Stuttgart / Von Tanja Wolter Der des Mordes beschuldigte Jaguar-Fahrer war im Internet als Autoposer aktiv. Zu Verhandlungsbeginn wird klar: Er raste den ganzen Tag durch die Gegend. Von Tanja Wolter

Die Eltern der Unfallopfer haben Bilder mitgebracht. Aus einem großen schwarzen Rahmen lächelt auf vier Fotos eine junge Frau mit langen Haaren heraus. In einem kleineren Rahmen, der eine Sitzreihe weiter vorne auf dem Tisch steht, ist ein junger Mann zu sehen. Die beiden waren ein Paar, bis zum 6. März 2019, als in einer Parkausfahrt im Stuttgarter Norden ein Jaguar in ihren Kleinwagen knallte.

Die Eltern treten in dem Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht als Nebenkläger auf. Eine der Mütter schluchzt auf, als der Angeklagte  am Mittwoch zum Prozessauftakt mit einer Stunde Verzögerung in den Verhandlungssaal geführt wird. Der 20-Jährige schützt sich mit einer roten Kapuzenjacke und einem blauen Schnellhefter vor den Blicken von Zuschauern und Me­dienvertretern. Bis auf den letzten Platz ist der Saal besetzt, trotz scharfer Sicherheitsvorkehrungen und Körperkontrollen.

Als die Vorsitzende Richterin ihn nach seinem Namen und Geburtstag fragt, geht ein Raunen durch den Raum, weil er zu leise spricht. Von einem Draufgänger keine Spur, der junge Mann mit Brille wirkt eher bubenhaft. Ein Zeuge sagt später über ihn, es sei ein „ruhiger“ Typ, einer, der „keinen Stress macht“.

An 16 Tagen muss die Jugendkammer nun klären, ob der ­Angeklagte ein Mörder ist, wie es die Staatsanwaltschaft Stuttgart sieht. Er soll in der März-Nacht mit einem geliehenen ­Jaguar F-Type Coupé mit 160 bis 165 km/h durch eine Straße im Stuttgarter Norden gerast sein und die Kontrolle über das Fahrzeug ­verloren haben, als er einem einbiegenden Wagen ausweichen wollte. Dabei donnerte der 550-PS-Sportwagen frontal in die Beifahrertür eines stehenden Citroen, in dem das junge Paar saß. Beide starben noch an der Unfallstelle. Der Jaguar-Fahrer und sein Beifahrer wurden leicht verletzt.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 20-Jährige das Gaspedal voll durchdrückte, obwohl ihm bewusst gewesen sei, dass er mit einer „nur vom Zufall abhängigen Wahrscheinlichkeit“ mit anderen Fahrzeugen zusammenstoßen könne. Den Tod von Menschen habe er bei seiner „nur auf den eigenen Geschwindigkeitsrausch bedachten Fahrweise“ zumindest billigend in Kauf genommen. Dabei habe er „mit gemeingefährlichen Mitteln“ gehandelt – ein Mordmerkmal.

Verteidiger Markus Bessler weist den Mordvorwurf sogleich „entschieden“ zurück. Er spricht von einem „unfassbar tragischen“ Geschehen. Durch das „Fehlverhalten“ seines Mandanten seien zwei junge Menschen aus dem Leben gerissen worden. „Hierfür trägt er die Verantwortung“, so Bessler. Aber der Fall unterscheide sich von anderen tödlichen Raserunfällen, in denen es vor allem um illegale Autorennen gegangen sei und die Täter wegen Mordes verurteilt wurden. Er appellierte an die Richter, in einem Jugendverfahren nicht dem „Zeitgeist“ zu folgen.

Der Angeklagte selbst will erst später Angaben machen, zumindest zur Person. Fest steht aber, dass ihm nicht nur kurz der Gasfuß durchging. Mit dem Jaguar eines Nürtinger Autoverleihers hatte der Kfz-Mechatroniker-Azubi am Tattag mit wechselnden Beifahrern aus seinem Bekanntenkreis gleich mehrere Touren in Stuttgart und Umgebung unternommen. Bereits am Nachmittag war er Zeugen in der Stuttgarter Innenstadt aufgefallen, weil er mit überhöhtem Tempo und aufheulendem Motor unterwegs war. Am Abend brachte er es laut Anklage  auf der Autobahn Richtung Stuttgarter Flughafen auf unglaubliche 274 km/h. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es ihm darum ging, anderen „zu imponieren“. Er war in sozialen Netzwerken als Autoposer aktiv.

Der 19-jährige Beifahrer, der zur Unfallzeit mit im Jaguar saß, ist am Mittwoch als erster Zeuge  geladen. Er sagt aus, dass er „aus Langeweile“ um die Fahrt gebeten habe. Und dass es auch ihm ums Angeben auf Instagram gegangen sei. Er habe die Fahrt in dem sozialen Netzwerk posten wollen. „Ein Jaguar kommt da voll cool.“ Der Beifahrer sagt aber auch aus, dass er den Fahrer gebeten habe, „es nicht zu übertreiben“. Ein Videoschnipsel von der Fahrt habe er gelöscht.

Die letzte Fahrt an dem Tag dauerte nur eine Minute, dann waren zwei Menschen tot. „Es war wie ein Augenzwinkern“, sagt der Zeuge. Sie beide seien geschockt gewesen. „Sag mir, dass das nur ein Traum ist, dass nichts passiert ist“: Das soll der Jaguar-Fahrer zu ihm gesagt haben.

Hersteller wirbt mit „Gänsehaut“-Effekt

Das Tatfahrzeug, ein Jaguar F-Type Coupé, wird auch nach dem tödlichen Unfall von Stuttgart vom Hersteller für seine „unvergleichliche Leistungsfähigkeit“ beworben. „Mehr Power. Mehr Dynamik. Mehr Gänsehaut“, heißt es auf der Internetseite von Jaguar. Das Auto, neu ab 121 000 Euro zu haben, garantiere „ein aufregendes Fahrerlebnis“. Es beschleunige in 4,1 Sekunden auf 100 km/h. Höchstgeschwindigkeit: 300 km/h.

Der Angeklagte hatte den Wagen von einem Nürtinger angemietet, der unter dem Namen „Royal Motors“ Sportwagen verlieh. Dessen Homepage ist inzwischen geschwärzt. Der Mann hatte offenbar keine Zweifel, das Auto einem 20-Jährigen zu vermieten, der nicht viel Fahrerfahrung hat. two