Von Axel Habermehl Auch Baden-Württemberg lockert Schritt für Schritt seine Corona-Beschränkungen für Wirtschaft und Freizeit. Dabei geht das Land mit einem Fünf-Stufen-Plan vor. Von Axel Habermehl

Die Fliehkräfte waren riesig geworden. Als sich am Mittwochmittag per Videokonferenz die Ministerpräsidenten der Bundesländer und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) trafen, war nicht nur längst bekanntgeworden, welche Lockerungen der Corona-Beschränkungen die Kanzlerin vorschlagen wollte. Auch hatten mehrere Länder längst Fakten geschaffen.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte sich öffentlich über dieses Zerfasern geärgert. Ein bundesweit halbwegs einheitliches Vorgehen hatte es ihm ermöglicht, im besonders stark von der Pandemie betroffenen Südwesten seine Politik einer langsamen, vorsichtigen Öffnung gegen immer lautere Rufe, unter anderem aus den Reihen seines Koalitionspartners CDU, nach schneller und weitgehender Rückkehr in den Normalbetrieb zu verteidigen.

Einen eigenen Plan hatte das Land natürlich auch gemacht, schließlich ist man zuständig. „Wir sind damit nur nicht vor der heutigen Besprechung der Kanzlerin mit den Länderchefs hausieren gegangen – sehr bewusst, und im Gegensatz zu anderen“, grantelte Kretschmann gestern im Landtag.

Der Ministerpräsident hatte schon vorige Woche im Landtag angekündigt, ein „Ampelsystem“ erarbeiten zu wollen. Dort sollten alle Einrichtungen, Tätigkeiten oder Bereiche nach ihrem Infektionsrisiko bewertet und auf dieser Basis in drei Gruppen unterteilt werden: grün, gelb, rot – soll heißen: geht, geht vielleicht, geht gar nicht.

Am Mittwoch lag das Ergebnis dann vor. Das „Ampelsystem“ heißt „Stufenplan“ und sieht fünf Öffnungsschritte vor. Die erste, Stufe 1, soll am kommenden Montag greifen. Dann dürfen – unter strengen Hygiene- und Infek­tionsschutzmaßnahmen – beispielsweise Musik- und Jugendkunstschulen wieder öffnen, ebenso Dienstleister wie Sonnen-, Massage- oder Nagelstu­dios. Auch Spielbanken und Fahrschulen können ihren Betrieb wieder starten. Bereits bekannt und berichtet war, dass auch kontaktloser Sport im Freien ab Montag wieder erlaubt wird und die Besuchsbeschränkungen in Krankenhäusern, Senioren- und Pflegeheimen gelockert werden.

Außengastronomie startet bald

Noch in den zwei Wochen vor Pfingsten sollen zwei weitere Stufen freigegeben werden: Stufe 2 sieht neben einer Öffnung der Grundschulen für Viertklässler die Zulassung von Außengastronomie vor. Auch der Tourismus erfährt erste Lockerungen: Campingplätze dürfen für Selbstversorger aufsperren, Freizeit-Dienstleister wie Minigolf-Anlagen, Boots- und Fahrradverleihe den Betrieb aufnehmen.

Voraussichtlich Ende Mai folgt Stufe 3, dann dürfen Restaurants auch in ihren Innenbereichen wieder Gäste empfangen. Zudem soll bis dahin mehr Klarheit im von vielen Bürgern dringend ersehnten Bereich Kinderbetreuung herrschen. Bis Ende nächster ­Woche rechnet die Landesregierung mit ersten Ergebnissen einer wissenschaftlichen Studie zur Ansteckungsgefahr mit Covid-19 in Kitas und Kindergarten.

Die Ergebnisse muss die Landesregierung als Auftraggeber der Studie natürlich abwarten. „Über eine weitergehende Öffnung bei der Kinderbetreuung werden wir entscheiden, sobald Mitte Mai die Ergebnisse unserer Studie vorliegen“, sagte Kretschmann gestern.

Stufe 4 greift nach Pfingsten und ermöglicht einigen Angeboten im Bereich Tourismus, Freizeit und Sport die Wiederaufnahme: Beherbergungsbetrieben, Campingplätzen, Freizeitparks oder Fitnessstu­dios.

Gar keine Öffnungsperspektive haben vorerst Einrichtungen, Veranstaltungen und Angebote, die die Landesregierung in ihrer Stufe 5 zusammenfasst: Dazu zählen Innenräume von Kneipen, Mannschaftssport, Konzerte, Theater und andere Veranstaltungen mit vielen Besuchern, außerdem Schwimmbäder und Badeseen, Saunen, Clubs, Bolzplätze und Prostitution. Für all dies gelte, dass die Öffnung „nicht absehbar“ sei.

Der bayerische Weg

Bayern lockert die Ausgangsbeschränkungen. Neben einer Person außerhalb des eigenen Hausstands dürfen sich nun auch enge Familienangehörige treffen oder besuchen.

Ab Montag dürfen alle Geschäfte wieder öffnen, auch die größeren. Es gilt überall Mundschutzpflicht.

Zudem dürfen Gaststätten und Hotels schrittweise öffnen: Außenbereiche von Gaststätten am 18. Mai, Speiselokale am 25. Mai, Hotels am 30. Mai. Überall sollen Hygienekonzepte gelten.

Die Schulen sollen ab Montag schrittweise für immer mehr Jahrgänge wieder öffnen. Am 11. Mai sollen zunächst die Jahrgänge zurück an die Schulen dürfen, die im kommenden Jahr ihren Abschluss machen, sowie die Viertklässler an den Grundschulen. Am 18. Mai sollen die 1. Klassen folgen, die 5. Klassen der Mittelschulen sowie die 5. und 6. Klassen der Realschulen und Gymnasien. Ein  „schmales Angebot“ soll es bald auch für Zweit- und Drittklässler geben.

Erst nach den Pfingstferien Mitte Juni wird es Präsenzunterricht für alle Schüler und alle Altersklassen geben – in kleineren Gruppen, in der Regel im wöchentlichen Wechsel. Abschlussklassen dürfen seit Ende April die Schule besuchen. dpa