Elisabeth Zoll Einst kochte der Baden-Württemberger Romeo Kern in Spitzenrestaurants, jetzt unterrichtet er in Kapstadt benachteiligte Jugendliche, um ihnen eine Perspektive zu geben. Von Elisabeth Zoll

Heimweh – das Wort verbindet Romeo Kern schon lange nicht mehr mit Deutschland. Dabei verbrachte der 55-Jährige seine Jugend dort, wo viele Menschen Urlaub machen:  am Bodensee, in der damals knapp 24 000 Einwohner großen Stadt Radolfzell. „Mir war alles zu eng. Ich wollte hinaus in die Welt.“ Er erwägt mit einem Freund auf ein Schiff zu gehen, bewirbt sich dann aber weltweit für eine Ausbildung als Koch – und landet nach wenigen Wochen in einem 5-Sterne-Hotel im südafrikanischen Johannesburg. Die Liebe zum Land ist geblieben. „Ich will nicht mehr zurück“, sagt Romeo Koch. Die zum Kochen ebenso. Doch statt für Luxus-Urlauber arbeitet Kern heute mit und für Jugendliche, die am äußersten Rand der südafrikanischen Gesellschaft sind.

Später Vormittag in Kapstadt. In der Lehrküche des Salesianer-Ordens klacken an diesem Morgen keine Schneidemesser auf Arbeitstische, auch die Kochtöpfe bleiben kalt. Dafür brüten zwei junge Burschen über einigen Blättern Papier. Es ist Prüfungszeit. Die beiden sitzen nach. „Eigentlich hätten sie um 9 Uhr mit ihren Tests beginnen müssen“, sagt Romeo Kern. Doch sie kamen erst eineinhalb Stunden später in der Schule. Alltag für Romeo Kern. Regeln einzuhalten, ist für einen Großteil seiner Schüler schwierig.

Jedes zweite Wort ein Fluch

Aber auch für Kern ist die Arbeit mit Jugendlichen aus extremen Verhältnissen ein „seelisch harter Job“. „Jedes zweite Wort ist ein Fluch.“ Umgangsformen, gar so etwas wie Respekt gegenüber anderen, kennen viele seiner dunkelhäutigen Schüler nicht.  „Sie wachsen meist in konfliktreichen Familien auf.“ Viele kennen ihre Väter nicht, sind von Kindertagen an mit Gewalt, Drogen und Prostitution konfrontiert. Nicht wenige wurden schon mehrfach von Schulen verwiesen.   „Für diese Jugendlichen sind die Salesianer die allerletzte Chance“, sagt Romeo Kern.

Seit rund 100 Jahren betreiben die katholischen Salesianer in der südafrikanischen Metropole eine technisch orientierte Schule für extrem benachteiligte Jugendliche. 14- bis 18-Jährige werden dort unterrichtet und auf die Ausbildung zum Schreiner, Elektriker, zur Friseurin oder einen Beruf im Gastgewerbe vorbereitet. Die deutsche Porsche AG hat seit 2017 eine Ausbildungswerkstatt zum Mechatroniker eingerichtet.

In Kapstadt eröffnet eine Lehre in der Gastronomie eine Perspektive. Vorausgesetzt: Die Schüler halten durch. Das schafft nur ein Teil der jungen Leute. „Nicht wenige sind straßenschlau. Ihnen ist das Überleben wichtiger als eine Ausbildung.“

Das zu akzeptieren, fällt dem Koch aus Südbaden bis heute schwer. Vor eineinhalb Jahren hat die Ordensschule bei ihm angefragt, ob er nicht benachteiligte Jugendliche ausbilden könne. Nach Berufsjahren in erfolgreichen Hotels und Restaurants hatte Kern lange an einer Schule für professionelle Köche unterrichtet. Der Beruf ist begehrt, doch in Südafrika ist die Ausbildung teuer. Deshalb tüftelte Romeo Kern vor acht Jahren ein Konzept für eine Internetkochschule aus. Wegen der viel geringeren Schulkosten können jetzt mehr Interessierte den Beruf erlernen.  Die Kurse füllen bis heute rund die Hälfte seiner Arbeitszeit.

Den anderen Teil verbringt er in der Lehrküche der Salesianer. Dort können nicht alle Schüler lesen und schreiben. Dann vermittelt er Theoriestoff im Frage- und Antwort-Stil. Einige Schüler schalten bei Arbeiten wie dem Zwiebelschneiden auf Rabatz. Fast alle murren auf, wenn es nach dem Kochen und Backen ans Putzen und Aufräumen geht.

Es sind diese Kraftproben, die auch an Romeo Kern zehren. „Wenn man wie ich drei Kinder großgezogen hat, weiß man schon, was Jugendliche so alles anstellen können.“ Und doch fordert die Arbeit mit Kindern, die ohne Regeln für ein zivilisiertes Zusammenleben ausgewachsen sind, in besonderer Weise. „Manchmal frage ich mich schon: Warum tust du dir das an?“

In solchen Momenten geben ihm jene Jugendliche Kraft, die sich unter großer Anstrengung mit ihren Händen ein besseres Leben erarbeiten wollen.  So wie Zizo, die einige Zeit seine Schülerin war. Weil ihre Familie scharf auf Brautgeld war, sollte die 19-Jährige die Schule verlassen und heiraten. Als sie sich weigerte, arrangierten Mutter und Brüder, dass sie vom auserkorenen Bräutigam entführt und vergewaltigt wurde. Zizo zeigte den Gewalttäter an – und tauchte unter. Die Ausbildung hat sie kurzzeitig unterbrochen. Den Traum von einem besseren Leben nicht. Romeo Kern und seine Familie werden sie dabei weiter unterstützen.

Beeindruckende Vermittlungsrate

Seit mehr als 100 Jahren arbeiten die Salesianer Don Boscos mit benachteiligten Jugendlichen in Südafrika. In Kurzkursen bieten sie ihnen eine Chance zum Berufseinstieg. Zuerst werden in einer „Lebensschule“ grundlegende Aspekte des Lebens vermittelt: Was ist Vertrauen, Verlässlichkeit, Selbstbewusstsein? Danach können sich Jugendliche in Berufskursen für eine Ausbildung fit machen. Das Job-Center der Salesianer hat eine Stellenvermittlungsrate von mehr als 80 Prozent. eth