Riedlingen / Elisabeth Zoll Auf den Krieg folgt die Vertreibung. Hunderttausende suchen nach 1945 eine neue Heimat im zerstörten Deutschland. In Riedlingen gelingt ein ungewöhnliches Projekt. Von Elisabeth Zoll

Es war ein Wolkenbruch, der Johann Trautmann 1949 in Riedlingen stranden ließ. Viele Wochen schon war der donauschwäbische Flüchtling mit seinem Fahrrad in Deutschland unterwegs, um für sich und die Seinen aus der freikirchlichen Brüdergemeinde Arbeit und ein neues Zuhause zu suchen. Fast geschlossen waren 50 bis 60 Familien aus dem kleinen Dorf Szárazd, im Südwesten Ungarns, Ende 1944 vor der Roten Armee nach Bayern geflohen. In Künzing bei Vilshofen verdingten sich die Männer und Frauen als Knechte und Mägde oder arbeiteten im Straßenbau. Doch blieben sie dort die ungeliebten Fremden. Die Einheimischen hatten mit dem eigenen Überleben genug zu tun. Auch mit der Scham über den von vielen herbei geschrienen Krieg.

Vertriebene und Flüchtlinge waren da nicht wohl gelitten. Deshalb wurde der Zimmermann Trautmann losgeschickt, um Perspektiven in größeren Städten zu erkunden. „Mein Großvater war ein richtiger Macher“, sagt Daniel Trautmann. Der Mittfünfziger blättert in Aufschrieben seines Großvaters.  Als selbstständiger Bauingenieur ist ihm die  Tatkraft seines Vorfahren nicht fremd. Schon vor dem Krieg hatte der „Deutschländer“ Johann Trautmann in Szárazd Dampfmaschinen zum Getreidedreschen eingesetzt. „Das Dorf war weder rückständig noch arm.“ Es wurde im Krieg Opfer der hitlerischen Propaganda und stand auf der falschen Seite.

Mit seinem Rad strampelte Johann Trautmann an den Rhein, die Mosel hoch Richtung Trier, wurde von dort nach Ludwigshafen zur BASF und von dort an die Schweizer Grenze geschickt. Arbeit gab es, aber nicht gleich für ein ganzes Dorf. Doch ohne die Kinder und die Alten wollten die Donauschwaben in der Fremde nicht beginnen.

Trautmanns Mission war nach tausenden von Kilometern fast schon gescheitert. Dann kam wolkenbruchartiger Regen. Er führte dazu, dass der Donauschwabe auf der Rathauswache in Riedlingen übernachten musste. Die Frau von Bürgermeister Ludwig Walz, Ruth Walz, lud den Fremden ein zu einem warmen Essen. Die pietistisch geprägte Familie Walz hatte auch während des Nazireichs ihre Menschlichkeit nicht verloren. Der Riedlinger Bürgermeister Walz wurde für seine geheime Unterstützung der jüdischen Gemeinde von Buttenhausen im Großen Lautertal später in Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

Bei Walz stieß die Anfrage von Johann Trautmann auf Gehör. Am Rande Riedlingens, nicht weit vom Bahnhof entfernt, verfügte die Kommune über Flächen, die sich als Bauland eigneten. Erschlossen war der Grund freilich nicht. Doch das bremste das Vorhaben nicht aus.

„Die Stadt Riedlingen ist gewillt, die Dorfgemeinschaft von Herrn Trautmann (. . . ) aufzunehmen und auch eine Siedlung für sie zu bauen. Wir bitten die zuständigen Behörden, ihr Möglichstes zur Umsiedlung beizutragen“, heißt es in einem Einschreiben der Stadt Riedlingen an die Verwaltungsspitze in Künzing. Diese reagierte mit Verdruss. Man hatte sich an die arbeitsamen Donauschwaben gewöhnt. Weil sie aber nicht bleiben wollten, schickte Künzing im Oktober die ganze Brüdergemeinde auf einen Schlag weg.

