Oppenau / Petra Walheim Nach der Festnahme von Yves R. ist der Ausnahmezustand in und um Oppenau beendet. Seit Sonntag hatten über 1000 Polizisten nach dem 31-Jährigen gesucht. Die Verunsicherung im Ort war groß. Von Petra Walheim

Als ein Gast in Tarnkleidung ihre Gaststube in Oppenau betritt, bekommt die Wirtsfrau einen gehörigen Schrecken. Hatte die Polizei doch kurz zuvor informiert, dass der flüchtige Yves R. in Tarnkleidung unterwegs sei. „Aber das war nur ein Motorradfahrer, der eine Rast einlegen wollte“, erzählt die Wirtin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.  Jetzt ist die Gefahr ohnehin gebannt. Yves R. wurde am Freitagabend gefasst. Vier Schusswaffen seien sichergestellt worden, informiert die Polizei – ohne Schusswechsel und ohne, dass jemand ernsthaft verletzt wurde. Die Lokalzeitung in Oppenau hatte erfahren, dass der 31-Jährige im Oppenauer Ortsteil Ramsbach gefasst werden konnte. Der liegt 2,5 Kilometer von Oppenaus Stadtmitte entfernt. Ein Postbote soll den Hinweis gegeben haben.

Die Nachricht dürfte in der Region für Aufatmen gesorgt haben. Die Flucht des 31-Jährigen hatte große Verunsicherung ausgelöst. Der Mann, der sich selbst „Waldläufer“ nennt, sollte am Sonntag von vier Polizisten in einer Hütte im Wald kontrolliert werden. Dabei zog er eine Pistole, nahm den Polizisten die Dienstwaffen ab und flüchtete in den Wald. Seitdem suchten mehr als 1000 Polizisten im unzugänglichen Waldgebiet nach ihm.

Bis Freitag war die Polizei im Ort präsent. Nicht mehr mit dem Großaufgebot, wie zu Anfang der Woche, doch immer noch fuhren Polizeiwagen durch die Straßen. Hinter der Kirche beantworteten zwei Polizisten am Info-Mobil die Fragen besorgter Bürger.

Auch die von Waltraud Kerth. Sie  fragt Kirsten Baumgärtner und Hans Peter Huber, ob die Wanderwege rund um Oppenau sicher sind. Die Polizeibeamten äußern sich zurückhaltend. „Kein Mensch weiß, wo der Flüchtige ist“, sagt Huber. Das Gebiet sei nicht gesperrt, sagt er. „Jeder muss selbst entscheiden, ob er in den Wald geht.“

Bis zur Festnahme vermutete die Polizei, dass sich Yves R. im Wald bei Oppenau aufhält. Das löste im Ort und in der ganzen Region erhebliche Verunsicherung aus. Unter den Hoteliers und Gastronomen lagen die Nerven blank. Das riesige Polizeiaufgebot mit Spezialkräften und Hubschraubern, das Oppenau nach der Flucht des Mannes in  den Ausnahmezustand versetzte, hat den Hotels und Gastronomiebetrieben nach Corona einen weiteren Dämpfer versetzt.  „Wenn die Leute im Fernsehen das Polizeiaufgebot in Oppenau sehen, kommen die doch nicht mehr hierher“, sagt eine Wirtin. Tatsächlich hätten einige Gäste ihre Buchungen storniert. Das berichten mehrere Hoteliers im Ort.

Monika und Rudolf Rummel aus Schifferstadt bei Speyer haben sich nicht beirren lassen. Sie hätten am Sonntag von dem Vorfall gehört, berichten sie. Sie hätten ihre Vermieterin angerufen und gefragt, ob Oppenau sicher sei. Die habe empfohlen, den Wald zu meiden, sich anderswo aufzuhalten. Möglichkeiten gebe es genug. „Also sind wir am Dienstag angereist und bleiben zwei Wochen“, sagt Monika Rummel gut gelaunt.

Auch Gunia Wassmer, die Geschäftsführerin der Renchtal Tourismus GmbH, gab Entwarnung. „Solange die Leute nicht alleine in die entlegensten Winkel des Waldes gehen, besteht meiner Ansicht nach keine Gefahr.“ Sie empfahl, sich mindestens zu zweit, besser in Gruppen, auf belebten Wanderwegen zu bewegen.

