Nordrach / Petra Walheim Tausende Besatzungskinder aus der französischen Zone  wurden nach Frankreich gebracht. Sie sind bei Adoptiv-Eltern aufgewachsen, wovon viele nichts wussten.  Von Petra Walheim

Michael Martin ist ein „Besatzungskind“. Sein Vater war der französische Soldat Marcel Challot. Seine Mutter die Deutsche Ingeborg Martin.  Der heute 73-Jährige, der in Landau in der Pfalz lebt, ist aus einer Liebesbeziehung entstanden. Das machte seiner Mutter und ihm das Leben im Nachkriegs-Deutschland nicht leichter, immerhin wusste er aber von Anfang an um seine Herkunft. Das war nicht selbstverständlich. Viele Kinder, die im Frühjahr 1945 in den vier Besatzungszonen gezeugt wurden und im Herbst oder Winter zur Welt kamen, wussten oft bis ins hohe Alter nicht, wer ihr Vater war.

Nicht wenige haben es nie erfahren, bekamen aber ihr Leben lang zu spüren, dass mit ihrer Herkunft etwas nicht stimmte.  Hinzu kam, dass viele der Besatzungskinder nach Frankreich „exportiert“ und dort adoptiert wurden. Für jedes dieser Kinder wurde in Frankreich ein Dossier angelegt. Der Historiker und Professor Rainer Gries von der Universität Wien hat sich durch die Dossiers gearbeitet. 60 Jahre waren sie von den französischen Behörden gesperrt, nun sind sie frei zugänglich.

Vergewaltigung oder Liebe

Nachdem der Krieg verloren war, nahmen sich in den vier Besatzungszonen die Alliierten, was ihnen ihrer Meinung nach zustand. Auch die Frauen. Tausende wurden von Soldaten vergewaltigt. Manche fanden unter den Alliierten aber auch die Liebe ihres Lebens, andere gingen kurze Beziehungen ein. Mehrere 100 000 Kinder wurden so 1945 gezeugt.

In der französischen Besatzungzone waren es nach Auskunft von Rainer Gries geschätzt 20 000 Kinder, die eine deutsche Mutter und einen französischen Vater hatten. „Geschätzt deshalb, weil viele Frauen nicht angeben wollten,  dass ihr Kind einen Franzosen zum Vater hat“, sagt Gries. Wurde das bekannt, war die Frau meist Diskriminierungen ausgesetzt. „Viele wurden als Franzosen-Huren beschimpft und sozial isoliert.“ Ihre Kinder wurden „als Kinder des Feindes verachtet und als ,Bankerte’ (Bastarde) beschimpft“, heißt es in einem Text von Rainer Gries im Buch „Wege in ein neues Leben – Die Nachkriegszeit“, das vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg 2017 veröffentlicht wurde.

Trotzdem wollten viele Frauen ihre Kinder nicht hergeben, hielten dem Druck der Franzosen stand, die alle Kinder mit französischen Vätern nach Frankreich holen wollten. Die Suche nach ihnen begann Ende 1945. „Am Nikolaustag des Jahres 1945 erging ein Befehl von General Pierre Koenig, dem Chef der Militärregierung der französischen Zone, demzufolge die deutschen Behörden unverzüglich alle Kinder zu melden hatten, die von einem Angehörigen der Vereinten Nationen abstammten“, heißt es in dem Buch.

„Die Idee war, das französische Volk, nach den verheerenden Verlusten in den beiden Weltkriegen, zu erneuern und so die Verluste auszugleichen“, sagt Gries. Obwohl die Kinder deutsche Mütter hatten, waren sie aus Pariser Sicht französische Staatsbürger, „weswegen man diese Babys juristisch und politisch für die Grande Nation beanspruchte“, schreibt der Historiker. Für die Franzosen sei das ein „lebenswichtiges“ Anliegen gewesen. „Nach französischem Recht und aus französischer Perspektive handelte es sich bei den Säuglingen um veritable Franzosen“, heißt es im Buch. Der Anspruch war, dass diese Kinder „repatriiert“ werden mussten. „Retour en France“ hieß die Devise, obwohl die Kinder noch nie in Frankreich waren.

„Sie haben die Frauen damit gelockt, dass sie ihnen für ihre Kinder ein gutes Leben versprachen“, sagt Gries. Trotzdem hätten nur etwa zehn Prozent der Frauen ihre Kinder weggegeben. Meist aus Not, weil sie nicht für sie sorgen konnten und die Hoffnung hatten, dass die „Underdog-Kinder“ durch ein Leben in Frankreich aufgewertet werden. Zu den anderen meint Gries: „Es war eine große Leistung der Frauen, dem Druck der Franzosen standzuhalten und zu versuchen, sich und das Kind durchzubringen.“

Für Kinder, derer die Franzosen habhaft werden konnten,  wurden in der französischen Besatzungszone Kinderheime eingerichtet. Eines davon befand sich in Nordrach (Ortenaukreis), das „Pouponnière de Nordrach“. Das Gebäude wurde 1898 als Lungenheilanstalt gebaut und 1905 von der Stiftung Rothschild als Tuberkulose-Sanatorium für jüdische Patientinnen übernommen. 1942 deportierten und töteten die Nationalsozialisten die letzten Patientinnen und Angestellten. Der SS-Verein „Lebensborn“ richtete ein Geburtshaus ein. Von 1947 bis 1949 war die „Pouponnière“ „eine Drehscheibe für die Säuglinge“, die nach Frankreich verbracht wurden, so der Historische Vereins Nordrach. Zuletzt wurde das Gebäude bis August 2019 als Pflegeeinrichtung für psychisch- und abhängigkeitskranke Menschen genutzt. Seither steht es leer.

Für die „Besatzungskinder“, die vor vielen Jahren in dem Heim untergebracht waren, ist es Teil ihrer Suche nach den Wurzeln. Viele beginnen im Alter damit. Für Michael Martin begann sie mit dem Berufsleben. Ihm kam zugute, dass er 24 Jahre das Stadtarchiv in Landau leitete, somit Kontakte nach Frankreich und Zugang zu Archiven hatte. Michael Martin hat mit seiner Vergangenheit Frieden geschlossen.

„Herzen ohne Grenzen“ gibt es seit 15 Jahren

Ende 2005 beschlossen einige „Besatzungskinder“, sich regelmäßig zu treffen und sich zu unterstützen. Sie gründeten den Verein „Herzen ohne Grenzen – Coeurs sans Frontiéres“, den es bis heute gibt. Das Anliegen der Mitglieder ist, zum Beispiel über Recherchen in Archiven die meist gut gehüteten Geheimnisse um ihre Väter und ihre Abstammung zu lüften und Zugang zu ihren Wurzeln zu finden. Es finden regionale und internationale Treffen statt. Auf der Internet-Seite „coeurssansfrontieres.com“ sind viele Informationen zu finden. wal