Stuttgart / Jens Schmitz Zwei Studien zeigen: Die Immunisierung bei Kindern reicht nicht aus, um die Schwächsten zu schützen. Krankenkassen fordern mehr Befugnisse.Von Jens Schmitz

Baden-Württembergs Kinder erreichen bei keiner der 13 wichtigsten Infektionskrankheiten die empfohlene Impfrate. Bei den Kleinkindern hat nicht einmal die Hälfte vollständigen Schutz. Deutschlandweit gehört das Land zu den Schlusslichtern. Das geht aus am Montag veröffentlichten Erhebungen der Krankenkassen Barmer und Techniker hervor.

„Würden sich die Menschen konsequent impfen lassen, dann würde Max noch leben“, erklärte Anke Schönbohm aus Sersheim bei der Präsentation des Barmer Arzneimittelreports 2019. Ihr Sohn hatte sich im Alter von sechs Monaten mit Masern infiziert; damals war er zu jung, um schon geimpft zu sein. Mit 19 Jahren starb er später an Folgen der Krankheit. Vater Rüdiger Schönbohm ist froh, dass der Bundestag unlängst das Masernschutzgesetz verabschiedet hat. Es soll zur Erhöhung der Impfquote beitragen und damit zum „Herdenschutz“-Effekt: Ein Mangel an Ansteckungsquellen schützt dabei auch diejenigen vor einer Infektion, die sich nicht impfen lassen können, wie etwa Schwangere und Babys. „Wäre die Durchimpfungsrate damals höher gewesen, würde unser Sohn noch leben“, sagte Schönbohm. „Endlich sind wir einen Schritt weiter.“

Bis zum Ziel ist es aber noch ein gutes Stück Weges: Der Barmer-Studie zufolge hatten 2017 nur 86,4 Prozent der baden-württembergischen Kinder im einschulungsfähigen Alter die Zweifachimpfung gegen Masern erhalten. Das sei bundesweit die zweitniedrigste Quote in dieser Gruppe, erklärte Landesgeschäftsführer Winfried Plötze. Für den „Herdenschutz“ gilt ein Durchimpfungsgrad von mindestens 95 Prozent als notwendig. Er wird bei keiner der 13 wichtigsten Infektionskrankheiten erreicht. Eine Windpockenimpfung hatten etwa nur 73,4 Prozent der Sechsjährigen, gegen Pneumokokken geschützt waren 80,5 Prozent. Nur 47 Prozent der zwölfjährigen Mädchen hatten gegen krebserregende Humane Papillomviren (HPV) vorgebeugt.

„Die geringe Akzeptanz von Impfungen in Baden-Württemberg macht eine Ausrottung von Infektionskrankheiten wie Masern oder Röteln unmöglich“, erklärte Plötze. „Das ist nicht nur fahrlässig gegenüber der eigenen Gesundheit, sondern auch unsolidarisch gegenüber denjenigen, die sich selbst nicht impfen lassen können und deswegen auf den Herdenschutz angewiesen sind.“

Karlin Stark, Leiterin des Landesgesundheitsamtes im Regierungspräsidium Stuttgart, sagte, Impfskeptiker hätten häufig „übersteigerte Ängste vor Nebenwirkungen von Impfungen und vor Spätschäden“. Speziell die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln werde aber sehr gut vertragen. Masern seien eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt. 2018 habe es in Italien und Frankreich jeweils mehr als 2000 Erkrankungen gegeben, in der Ukraine über 50 000. „Wir haben einen regen Reiseverkehr.“

3,8 Prozent der Zweijährigen in Baden-Württemberg waren 2017 gar nicht geimpft. Bei den Vierjährigen betrug der Prozentsatz 3,4 Prozent, bei den sechsjährigen 2,5 Prozent. Der Barmer-Report plädiert dafür, klare Impfzeitpunkte zu empfehlen statt Zeitspannen, die zum Vergessen verführen. Fortbildungen für Ärzte, ein unabhängiges Gesundheitsportal zum Thema und Erleichterungen beim Impfen selbst sollen die Hürden zusätzlich senken.

Der Techniker Krankenkasse zufolge, die im Jahr 2016 geborene Kinder untersucht hat, haben nur 45 Prozent bis zum zweiten Geburtstag alle empfohlenen Impfungen vollständig erhalten. 51 Prozent verfügten lediglich über Teilimpfungen. „Es ist nur schwer nachzuvollziehen, dass nicht einmal die Hälfte der Kleinkinder in Baden-Württemberg vollständig geimpft wurde“, erklärte Andreas Vogt, Leiter der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg, in einer Pressemitteilung. Auch er plädierte für Änderungen: „Wenn wir aktiv und gezielt auf vergessene Impfungen aufmerksam machen dürften, könnten wir mit Sicherheit viele Versicherte erreichen, die das Thema einfach nicht im Blick hatten.“

Lucha will, dass alle Ärzte alles impfen können

Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) schlägt  vor, dass jeder Arzt alle Impfungen durchführen können sollte. „So könnte der Kinderarzt auch die begleitenden Eltern impfen oder die Frauenärztin die bei Jugendlichen fehlende Masernimpfung nachholen“, sagte Lucha.

Die Opposition kritisiert Lucha dagegen wegen Untätigkeit: „Minister Lucha muss nun das Masernschutzgesetz des Bundes nutzen, um Impfskepsis endlich wirksam zu bekämpfen“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion Rainer Hinderer. dpa/dna