Die meisten Oppenauer halten Yves R. für harmlos. Eine kleine Einschränkung gibt es allerdings: „Wenn er in die Enge getrieben wird, weiß niemand, wie er reagieren wird“, sagt ein Oppenauer und Mountainbiker, der Yves vom Sehen  und die Wälder von seinen Touren kennt. Schließlich hatte er die vier Dienstpistolen. Einige Oppenauer vermuten, dass er die längst vergraben hat und niemandem damit schaden möchte. Der Mountainbiker ist überzeugt: „Die finden ihn nie.“ Das Gelände sei zu zerklüftet, überall gebe es Felsspalten, in denen er sich verstecken könne. Er sollte nicht Recht behalten.

Am Donnerstag informierte die Polizei, sie durchsuche Höhlen, alte Bunkeranlagen und verlassene Gebäude.  Die Ermittler gingen mehr als 270 Hinweisen nach. Lange ohne Erfolg.

Bürgermeister Uwe Gaiser ist an diesem Freitag mit einem Kamerateam des ZDF im Ort unterwegs. Er ist froh, dass wieder einigermaßen Ruhe herrscht. „Das hatte schon etwas Beängstigendes“, sagt er. Er bedauert, dass nur noch wenige Tagestouristen kommen. „Doch das kann auch am schlechten Wetter liegen.“

Er kennt Yves R., wie die meisten Oppenauer, nur vom Sehen. Einige berichten, jahrelang sei er immer mal wieder durch den Ort spaziert, habe nie jemandem etwas getan. „Es hieß dann immer, der Yves ist wieder im Städtle“, berichtet Edith Panter-Poveda, die etwas außerhalb von Oppenau Gasthaus und Hotel betreibt.

Als Schreiner gearbeitet

Uwe Hauser, Inhaber des Bistros „Pavillon“ und der Minigolfanlage, kennt Yves R. seit sechs Jahren. „Ich habe in den vergangenen vier Wochen die meiste Zeit mit ihm verbracht“, sagt er. Yves sei Schreiner, deshalb habe er ihn gebeten, ihm „als Freundschaftsdienst“ bei Reparaturarbeiten zu helfen. „Der Lohn war Essen und Trinken.“ Über das „Manifest“, das in den Medien die Runde macht, kann er nur lachen. „Das ist ein Brief, den er mir gegeben hat und in dem er mir beschreiben wollte, wie er denkt und was ihn bewegt.“ Auch Yves’ Mutter hat sich zu Wort gemeldet und ihren Sohn in Schutz genommen. Er tue niemandem etwas, sagt sie.

Im Internet hat sich für ihn ein Fanclub gebildet. Außerdem wurde eine Petition gestartet, mit der Amnestie für ihn gefordert wird: Er habe niemandem etwas getan, schreibt der Initiator. Bevor die Polizei ihn erschieße oder es zu Schlimmerem komme, solle ihm die Möglichkeit gegeben werden, sich zu stellen.

Das war am Freitagnachmittag Inhalt eines Pressetermins. Der Offenburger Polizeipräsident Reinhard Renter appellierte an Yves R., Kontakt mit der Polizei aufzunehmen. Das könne über Freunde oder die Familie geschehen. „Das ist ein Weg, gesund für alle herauszukommen.“ Das übrigens war bei fast allen Gesprächen in Oppenau zu hören: der Wunsch, dass „die Sache für alle Seiten gut ausgeht“. Der Wunsch ist in Erfüllung gegangen.

Mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gekommen

Yves R. wurde 2005 unter anderem wegen Volksverhetzung verurteilt. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Offenburg veränderte er 2004, im Alter von 15 Jahren, das Schild eines Jugendwerks durch Entfernen und Hinzufügen von Buchstaben so, dass die Aufschrift danach „Juden weg“ lautete. Das Urteil lautete acht Jahre auf Bewährung. Außerdem habe er eine Bombenattrappe gefertigt, um den Erzieherinnen im Jugendwerk Angst zu machen.

2010 hat er mit einer Armbrust eine Freundin schwer verletzt. Dafür saß er dreieinhalb Jahre im Gefängnis. Er gilt als Waffennarr. wal