Deckenpfronn / David Nau Die Polizei ermittelt wegen sexuellen Übergriffen auf behinderte Bewohner einer Dorfgemeinschaft. Gemeldet hat die Fälle der Tatverdächtige selbst. Von David Nau

Die idylische Lage zwischen grünen Hügeln am Rande des Schwarzwaldes trügt: In der Dorfgemeinschaft Tennental bei Deckenpfronn (Landkreis Böblingen), in der Menschen mit Behinderung gemeinsam mit ihren Betreuern leben und arbeiten, soll es jahrelang sexuellen Missbrauch gegeben haben.

Wie die Dorfgemeinschaft jüngst selbst mitteilte, habe sich Ende Januar ein ehemaliger Mitarbeiter der Einrichtung gemeldet und offenbart, dass er in den vergangenen Jahren mehrere Bewohnerinnen sexuell missbraucht habe. Ein Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums in Ludwigsburg bestätigte die Angaben der Dorfgemeinschaft. Inzwischen ermittle die Kriminalpolizei wegen des Verdachts sexuellen Missbrauchs gegen den Mann, der weiter auf freiem Fuß ist.

„Der ehemalige Mitarbeiter hat acht Bewohnerinnen genannt, die Opfer seiner Übergriffe geworden sein sollen“, sagt Christoph Fasel, der Pressesprecher der Dorfgemeinschaft. Betroffen seien ausschließlich weibliche Bewohnerinnen, alle älter als 18 Jahre, da im Tennental nur volljährige Bewohner leben. Die Polizei habe dann sechs der genannten Bewohnerinnen befragt. „Zwei von ihnen haben Hinweise auf Übergriffe gegeben“, sagt Fasel. Der 29-jährige Heilerziehungspfleger habe immer wieder als Aushilfe in der Einrichtung gearbeitet.

Die Dorfgemeinschaft selbst wurde von den Offenbarungen des Mannes offenbar überrascht: „Uns in der Einrichtung lagen bisher keine Beobachtungen und keine Beweise zu den von der Person behaupteten Übergriffen vor“, sagt Matthias Hacker, der Vorstand der Dorfgemeinschaft.

29-Jähriger ist kein Unbekannter

Die Polizei teilt lediglich mit, dass die Ermittlungen noch in vollem Gange seien. Sie seien schwierig, weil der Tatverdächtige einen „relativ langen Zeitraum angegeben“ habe, teilt ein Polizeisprecher mit. Die Ermittler müssten nun die Unterlagen mehrerer Jahre durchgehen, außerdem müssten die Befragungen der Betroffenen mit „entsprechendem Feingefühl“ geführt werden.

Die Dorfgemeinschaft gibt sich offener: Der 29-Jährige war nach Angaben von Fasel kein Unbekannter in der Einrichtung, in der 365 Menschen leben, darunter rund 145 mit Behinderungen. „Der Tatverdächtige war als qualifizierter Mitarbeiter immer wieder im Tennental“, sagt Fasel. Außerdem sei der Mann der Sohn von Mitarbeitern der Einrichtung. „Er ist im Tennental aufgewachsen.“

Das sei auch eine Erklärung dafür, dass die Übergriffe, die sich über mehrere Jahre ereignet haben sollen, nicht früher entdeckt wurden, sagt Fasel. „Die sehr starke Vertrautheit führte dazu, dass Präventionsmaßnahmen gar nicht greifen konnten.“ Weiteres müssten die Ermittlungen der Polizei ergeben.

In der Dorfgemeinschaft im Tennental leben Menschen mit Behinderung gemeinsam mit ihren Betreuern in 15 Hausgemeinschaften zusammen. „Die Mitarbeiter begleiten die Bewohner beim Kochen und bei den Freizeitaktivitäten“, erklärt Philipp Müller, Vorstandsmitglied der Dorfgemeinschaft.

Im Rahmen der Ermittlungen hat sich nach Angaben von Fasel herausgestellt, dass es einen räumlichen Schwerpunkt der Übergriffe gab. „Die Übergriffe haben sich um Umkreis einer Hausgemeinschaft ereignet.“

Die beiden Hausleiter der betroffenen Hausgemeinschaft seien vorläufig suspendiert worden, sagt Fasel. „Da kann etwas nicht gestimmt haben mit dem Aufsichtsmechanismus“, erklärt er die Suspendierungen. Pikantes Detail: Einer der Hausleiter ist nach Angaben des Sprechers der Vater des tatverdächtigen 29-Jährigen.

Vorstand: „Sind alle geschockt“

„Wir sind alle sehr geschockt“, sagt Müller. Die ganze Dorfgemeinschaft sei „bestürzt über die Vorfälle und deutlich mitgenommen“. Nach der Selbstoffenbarung des 29-Jährigen habe der Vorstand der Dorfgemeinschaft sofort Polizei, Heimaufsicht und Aufsichtsrat eingeschaltet sowie dem Mann ein Hausverbot erteilt. Außerdem seien psychologische Fachkräfte eingeschaltet worden, die sich um die Betroffenen kümmern.

Das Landratsamt in Böblingen, das für die Aufsicht der Einrichtung zuständig ist, wartet nach Angaben eines Sprechers auf die Ermittlungsergebnisse der Polizei. „Wir konnten bislang keine Versäumnisse des Heimbetreibers feststellen“, sagte der Sprecher. Man habe daher auch keine sofortigen Schritte unternommen.

Antroposophische Einrichtung

Die Dorfgemeinschaft Tennental liegt etwa einen Kilometer außerhalb von Deckenpfronn (Kreis Böblingen). Gegründet wurde die antroposophische Einrichtung im Jahr 1991, heute leben dort 145 Menschen mit Behinderung sowie 220 Betreuer zusammen. Die Dorfgemeinschaft betreibt auf dem Gelände mehrere Werkstätten, einen Demeter- Bauernhof und Gewächshäuser.