Die Empfehlungen klingen klar: „Um allmählich zum normalen Schul- und Kinderbetreuungsleben zurückzukehren, werden wieder größere Klassen gebildet werden müssen. Dies erfordert mehr Nähe zwischen den Schülern. Als Gegenmaßnahme sollte eine strikte Belüftung der Klassenzimmer durchgeführt werden, nicht nur zwischen Unterrichtsstunden, sondern auch während des Unterrichts. Außerdem sollten Gesichtsmasken in Schulen sowohl inner- als auch außerhalb von Klassenzimmern verwendet werden. Basierend auf unseren aktuellen Studienergebnissen gehen wir davon aus, dass die Übertragungsraten in Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen bei solchen Interventionen niedrig bleiben.“

So lauten, formuliert auf Englisch, die abschließenden Sätze einer acht Seiten langen Studie, in der es um Corona-Infektionen in Schulen und Kitas in Baden-Württemberg während des eingeschränkten Regelbetriebs von Mai bis August geht und die vergangenen Donnerstag online von der Zeitschrift Euro­surveillance veröffentlicht wurde.

Das Besondere daran sind aus baden-württembergischer Perspektive die Autoren: zehn Personen, darunter mehrere Mitarbeiter des hiesigen Landesgesundheitsamtes, auch Stefan Brockmann, der Leiter des dortigen Referats Gesundheitsschutz und Epidemiologie, sowie der Epidemiologe Martin Eichner von der Universität Tübingen. Beide zählen zum Kreis der wissenschaftlichen Berater von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), beide gelten als einflussreiche Ratgeber der Landesregierung in Fragen der Bewältigung der Corona-Pandemie.

Lüften muss reichen

Eben jener Landesregierung, die zur Absicherung der kompletten Schulöffnungen am Montag dieser Woche weniger strikte Maßnahmen verordnet hat. Unterrichtsräume müssen „mindestens alle 45 Minuten“ gelüftet werden, Masken erst ab Klasse 5 aufwärts getragen werden und auch nicht im Unterricht.

Heidenheim

Als die Studie zum Schulstart am Montag bekannt wurde, reagierte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) verärgert: „Dass das Landesgesundheitsamt nun ausgerechnet am ersten Schultag über die Medien bereits lange vereinbarte Regeln in Frage stellt, ist hochgradig unseriös“, erklärte ihre Sprecherin. Das Vorgehen verunsichere Eltern, Schulen und Lehrkräfte. „Wir fordern das Sozialministerium auf, Stellung zu beziehen und mäßigend auf das Landesgesundheitsamt einzuwirken.“

Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) mühte sich am Dienstag um Beschwichtigung. Es handle sich nicht um eine Publikation des Landesgesundheitsamtes selbst, die Publikation sei auch „nicht politisch abgestimmt“ worden. Bei der derzeitigen Inzidenz könne man von einer generellen Maskenpflicht in Schulen noch absehen.

Entscheidungen treffen nicht die Wissenschaftler

Kretschmann betonte die Aufgabenverteilung zwischen wissenschaftlichen Beratern und politischen Entscheidern: „Wir lassen uns selbstverständlich ständig beraten von Wissenschaftlern in diesem Bereich, aber die Entscheidungen treffen nicht die Wissenschaftler, sondern die dafür zuständigen Behörden und Regierungsmitglieder.“ Die verantwortlichen Politiker müssten abwägen, etwa zwischen Ratschägen von Medizinern und möglichen Folgen empfohlener Maßnahmen, beispielsweise „auf pädagogischem Gebiet“.

Genau da sieht Eisenmann Probleme mit Masken. „Ich glaube, dass sowohl für die Lehrerinnen und Lehrer als auch für die Schüler das Unterrichten, beispielsweise Französisch oder andere Fächer, mit Masken durchaus eine Herausforderung ist“, sagte sie. Masken erschwerten Kommunikation, auch die Konzentration könne darunter leiden.

Jedoch stellten alle drei Politiker klar, was Beschlusslage der Landesregierung ist: Steigen die Infektionszahlen auf ein kritisches Niveau, werden Masken auch im Unterricht Pflicht.

Zu lasche Regeln? Schülerin verklagt das Land


Mit der Forderung nach strengeren Corona-Schutzmaßnahmen ist eine Schülerin aus dem Ortenaukreis vor Gericht gescheitert. Das Verwaltungsgericht Freiburg lehnte einen entsprechenden Eilantrag am Montag ab (2K 2971/20). Die Schülerin wollte mit ihrem Antrag, der sich gegen den Träger der Schule und das Land Baden-Württemberg richtet, erreichen, dass alle Klassenzimmer dauerhaft belüftet werden. Zudem sollte dort ein Mindestabstand von 1,5 Metern gelten. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sollte verpflichtend sein und in allen Klassenzimmern eine Luftqualitätsüberwachung installiert werden.

Der Staat verletze seine Schutzpflicht nur, wenn keine Schutzvorkehrungen getroffen würden oder die getroffenen Maßnahmen offensichtlich ungeeignet oder  unzulänglich seien, erläuterten die Richter in dem Beschluss. Ein solcher Fall liege bei den angeordneten Hygiene- und Abstandsregeln aber nicht vor. dpa