Andreas Stoch fühlt sich sichtlich wohl im Konferenzraum. Beim Besuch in der Ulmer Zentralredaktion der SÜDWEST PRESSE steht vor dem SPD-Landeschef eine Tasse Kaffee, er lehnt sich zurück und schlägt die Beine übereinander. Im Gespräch wirkt er entspannt, lacht viel – selbst auf die niedrigen Umfragewerte seiner SPD im Vorfeld der Landtagswahl im März 2021 angesprochen, wirkt er nicht sonderlich verzweifelt.

Inhaltlich will der designierte Spitzenkandidat der Südwest-SPD für die Landtagswahl aber so gar nicht auf Wohlfühlthemen setzen. Viele Wähler merkten, dass das Land vor wichtigen Weichstellungen stehe. „Corona hat in vielen Bereichen die Probleme, die sich in der Vergangenheit aufgestaut haben, aber unter einem Wohlfühlgefühl verdeckt waren, ein Stück weit hervorbrechen lassen. Da sind Risse in der Wohlfühldecke“, sagt Stoch. Viele glaubten nicht mehr, dass der Markt tatsächlich alles regle, dass Unternehmer immer die richtigen Entscheidungen träfen. Es brauche eine aktivere Regierung.

Beispiel Automobilindustrie: Der Staat müsse den Wandel in der Schlüsselbranche viel stärker unterstützen – und zwar nicht nur technologisch, sondern auch mit Blick auf die Beschäftigten. „Kretschmann spricht gerne von einem disruptiven Prozess, gegen den man wenig machen könne“, sagt der SPD-Landeschef. Aus Sicht seiner Partei müsse sich der Staat viel stärker um Weiterbildung kümmern. „Wenn wir gerade eine geringere Arbeitsmenge haben, muss ich den Menschen in der Zeit, in der sie weniger arbeiten, die Möglichkeit geben, sich weiterzubilden.“

Ob seine Partei damit auch im aufziehenden Landtagswahlkampf durchdringen kann, ist unklar. Man sehe jedoch, dass Kretschmann und die Grünen ihre Wohlfühldecke langsam verlören, auch wenn vielen Menschen im Land die Dramatik der Lage noch nicht bewusst sei, sagt Stoch. Er rechne für den Herbst mit Hiobsbotschaften von Arbeitsplatzabbau, Arbeitsplatzverlagerung und Insolvenzen in der Automobilindustrie. „Die Frage ist, ob Kretschmanns Wohlfühldecke noch lange genug ist und über die Füße reicht, oder ob die Menschen nicht sagen: Da muss doch endlich mal was passieren!“

Auch sonst steht dem 50-jährigen Juristen kein leichter Wahlkampf bevor. Seine Partei hängt in den Umfragen seit Jahren gerade so um die Zweistelligkeit herum, zudem rechnen viele Beobachter mit einem Zweikampf zwischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

Wie will Stoch da punkten? „Das ist extrem schwierig“, gesteht er, „wir haben keine Regierungsbühne, auf der wir uns präsentieren können.“ Einen Fokus will er auf die Bildungspolitik legen, wo es viel Unmut gebe, immer wieder werde Eisenmann mangelnde Kommunikation vorgeworfen. Im Gegensatz dazu wolle sich die SPD darstellen. „Wir werden viel mit den Betroffenen reden“, sagt Stoch; gerade ihm als ehemaligem Kultusminister würden in diesem Bereich Kompetenzen zugeschrieben.

Ansonsten hofft der SPD-Chef auf mögliche neue Farb-Konstellationen nach der Landtagswahl. Zwar werde er keine „Deutschland-Koalition“ aus CDU, SPD und FDP ausschließen. Klar sei aber: „Die größten Überschneidungen haben wir mit den Grünen.“ Sollte es für eine Neuauflage der grün-roten Koalition nicht reichen, sieht er auch Chancen auf eine Ampelkoalition mit der FDP, die ihre Verweigerungshaltung langsam abgebaut habe.

Auch ihn selbst reizt offenbar wieder ein Regierungsamt. „Ich habe in zehn Jahren parlamentarischer Arbeit gelernt, dass ich eher einer bin, der Lösungen finden will“, sagt Stoch. Er habe mehr Befriedigung aus der konstruktiven Rolle als Minister gezogen als aus der Rolle des Oppositionsführers. „Da wird erwartet, dass man immer mal wieder verbal mit dem Baseballschläger unterwegs ist. Das ist nicht mein Stil.“

Offiziell noch nicht Spitzenkandidat


Seit 2009 vertritt Stoch den Wahlkreis Heidenheim im Landtag, am Wochenende hat ihn die Parteibasis dort erneut als Kandidaten bestätigt. Die Bestätigung als Spitzenkandidat der Landes-SPD steht noch aus. Der Landesvorstand nominierte ihn im Januar einstimmig, der geplante Parteitag im Mai musste wegen Corona abgesagt werden. Ein neuer Anlauf ist für November geplant. dna