „Man ist im Krankenhaus gut aufgehoben“, sagt er. „Das Wissen um die Infektion und die Sicherheitsmaßnahmen sind sehr hoch.“

Blutspenden wieder auf Normalniveau

Die tägliche Versorgung mit Blutkonserven im Südwesten ist gesichert, sagt ein Sprecher des DRK Blutspendedienstes Baden-Württemberg-Hessen. Nachdem die ersten regulären OPs wieder aufgenommen worden waren, sei der Bedarf Mitte Mai extrem hochgeschnellt. Dieser könne dank ausreichend Blutspender gedeckt werden. „Die Spendebereitschaft ist enorm hoch“, sagte der Sprecher. Einzig die Blutdepots der Kliniken seien nicht wieder so gefüllt, wie vor der Corona-Krise. dna