Für Riedlingen waren die vielen Fremden so kurz vor dem Winter eine Herausforderung. Die donauschwäbischen Männer, Frauen, Kinder wurden einheimischen Familien zugewiesen. Platz gab es noch keinen. Auf Dachböden, in Kellern und neben Ställen wurden für die Bauzeit provisorische Kammern geschaffen. Am 10. Januar 1950 dann war es soweit: erste Fundamente für das Siedlungsprojekt, das die damalige Südwürttembergisch-hohenzollerische Landesregierung mit 750 000 Mark unterstützte, wurden ausgehoben. „Handwerker fertigten Schubkarren an, die Hilfsarbeiter hoben Straßen aus, andere holten Kies an der Donau“, schreibt Johann Trautmann in seinen Erinnerungen. Weil zum Bauen Wasser nötig ist, mussten sogar noch Brunnen ausgegraben werden.

Daniel Trautmann zeigt auf alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen: Männer graben mit Schaufeln die Fundamente der ersten 17 Doppelhaushälften. Auch sieben Bauernhöfe wurden geplant, neben Kleintierställen für jedes Haus. „Jeder, der arbeiten konnte, war auf den Baustellen, bis spät in die Nacht“, sagt Daniel Trautmann. Unterstützt wurden die Neubürger von der Stadtspitze. Ein Jahr lang brachte die Frau von Bürgermeister Walz jeden Tag in großen Milchkannen Eintopf auf die Baustellen.

Bereits am 1. Oktober 1950 konnten die ersten ihre neue Wohnung beziehen. Per Los wurden sie an die künftigen Eigner vergeben. Witwen und Waisen bekamen den Vorzug. Wochen später, an Weihnachten, waren alle Familien untergebracht. Als „Weihnachtsgeschenk“ schloss die Gemeinde die Häuser an die Stromversorgung an. Die Eichenau, so der Name der Siedlung, wuchs weiter. Eine Kirche, ein Kindergarten, weitere Häuser entstanden, neue Flüchtlinge kamen. Der Fleiß und der Zusammenhalt der Donauschwaben stießen in weiten Teilen der Bevölkerung auf Respekt. Doch es gab auch Vorbehalte. Über der Siedlung schwebte zur Mittagszeit eine Reihe unbekannter Düfte. Knoblauch und Paprika waren in der Riedlinger Küche bis dahin nicht bekannt.

„Neben unserer Küche und unserer Kleidung bildete unser Glaube sicher den schärfsten Kontrast zur Riedlinger Bevölkerung“, sagt Daniel Trautmann. Die freikirchliche Brüdergemeinde war weder katholisch noch lutherisch. Doch galt sie selbst im katholischen Oberschwaben als besonders fromm. „Unser Glaube hielt uns lange Zeit zusammen.“ Man blieb zunächst unter sich. Jugendliche organisierten sich in der Jungschar, dem Gitarrenchor oder Blechbläsern, nicht aber in der Narrenzunft. Das im katholischen Oberschwaben traditionelle Fasnetstreiben galt in der Eichenau als „heidnisch“, Alkoholkonsum war verpönt. Das leichte Leben trennte, nicht das schwere.

Bis man sich in Vereinen näher kam,  Einheimische und Zugezogene Freundschaften schlossen, sollte es dauern. Und doch wurde neue Heimat geschaffen. Daniel Trautmann lebt mit seiner Frau im Haus, das einst sein Großvater Johann baute. Die Eichenau ist seine Heimat.

Große Vertreibung

In Ungarn lebten 1944 etwa 700 000 Menschen deutscher Nationalität, das waren 4,8 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das zwischen den Alliierten geschlossene Potsdamer Abkommen sah die Vertreibung der Donauschwaben aus Ungarn nach Deutschland oder Österreich vor. Als Folge wurden zwischen 1945 und 1948 circa 250 000 – etwa jeder zweite – Ungarndeutsche enteignet und vertrieben. Mehrere zehntausend Ungarndeutsche wurden in Viehwagen zur Zwangsarbeit in Arbeitslager in die Sowjetunion gebracht.