Rot am See / Ellwangen / Erwin Zoll Im Mordprozess von Rot am See bescheinigt der psychiatrische Gutachter dem Angeklagte eine wahnhafte Störung. Zur Frage der verminderten Schuldfähigkeit trifft er jedoch keine eindeutige Aussage. Von Erwin Zoll

Für das Landgericht Ellwangen ist die Aufgabe auch nach dem Vortrag des psychiatrischen Gutachters Peter Winckler aus Tübingen nicht einfacher geworden. In dem Prozess gegen den 27-jährigen Adrian S. wegen sechsfachen Mordes und zweifachen versuchten Mordes ging es gestern am fünften Verhandlungstag vor allem um die Frage, ob der Angeklagte wegen einer psychischen Erkrankung schuldunfähig oder vermindert schuldfähig ist.

In sechs Gesprächen von insgesamt 13 Stunden Dauer hatte sich der Psychiater in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim mit Adrian S. auseinandergesetzt. Er habe ihn dabei als außerordentlich kooperativ erlebt; dieser habe bereitwillig Angaben gemacht. „Er hat alle Fragen beantwortet in dem Bemühen, seine Sicht der Dinge darzustellen.“

Fachliteratur im Gefängnis

„Seine Sicht der Dinge“: Das ist vor allem die Überzeugung, seine Mutter habe ihn jahrelang mit dem synthetischen weiblichen Hormon Ethinylestradiol vergiftet, um seine Männlichkeit zu zerstören. Seine Halbschwester habe davon gewusst. Er habe beschlossen, beide zu töten, bekundete der Angeklagte mehrfach. Tatsächlich hat Adrian S. am 24. Januar dieses Jahres nicht nur seine Mutter und seine Halbschwester erschossen, sondern auch seinen Vater, seinen Halbbruder, einen Onkel und eine Tante.

Seit seinem 23. Lebensjahr sei das Ziel, Mutter und Halbschwester zu töten, sein zentraler Lebensinhalt gewesen, habe der Angeklagte erklärt und er habe dabei keine moralischen Bedenken geäußert, berichtete der Psychiater. Ihm hatte Adrian S. auch erzählt, dass er viel Zeit am Computer mit Spielen wie „World of Warcraft“ und „World of Tanks“ verbracht habe.

In der Untersuchungshaft habe Adrian S. sich in der Gefängnisbücherei psychologische Fachbücher besorgt, sich mit dem Thema „Schizophrenie“ beschäftigt und bei sich Parallelen zu dieser psychischen Krankheit erkannt. Winckler dagegen ist davon überzeugt, dass Adrian S. nicht an einer Schizophrenie leidet.

„Sicher ausgeschlossen“ könne zudem werden, dass er seinen psychischen Zustand nur vortäuscht, sagte Winckler. Er kommt vielmehr zu dem Ergebnis, dass bei Adrian S. eine „anhaltende wahnhafte Störung“ vorliegt, die mit einer „schizoiden Persönlichkeitsstörung“ verbunden sei, sich auf diese „aufgelagert“ habe.

Nicht schuldunfähig

Trotz dieser Störungen sei jedoch eine völlige Aufhebung der Steuerungsfähigkeit nicht gegeben, wie sie für eine Schuldunfähigkeit Voraussetzung sei, betonte Winckler. Wegen des „innere Drangs zur Tatausführung“; den Adrian S. gezeigt habe, sei eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit gegeben.

Allerdings gelte diese Verminderung mit Sicherheit nur bei den Morden an Mutter und Halbschwester, eingeschränkt auch beim Mord am Vater, nicht jedoch bei den anderen Opfern. Bei diesen gebe es keinen direkten Zusammenhang mit dem Wahn. Für das Gericht ist nun in der Frage einer verminderten Schuldfähigkeit entscheidend, ob es in den sechs Morden eine einheitliche Tat oder mehrere Taten sieht.

Und noch etwas hat der Gutachter dem Gericht zu bedenken gegeben: Wahnhafte Störungen könnten auf andere Personen „überspringen“. Andere Menschen als Mutter oder Halbschwester könnten also zu Zielpersonen werden. Die Voraussetzungen für eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus seien deshalb gegeben.

Notarzt kann wegen Corona-Kontakt nicht aussagen

Die Corona-Pandemie wirkt sich auch auf den Mordprozess von Rot am See aus. Prozessbeteiligte, Medienvertreter und Zuschauer müssen in einer schriftlichen Selbstauskunft unter anderem erklären, ob sie in den letzten 14 Tagen Kontakt zu einer infizierten Person hatten und ob sie an Beschwerden wie Husten, Schnupfen, Kopf- oder Gliederschmerzen leiden. Bevor sie den Sitzungssaal betreten, wird allen Personen die Körpertemperatur gemessen. Im Saal sind die Sitzplätze mit großem Abstand angeordnet. Bis zum Beginn der Sitzung müssen alle Anwesenden Masken tragen.

Am dritten Verhandlungstag wurde ein Notarzt nicht als Zeuge vernommen, weil er Kontakt zu einem Infizierten gehabt hatte. erz