Stuttgart / Axel Habermehl Eine der zentralen Hinrichtungsstätten der süddeutschen NS-Justiz lag im Stuttgarter Justizgebäude. Mehr als 400 Menschen starben hier. Seit 2019 erinnert eine Ausstellung an sie. Von Axel Habermehl

Der Scharfrichter reiste immer am Vorabend an. Er baute dann noch mit Gehilfen die Guillotine auf. Die Tötungen fanden am nächsten Tag statt, früh, von etwa fünf bis sieben Uhr. Die Verurteilten wurden durch einen unterirdischen Gang aus dem benachbarten Gefängnis in den Lichthof des Justizpalastes in der Stuttgarter Urbanstraße gebracht. Dann wurde einer nach dem anderen mit dem Fallbeil geköpft.

„Der gesamte Ablauf muss grauenhaft gewesen sein. Die Gefangenen standen in einer Reihe vor der Richtmaschine, sie wateten im Blut“, schreibt die Historikerin Sabrina Müller vom Stuttgarter Haus der Geschichte im Katalog zur Dauerausstellung „NS-Justiz in Stuttgart“, die sie kuratiert hat.

Der Lichthof war eine zentrale Hinrichtungsstätte der nationalsozialistischen Justiz im deutschen Südwesten, eine der größten reichsweit. Mindestens 423 Menschen wurden hier bis 1944 getötet.

Viele Delikte, die zu Todesstrafen führten, waren geringfügig: Aus den Anfangsjahren der NS-Herrschaft vermerken die Akten noch oft Mord oder Totschlag, spätestens mit Beginn des Zweiten Weltkrieges dann zunehmend „Einbruchsdiebstahl“, „Plünderung“ oder „Politisches Motiv“.

Die Nazis hatten den Katalog der Straftaten, in denen Todesstrafen verhängt werden konnten, erheblich ausgeweitet. Vor 1933 waren es drei Tatbestände, zu Kriegsende 46. In der Folge vervielfachten sich die Hinrichtungen. In Stuttgart etwa fiel das Fallbeil am 1. Juni 1943, dem Tag mit den meisten Tötungen, 35 mal.

Historikerin Müller beschreibt im Ausstellungskatalog die „Radikalisierung der Justiz“. In krassen Strafen der Nazi-Richter sieht sie einen Versuch, von der absehbaren militärischen Niederlage abzulenken. „Das war eine riesige Propagandaaktion“, sagt Müller. Reihenweise seien „kleine Diebe und Einbrecher“ hingerichtet worden, oder auch ausländische Zwangsarbeiter, die Beziehungen mit deutschen Frauen hatten. „Die Juristen hatten einen riesigen Ermessensspielraum“, sagt Müller. „Er wurde aber quasi nie zugunsten von Angeklagten ausgeschöpft.“

Urteile im Eiltempo

Schon seit den frühen 30er Jahren formten die Nazis die Justiz in Deutschland nach ihren Wünschen um, was die sich weitgehend widerstandslos bis entgegenkommend gefallen ließ. Nicht nur wurden unliebsame Juristen, wie Sozialdemokraten oder Juden, verfolgt und ausgestoßen sowie ein spezielles politisches Strafrecht etabliert, um Gegner zu verfolgen. Auch fand die NS-Ideologie der von „Schädlingen“ bedrohten „Volksgemeinschaft“ Eingang ins Strafgesetzbuch. So konnten beispielsweise ab dem Jahr 1935 Taten geahndet werden, die nach einem „gesunden Volksempfinden Bestrafung verdienten“.

Zudem wucherte ein System von Sondergerichten, dessen Wurzeln in der Weimarer Republik ankerten. Verhandelt wurde dort im Eiltempo unter Missachtung von Angeklagtenrechten.

Berüchtigt war in Stuttgart der Vorsitzende Hermann Cuhorst, der dutzende Todesurteile sprach. Doch auch Richter weiterer Stuttgarter Gerichte verhängten Todesstrafen. Zudem wurden Verurteilte von überall in Süddeutschland hier hingerichtet.

Den Hof gibt es heute nicht mehr. Das Gebäude wurde 1944 bei einem Luftangriff zerstört. Dort, wo das Fallbeil fiel, parken heute Justiz-Mitarbeiter ihre Autos. Nicht einmal die Bodenhöhe stimmt noch.

An die Opfer des Unrechtssystems erinnert seit 1994 eine Inschrift in einer Mauer des Landgerichts: „Den Opfern der Justiz im Nationalsozialismus zum Gedenken. Hunderte wurden hier im Innenhof hingerichtet. Den Lebenden zur Mahnung.“ Seit 2019 gibt es zudem die Ausstellung. Im Landgericht und auf dem Vorplatz klären Exponate und Tafeln über das Thema auf, erinnern an Opfer und Täter, von denen die meisten in der Justiz der Bundesrepublik Karriere machten.

Diese Kontinuität ist einer der Gründe, aus denen der inzwischen pensionierte Verwaltungsrichter Fritz Endemann 30 Jahre lang für den Erinnerungsort gekämpft hat. „Das war alles sehr zäh“, sagt der heute 84-Jährige. 1989 schrieb er den ersten Brief an den Justizminister und den Präsidenten des Oberlandesgerichts. Die Inschrift von 1994 geht darauf zurück. Ein Etappenerfolg, doch Endemann fand sie zu unauffällig und „viel zu allgemein“. Jedoch: „Mehr war damals nicht zu erreichen“, erinnert er sich.

Also machte er weiter, gemeinsam mit Mitstreitern drang er auf echte Aufarbeitung, einen würdigen Erinnerungsort. Doch erst 2011 unter SPD-Justizminister Rainer Stickelberger kam Endemann weiter. Es dauerte noch acht Jahre, bis die Ausstellung im Landgericht öffnete. Auf dem Vorplatz stehen nun drei schwarzen Stelen und darauf die Namen der 423 belegten Hinrichtungsopfer. Ob es wirklich alle sind, ist unsicher.

Corona-Folge: Ausstellung noch geschlossen

Die Dauerausstellung „NS-Justiz in Stuttgart“ wurde vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg erarbeitet. Ausstellungsort ist das Landgericht Stuttgart, Urbanstraße 20, 70182 Stuttgart. Teile der Ausstellung befinden sich im 1. Obergeschoss des Gebäudes. Die Stelen, die Daten zu den Hingerichteten verzeichnen, stehen auf dem Vorplatz des Gebäudes.

Wegen der Corona-Pandemie kann derzeit die Ausstellung im Innern des Gebäudes nicht besucht werden. Sie sei „wegen der Reduzierung des Dienstbetriebes am Landgericht Stuttgart zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus geschlossen“, teilt eine Sprecherin mit. Zwar ist der Dienstbetrieb seit Montag, 27. April, erweitert worden. Die Ausstellung aber könne trotzdem „aus Infektionsschutzgründen leider zunächst nicht wieder öffnen“. hab