Mannheim / Von Roland Muschel Ein Truppenabzug kann für eine Stadt auch eine Chance sein: In Mannheim ist aus der einst größten Wohnsiedlung der US-Truppen in Deutschland ein spannendes Experimentierfeld geworden. Von Roland Muschel

Vom fünften Stock eines gerade bezugsfähig gewordenen Gebäudes in der Thomas-Jefferson­-Straße blickt Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) auf benachbarte Baustellen. Später, beim Gespräch im wenige hundert Meter entfernten historischen Clockhouse in der Robert-Funari-Straße, sagt er: „Ich bin jedes Mal, wenn ich auf Franklin bin, erstaunt, was sich wieder getan hat.“

Franklin, Mannheims neuer, im Werden und Wandel befindlicher Stadtteil, hieß mal Benjamin Franklin Village, die Thomas-Jefferson-Straße Thomas-Jefferson-­Street und die Robert-Funari-­Street Robert-Funari-Straße. Das Areal, mit 144 Hektar Fläche ungefähr genauso groß wie Mannheims Innenstadt, bildete mit 10 000 Einwohnern lange die größte Wohnsiedlung der US-Streitkräfte in Deutschland. Es war eine Stadt in der Stadt, seit dem 11. September 2001 auch noch weitgehend abgeschottet durch Zäune, aber mit 1000 Zivilangestellten zugleich verwoben mit der Region. Heute ist es eine der größten Baustellen Europas ­– und eine der spannendsten.

In Stuttgart ist der Jammer gerade groß, weil die USA bekanntgegeben haben, dass sie aus Baden-Württembergs Landeshauptstadt erhebliche Truppenanteile abziehen wollen. Mannheim war vor zehn Jahren in einer ähnlichen Lage. „Die Ankündigung, dass die US-Truppen aus der Region abgezogen werden sollen, hat uns damals geschockt“, blickt Kurz, seit 2007 Mannheimer OB, in einem modern gestalteten Besprechungszimmer im Clockhouse zurück. „Ich bin sogar extra mit meinem Heidelberger OB-Kollegen Eckart Würzner ins Pentagon gefahren, um für den Verbleib zu werben, aber ohne Erfolg.“ Als klar gewesen sei, dass die Entscheidung stehe, „haben wir den Schalter sehr schnell umgelegt und versucht, die Veränderung als Chance zu begreifen. Heute kann ich sagen: Die positiven Effekte überwiegen die negativen bei Weitem.“

2000 Arbeitsplätze sollen in dem Stadtteil entstehen und Wohnungen für knapp 10 000 neue und alteingesessene Bürger der Stadt. Voraussetzung für die ambitionierten Pläne war der Kauf des ehemaligen Militärgeländes und die Gründung einer städtischen Entwicklungsgesellschaft. Geholfen haben das niedrige Zinsniveau und der steigende Druck auf den Wohnungsmarkt. „Natürlich gab es am Anfang auch kritische Stimmen: Benötigt Mannheim wirklich ein neues Quartier? Kann man so ein finanzielles Risiko eingehen?“, erinnert sich Kurz. Im Businessplan für Franklin steht immerhin die Summe von 220 Millionen Euro. „Aber die Entscheidung, dass die Stadt diese historische Gelegenheit aktiv nutzt, war goldrichtig.“ Und der Plan, dass über den Verkauf von Grundstücken an Investoren die gesamte Entwicklung finanziert werden soll, geht bislang auf.

Achim Judt hält mit dem Auto vor der ehemaligen Sports Arena der US-Truppen, früher hat hier etwa die Junioren-WM der Basketballer stattgefunden. „Das ist ein Kultort in Mannheim. Magic Johnson und Dirk Nowitzki haben hier schon gespielt“, erzählt der Geschäftsführer der städtischen Entwicklungsgesellschaft MWSP. Heute beherbergt das Gebäude eine Boulderhalle und ein Café, die äußere Form aber ist die alte, der Bodenbelag im Innern auch. Schräg gegenüber, im ehemaligen Soldaten-Kino, soll das Mannheimer Schauspiel während der Generalsanierung des Nationaltheaters eine Bühne erhalten. So mischt sich alt und neu.

„Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Historie des Ortes nicht zu verleugnen, sondern bestimmte Strukturen zu erhalten – und daraus einen neuen Charakter zu entwickeln“, beschreibt Judt, selbst Architekt, die städtebauliche Zielsetzung. Das Zentrum des Quartiers soll um die Kirche aus US-Zeiten herum entstehen. Investoren haben die Auflage, jeweils ein Bestandsgebäude zu erhalten. In früheren Offizierswohnungen leben nun junge Familien, in alten Kasernen entstehen preisgebundene Sozialwohnungen – wie auch in Neubauten.

Knapp 1900 Menschen sind bereits nach Franklin gezogen, rund 8000 sollen folgen; bis 2028 sollen 95 Prozent der Bautätigkeiten abgeschlossen sein. Die architektonisch spannendsten Projekte stehen noch aus. So sollen vier Gebäude in Form der Buchstaben H, O, M und E die Mitte des Quartiers markieren. Zusammen ergeben sie das Wort „HOME“, den englischen Begriff für Heimat, Zuhause.

„Franklin“, sagt Mannheims OB Kurz, „ist ein echtes Experimentfeld – für ökologisches Bauen, für bezahlbares Wohnen, für neue Mobilität, für innovative Architektur und zugleich für den Versuch, die Geschichte des Orts mit zu integrieren.“ Das lockt auch ehemalige Bewohner aus Übersee an: Viele Amerikaner, die mal in Mannheim stationiert waren, planen auf einer Europatour inzwischen ein Besuch im neuen, alten Franklin ein.

4400 Wohneinheiten,     50 Hektar Grünfläche

Im Stadtteil Franklin entstehen 4400 neue Wohneinheiten. Das Verhältnis Miet- zu Eigentumswohnungen beträgt 40 zu 60 Prozent. 2000 Arbeitsplätze sollen in dem neuen Stadtteil entstehen, 50 Hektar ­Grün­fläche aber auch genug Möglichkeiten für Naherholung und Sport bieten. Das Quartier liegt 5,5 Kilometer nordöstlich der Mannheimer ­Innenstadt.­