Königsfeld/Rottweil / Petra Walheim Im Regierungsbezirk Freiburg fördern vier Modellbetriebe die Biodiversität. Ein Besuch vor Ort zeigt, dass davon auch die Bauern selbst profitieren. Von Petra Walheim

Landwirt Manfred Haas steht in seinem summenden und brummenden Blühfeld in Flözlingen bei Rottweil und berichtet: Immer wieder würden Wanderer im Rathaus anrufen und fragen, wann die „Sauerei“ am Wegrand wegkomme. Mit der „Sauerei“ sind die Blühfelder gemeint, die Haas angelegt hat, um Insekten, Vögeln und Kleintieren mehr Nahrung und Lebensraum zu bieten.

Sein Hof ist einer von vier Modellbetrieben im Regierungsbezirk Freiburg, die sich der Förderung der Artenvielfalt besonders intensiv widmen. „Diese Unternehmen zeigen vorbildlich, wie sich moderne Landwirtschaft mit dem Artenschutz vereinbaren lässt und dies nicht zu wesentlichen wirtschaftlichen Nachteilen führt“, sagt Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer, die sich am Freitag zwei Modellbetriebe zeigen lässt.

„Wir haben einen klassischen Gemischtwaren-Betrieb.“ So stellt Manfred Haas seinen Hof vor. Auf knapp 120 Hektar Fläche gebe es unter anderem Dauergrün, Streuobstwiesen, Mais, Weizen, Raps, außerdem Zuchtsauen, Milchvieh und Legehennen. Die meterbreiten Blühstreifen entlang von Mais- und Getreidefeldern legt er nach seiner Aussage schon länger an. Die Mischung ist so zusammengestellt, dass es keine Blühpausen gibt. Es blüht immer etwas.

„Aber zur Biodiversität gehört mehr“, sagt Haas. Da sind zum Beispiel die Schwalben im Stall und die „Feldlerchenfenster“ auf den Äckern. Die sind auch Teil des Modellprojekts. Die „Fenster“ sind etwa 20 Quadratmeter große freie Flächen mitten in Getreide- und Maisfeldern. Die können Feldlerchen als Lande- und Brutplatz nutzen. Landwirt Haas hat mehrere solcher „Fenster“ angelegt, sieht aber auch ein Problem: „Um die Feldlerchen zu schützen, sollte es endlich wieder erlaubt sein, Raben und Krähen abzuschießen“, fordert er. Denn die räumen nach seiner Beobachtung die Lerchen-Nester aus.

„Mit ihrer Initiative zum Biodiversitäts-Stärkungsgesetz hat die Landesregierung einen wichtigen Impuls gesetzt, um die Landwirtschaft natur- und umweltverträglicher zu gestalten, ohne sie dabei wirtschaftlich zu überfordern“, betont Bärbel Schäfer. Damit dieser Ansatz möglichst schnell und möglichst bald auch flächendeckend praktisch umgesetzt wird, möchte das Regierungspräsidium (RP) ein Netzwerk von Modellbetrieben etablieren, die bei ihrem landwirtschaftlichen Tun die Biodiversität intensiv im Auge behalten.

„Landesweite Vorreiterrolle“

Vier Modellbetriebe gibt es aktuell im Regierungsbezirk Freiburg: im Schwarzwald-Baar-Kreis, im Ortenaukreis sowie in den Kreisen Rottweil und Lörrach. Das Ziel ist, in allen neun Landkreisen des Regierungsbezirks je einen Modellbetrieb auszuweisen. Damit nehme das RP eine „landesweite Vorreiterrolle ein“, sagt die Regierungspräsidentin. Die Modellbetriebe werden auch betriebswirtschaftlich begleitet. Das Landwirtschaftsministerium fördert das Projekt „Modellbetriebe Biodiversität“. So erhalten Landwirte für den Mehraufwand, den sie durch den Artenschutz haben, eine Entschädigung.

Für die Biodiversität in der Landwirtschaft wurde am RP eine neue Stelle geschaffen. Sie ist mit Katharina Hügel besetzt. Die erklärt am Mais- und Bohnenfeld von Uwe Götz in Königsfeld (Schwarzwald-Baar-Kreis) die Vorteile der Pflanzenkombination. Die Bepflanzung nennt sich Mais-Stangenbohnen-Gemenge und werde seit mindestens 2000 Jahren angebaut. Dabei nutzen die Stangenbohnen den stabilen Mais als Rankhilfe. Die Blüten der Bohnen dienen Insekten als Nahrung. „Hummeln mögen die Blüten der Stangenbohnen besonders gerne“, sagt Katharina Hügel.

Die Bohnen beschatten den Boden, damit der nicht so schnell austrocknet, sie unterdrücken das Unkraut und schützen den Boden vor Erosion. Außerdem erhöht die Stangenbohne den Stickstoffgehalt im Boden. „Davon profitiert der Mais.“ Für Uwe Götz ist aber auch wichtig, dass die Bohnen den Proteingehalt in der Silage erhöhen. Davon profitieren seine Rinder. Einer der größten Vorteile ist aber, dass die Wildschweine diese Äcker meiden. „Die mögen die Bohnen nicht“, sagt Uwe Götz.

Er fördert die Artenvielfalt auch mit Altgras-Streifen im Grünland. Das heißt, er mäht nicht die komplette Fläche ab, sondern lässt immer wieder einen bis zu 12 Meter langen und etwa halben Meter breiten Streifen stehen. „Das sind wertvolle Lebensräume für Insekten, Vögel und Kleintiere“, sagt Katharina Hügel. Werden die Streifen auch über den Winter stehen gelassen, sind sie für viele Insekten Quartiere zum Überwintern.

Als er die Altgras-Streifen zum ersten Mal stehen ließ, hätten ihn mehrere Landwirte aus dem Dorf angesprochen und ihm Hilfe beim Mähen angeboten, erzählt Uwe Götz. Er musste ihnen erst erklären, dass das Absicht ist.

Weiterentwicklung von „Rettet die Bienen“

Das Eckpunktepapier des Landes zum Schutz der Insekten ist die Weiterentwicklung des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“. Mit den Forderungen soll die Biodiversität gestärkt werden. Das Projekt „Modellbetriebe Biodiversität“ im Regierungsbezirk Freiburg unterstützt einige dieser Forderungen. 

Wichtige Punkte sind: Pflanzenschutzmittel sollen in Naturschutzgebieten ab 2022 nicht mehr eingesetzt werden; der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel soll bis 2030 landesweit um 40 bis 50 Prozent in der Menge reduziert werden; der ökologische Landbau soll bis 2030 – je nach Marktentwicklung – auf 30 bis 40 Prozent erhöht werden. wal