Heilbronn / Hans Georg Frank In zweiter Instanz wird das Unglück mit einem „Hexenkessel“ beim Nachtumzug aufgearbeitet.

Die Geduld von Richter Thomas Berkner näherte sich nach gut zwei Stunden ihrem Ende. „Von allen Seiten wird gelogen, dass sich die Balken biegen“, schimpfte der Vorsitzende Richter der 12. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Heilbronn. Mit zwei Schöffen soll er eine spektakuläre Körperverletzung aufklären – die Verbrühungen einer Zuschauerin beim Eppinger Faschingsumzug im Februar 2018.

Damals war eine 18-Jährige in einen Kessel mit heißem Wasser geraten. Das Amtsgericht Heilbronn gelang zur Überzeugung, dass eines von 19 Mitgliedern einer freien Narrengruppe namens „Bohbrigga Hexabroda“ die junge Frau gepackt und in den Bottich gestellt hat. Der Versicherungskaufmann wurde zu einer Geldstrafe von 6600 Euro verurteilt, obwohl er wegen der Maskierung nicht zweifelsfrei identifiziert werden konnte.

Gegen das Urteil legte der Angeklagte Berufung ein. Jetzt muss das Landgericht den Aufsehen erregenden Vorfall aufklären. Was mit der jungen Frau passiert sei, „das ist fürchterlich“, stellte der Richter fest. Da sich niemand zu dem Fehlverhalten bekannt hat, geht er davon auf, dass jeden Tag mehrere Menschen mit einem schlechten Gewissen aufwachen, „weil sie zu feige sind, die Verantwortung zu übernehmen“.

„Nehmt sie mit“

Der Angeklagte bestreitet weiterhin jede Tatbeteiligung. Auch von seinem Narrenclub will es keiner gewesen sein. Der Anwalt deutete an, dass jemand aus dem Umfeld des Opfers schuld sein könnte. Diese Möglichkeit schloss der Richter nicht aus. Ein Freund der Geschädigten gab zu, sie den Hexen ausgeliefert zu haben: „Nehmt sie mit.“ Die Schwaden aus dem Kessel wurden als Produkt einer Nebelmaschine gedeutet. Eine Sanitäterin will gehört haben, dass im Freundeskreis lamentiert wurde: „Niemand hat uns gesagt, dass es heiß ist.“

Die Aussagen der Freunde vor dem Landgericht waren noch widersprüchlicher und lückenhafter als in der ersten Instanz. Obwohl es sich um ein einmaliges Erlebnis mit extremen Folgen für eine junge Frau handeln dürfte, bemühte sich niemand ernsthaft, den Sachverhalt aufzuklären. „Nicht einer von ihnen ist in der Lage, einen Ablauf zu schildern, der in sich stimmig ist“, kritisierte der Richter.

Am 12. und 27. Mai sollen weitere Zeugen gehört werden, insgesamt 38. Auf Verwunderung stieß jetzt vor Gericht, dass ein Kessel mit Feuer und heißem Wasser offenbar nicht immer bewacht worden ist. Berkner sprach schon deswegen von einem „gewissen Risiko“. Mindestens moralisch sei deshalb die ganze Gruppe verantwortlich, „sie hat den Wagen angeschleppt“.

Das Opfer erhielt inzwischen jene 50 000 Euro an Schmerzensgeld, die ihm in einem Zivilverfahren vom Landgericht Heilbronn zugestanden worden sind.  Hans Georg Frank