Wie es um den Kinderschutz seit Corona bestellt ist? Josefine Barbaric formuliert es drastisch: „Was wir in der Krise gesehen haben, ist, dass wir keinen Kinderschutz haben“, sagt die Präventionstrainerin aus dem Kreis Göppingen. Anders als beispielsweise in Dänemark stünden Kinder hierzulande nicht im Mittelpunkt. Kitas und Schulen seien wochenlang geschlossen worden, ohne die gravierenden Folgen zu bedenken. „Es gibt Kinder, die seit Wochen mit ihren Gefährdern zu Hause eingesperrt und ihnen komplett ausgeliefert sind“, sagt Barbaric, die sich schwerpunktmäßig gegen sexualisierte Gewalt einsetzt.

„Jedes Kind hätte notbetreut werden müssen“, sagt auch Doris Möller-Espe, Mitglied im Landesvorstand des Kinderschutzbundes. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass Kinder keine Lobby hätten, obendrein habe es Missmanagement gegeben. „Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum Grundschüler über Wochen überhaupt keinen Kontakt zu ihrer Schule hatten. Man hätte wöchentliche Einzeltreffen zur Übergabe der Hausaufgaben organisieren können, dann hätten sich Lehrer und Kind zumindest mal gesehen.“

Möller-Espe hat als Geschäftsführerin des Pforzheimer Kinderschutzbundes in den vergangenen Wochen viel mit überforderten Eltern telefoniert. Eine Mutter habe ihr gesagt, dass sie ihre Kinder nur noch anschreie. Eine andere, alleinerziehend, psychisch krank, habe sich vier Wochen mit ihren drei Kindern in der kleinen Dachgeschosswohnung eingeschlossen, aus Angst zu erkranken und die Kinder dann nicht mehr versorgen zu können. Vier Wochen ohne frische Luft und soziale Kontakte.

Zu Stress und Druck sei eine Verschärfung der sozialen Spaltung und der Bildungsungerechtigkeit gekommen. Möller-Espe: „Wir haben hier in der Hausaufgabenbetreuung Kinder, die mit Arbeitsblättern von sechs Wochen kommen, von denen keines angerührt ist.“ In anderen Familien gebe es schlicht kein Smartphone oder keinen PC. „Wir haben in Deutschland Lehrmittelfreiheit, dazu gehört für mich auch, dass alle denselben Zugang zu technischen Hilfsmitteln haben“, sagt die Diplompädagogin.

Es ist nicht Möller-Espes einzige Forderung an die Politik. Kurzfristig wünscht sich die Geschäftsführerin flexible Finanzierungszusagen des Staates: „Wir wissen derzeit beispielsweise nicht, ob wir die Fördermittel für unsere Hausaufgabenbetreuung bekommen.“ Diese habe man zwar durchgehend angeboten, aber eben nicht in Gruppen, wie es den Vorgaben entspräche, sondern in Einzelberatungen oder telefonisch. Langfristig fordert Möller-Espe, dass mehr in den Kinder- und Jugendschutz investiert werde. Jugendämter müssten besser aufgestellt, mehr Stellen für Schulsozialarbeiter geschaffen werden.

Begegnung in Familienzentren

Auch bei der Diakonie Württemberg will man das Thema Prävention als Folge aus der Krise stärken. Es habe sich gezeigt, dass es wichtig sei, Hilfen für Familien in Krisenlagen auszubauen. Dazu gehörten mehr finanzielle Unterstützung, der Ausbau von niedrigschwelligen Hilfen, etwa über Begegnungsmöglichkeiten in Familienzentren, sowie die Ausweitung der schulischen Unterstützung, sagt Sprecherin Anna-Lena Joßberger. Grundsätzlich sehe man den Kinderschutz in Deutschland aber gut aufgestellt – auch in der Pandemie.

Nur weil Kitas und Schulen zu gewesen seien beziehungsweise teilweise noch geschlossen seien, heiße das nicht, dass man aufgehört habe hinzuschauen, hatte auch Jürgen Stromaier, Leiter des Referats Hilfe zur Erziehung beim Landesjugendamt Stuttgart, vor Kurzem gegenüber der Nachrichtenagentur dpa betont. Der Kinderschutzbund und die Diakonie unterstreichen ebenfalls, dass zumindest zu jenen Kindern, die bereits im System waren, Kontakt gehalten wurde – über Handy und Computer sowie über persönliche Treffen auf Abstand, wenn möglich. Gleichzeitig warnte Strohmaier jedoch, dass Kinder ohne auf die Krise zugeschnittene Angebote von Ämtern und sozialen Einrichtungen Schaden nehmen könnten. Er sehe großen Entwicklungsbedarf. „Die Krise wird zur Normalität werden. Dafür haben wir kein umfassendes Konzept.“

Angebote für junge Menschen müssten daher zum frühestmöglichen Zeitpunkt wieder hochgefahren werden, fordert die Diakonie Württemberg. Das müsse Priorität haben und neben Schule, Kitas und Erziehungshilfen auch die Angebote der Kinder- und Jugendarbeit wie etwa die Ferienfreizeiten umfassen. Das Sozialministerium arbeitet nach eigenen Angaben derzeit an einem Plan, der das gewährleisten solle, teilte ein Sprecher mit. Die Relevanz des Themas nimmt man nach eigenem Bekunden ernst: Die Krise habe deutlich gemacht, wie wichtig Kinder- und Jugendarbeit sei, so der Sprecher. „Sie sollte daher auch die gesellschaftliche Anerkennung erfahren, die ihr zusteht.“

In den Augen von Präventionstrainerin Josefine Barbaric ist es bis dahin allerdings noch ein weiter Weg. In Baden-Württemberg fehlten vielerorts richtige Gewaltschutzkonzepte an Kitas und Schulen, Präventionsbeauftragte seien zudem Mangelware. Vernünftiger Kinderschutz könne so nicht funktionieren.

Zahl der Anrufe steigt um mehr als 50 Prozent


Experten befürchten, dass es in der Corona-Krise zu mehr Kindeswohlgefährdungen gekommen ist. Offizielle Zahlen dazu gibt es nach Angaben des Sozialministeriums bislang nicht. Aktuell seien die Meldungen sogar zurückgegangen, was daran liege, dass in normalen Zeiten viele Hinweise aus Kita und Schule kämen, die derzeit bekanntlich nicht im Normalbetrieb liefen, sagte ein Sprecher.

Beim Hilfs-Telefon „Nummer gegen Kummer“ hat man derweil einen Anstieg bei den Anrufen verzeichnet – beim Kindertelefon um fünf bis sechs Prozent, beim Elterntelefon um bis zu 54 Prozent. dl