Tübingen / Stuttgart / Von David Nau Mitte Juni übernimmt der Bahnbetreiber Abellio auch die wichtige Verbindung von Stuttgart nach Tübingen. Schon jetzt ist klar: Das klappt erneut nur mit Ersatzzügen. Von David Nau

Mehr Verbindungen und moderne, bequeme Züge: Was das Land auf der Neckartalbahn zwischen Stuttgart und Tübingen geplant hat, klingt gut in den Ohren aller Pendler, die in den vergangenen Monaten unter Verspätungen und Zugausfällen zu leiden hatten. „Es werden mehr Züge fahren, und es werden neue Züge fahren“, sagte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) jüngst bei einer Telefon-Pressekonferenz. Wenn mit dem kleinen Fahrplanwechsel am 14. Juni die wichtige Bahnverbindung zwischen der Universitätsstadt und der Landeshauptstadt vom privaten Bahnunternehmen Abellio übernommen wird, erfüllt sich allerdings nur ein Teil dieses Versprechens.

Auf einen engeren Takt können sich die Fahrgäste von Mitte Juni an einstellen. Der bisher nur alle zwei Stunden fahrende IRE wird künftig stündlich verkehren. „Dieser schnelle IRE verbindet Tübingen mit Stuttgart in nur 45 Minuten: ein starkes Angebot für eine stark nachgefragte Strecke“, sagte Hermann zur Übernahme der Strecke. Diese Verbindung wird von Abellio gemeinsam mit dem bisherigen Betreiber DB Regio bedient. Auch der Regionalexpress (RE), der bisher nur zur Hauptverkehrszeit halbstündlich fährt, verkehrt künftig häufiger: An Werktagen bis 20 Uhr im Halbstundentakt, an Samstagen bis 18 Uhr.

„Das Problem heißt Bombardier“

Der zweite Teil des Versprechens wird zumindest nicht von Beginn an eingehalten werden können. „Es gibt ein Problem und das heißt Bombardier“, sagte Hermann unmissverständlich. Der Zughersteller habe das Land und Abellio auch auf den bereits übernommenen Strecken „schwer im Stich gelassen“, und auch für den Betriebsstart im Neckartal ist absehbar, dass das Unternehmen nicht rechtzeitig genügend neue Züge liefern wird.

„Wir werden unter widrigen Umständen starten“, sagte Rolf Schafferath, Geschäftsführer von Abellio in Baden-Württemberg. Stand vergangene Woche seien 23 neue Fahrzeuge in Betrieb ­gewesen, bis zum Betriebsstart habe Bombardier zugesichert, mindestens sieben weitere Züge zu liefern. „Laut Liefervertrag sollten es bis dahin allerdings ­bereits 48 Züge sein“, sagte ­Schafferath. Man müsse also mit einem Defizit vom 18 Zügen umgehen.

Zu den fehlenden Zügen kommt noch ein weiteres Problem: Den bislang gelieferten Fahrzeugen fehlt nach wie vor die vollständige Zulassung des Eisenbahnbundesamts (EBA) für die so genannte Mehrfach- und Misch­traktion. Das bedeutet, dass Abellio verschiedene Züge nicht beliebig zusammenkoppeln darf. „Wir können die Züge deswegen nicht wie geplant einsetzen“, sagte Schafferath.

Abellio geht deswegen von Beginn an mit einem Ersatzkonzept an den Start. Auf der langsamen Regionalbahnstrecke, die alle Haltepunkte entlang der Neckartalbahn anfährt, kommen alte Züge von DB Regio zum Einsatz, die Verbindungen des RE und des IRE werden Ersatzunternehmen im Auftrag von Abellio übernehmen. Für Pendler bedeutet das gewisse Einschränkungen. „Wir haben darauf geachtet, dass die Kapazitäten eingehalten werden“, sagte Abellio-Chef Schafferath. Die Züge seien aber keine Neufahrzeuge und hätten deswegen kein Wlan und auch keinen barrierefreien Einstieg.

Ersatzkonzept bis Jahresende

Aktuell plant das Unternehmen damit, dass gegen Ende des Jahres alle fehlenden Züge geliefert sein werden. Bombardier teilte mit, ein zweites Werk für die Produktion der Züge eingeschaltet zu haben. Immerhin: Probleme beim Personal sind nach Angaben vom Abellio nicht in Sicht. „Wir konnten ausreichend Fahrpersonal rekrutieren, und die Mannschaft ist gut vorbereitet“, sagte Schafferath.

In der Region Tübingen hofft man, dass der Übergang reibungslos funktioniert. Tübingens Landrat Joachim Walter (CDU) ist allerdings skeptisch, dass jetzt plötzlich durch den Betreiberwechsel, eine Verbesserung eintritt. „Schließlich haben sich die Rahmenbedingungen zwischenzeitlich nicht verändert“, sagte er. Falls es erneut zu Problemen kommt, könnten seiner Ansicht nach viele Pendler auf das Auto umsteigen. „Wenn es so weitergeht, wird die Verkehrswende eine ganz andere sein“, sagte Walter.

Dass die neuen Züge nicht rechtzeitig geliefert werden können, führen einige Stimmen darauf zurück, dass der Verkehrsministerium diese zu knapp vor der Inbetriebnahme bestellt haben könnte. Das hält auch der Tübinger Landrat für plausibel. „Wir bestellen für unsere Regionalstadtbahn auch Züge und haben früh bemerkt: Man kann neue Züge nicht von der Stange kaufen“, sagte Walter.

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Züge vom Typ Talent 2 fehlen Abellio zum Betriebsstart auf der Strecke Stuttgart–Tübingen. Hersteller Bombardier konnte die Züge nicht rechtzeitig liefern.