Stuttgart / Diana Prutzer Wie mit leicht erkälteten Kindern umgegangen werden soll, stellt Eltern, Einrichtungen und Ärzte vor Schwierigkeiten. Die Politik gibt nun erste Empfehlungen. Von Diana Prutzer

Noch keinen Monat haben Kitas unter Pandemiebedingungen geöffnet, da sitzen etliche Kinder – und ihre Eltern – unfreiwillig wieder zu Hause. Der Grund: meist eine leichte Infektion wie ein Schnupfen. Unter normalen Umständen, da sind sich Eltern und Kinderärzte einig, würde kaum jemand ein Kind mit laufender Nase, das sich sonst fit fühlt, nicht in den Kindergarten schicken. Wegen Corona ist nun aber alles anders.

Für Verwirrung sorgen vor allem unterschiedliche Regelungen der Einrichtungen. Das wissen auch Ellen Bruske und Zarah Abendschön-Sawall. Die Mütter sind Sprecherinnen der Initiative „Familien in der Krise“ in Baden-Württemberg. Wie viele berufstätige Eltern beschäftigt sie seit Monaten die Frage nach der Betreuung. Und wie viele wünschen auch sie sich Klarheit darüber, mit welchen Symptomen ein Kind nicht betreut  werden darf und was dann zu tun ist.

Während manche Kita-Träger verschnupfte Kinder kommen lassen, fordern andere eine mehrtägige Quarantäne, einen negativen Corona-Test oder eine „Gesundschreibung“ durch den Kinderarzt. In der Folge sind die Praxen überlaufen.

Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat das Problem erkannt. Eine kürzlich von Ministerin Susanne Eisenmann (CDU) geforderte fachliche Anhörung von Landesgesundheitsamt, Kinderärzten und weiteren Gesundheitsexperten unter Federführung des Sozialministeriums fand inzwischen statt. Das Ergebnis könnte eine erste Entschärfung der Diskussion bringen. Demnach wollen Sozialministerium und Landesgesundheitsamt  „den Kommunen, der Ärzteschaft, den Einrichtungen, aber auch den Eltern und Familien klar verständliche, einfache und medizinisch sinnvolle Empfehlungen an die Hand geben“. Weiterhin wird empfohlen, kranke Kinder, insbesondere mit Fieber, zu Hause zu lassen. „Ein Schnupfen ohne weitere Krankheitszeichen ist aber noch kein grundsätzlicher Ausschlussgrund für einen Kita- oder Schulbesuch“, heißt es weiter.

In der Corona-Verordnung wird bislang noch auf gemeinsame Schutzhinweise verwiesen, die unter anderem das Landesgesundheitsamt und der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) verfasst haben. Für Kinder, die Symptome eines Atemwegsinfekts zeigen, gilt ein Betreuungsverbot. Was genau darunter fällt, ist noch nicht näher definiert.

Deshalb seien auch beim KVJS verstärkt Anfragen eingegangen, wie die Symptome Husten, Schnupfen oder Heiserkeit zu interpretieren sind. Im aktuellen Betrieb erweise sich das als problematisch, da Corona-Symptome zu unspezifisch und vielfältig sind, um eine klare Abgrenzung etwa zu einer normalen Erkältung zu treffen, speziell im Kindesalter, wo diese besonders häufig vorkommen, sagt Jürgen Romero Brey vom KVJS.

Acht bis zehn Infekte machen Kindergartenkinder jeden Winter durch. Im Praxisalltag des Kinderarztes Till Reckert aus Reutlingen „potenzieren sich“ die Anfragen jetzt schon. Der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Baden-Württemberg sieht die Unsicherheit bezüglich leichter und unspezifischer Symptome der Kinder zudem darin, dass weder Masken- noch Abstandsregeln funktionieren. Hinzu käme die Angst, etwas falsch zu machen und Verordnungen nicht richtig zu interpretieren. Letztlich werde die Verantwortung auf die Erzieher abgewälzt, „und das ist sehr schwierig für sie“, sagt Zarah Abendschön-Sawall.

Die Kommunen als Träger vieler Einrichtungen arbeiten an Lösungen. In Tübingen etwa legte die Stadtverwaltung mit dem Gesundheitsamt fest, dass Kinder mit abgeklungenen Symptomen einer Atemwegsinfektion nach Absprache mit dem Arzt Einrichtungen wieder besuchen dürfen. „Bei Schnupfen reicht ein einfaches Okay ohne Abstrich. Bei Husten wird ein negatives Ergebnis des Abstrichs benötigt.“

Auch in Ulm ist das Problem bekannt, sagt Angela Gabel-Müller, Abteilungsleiterin der städtischen Kitas. Das Ziel sei, eine trägerübergreifende einheitliche Lösung zu finden. „Damit wir im Herbst wissen, wie wir vorgehen, denn da ist die Krankheitsrate sowieso immer hoch.“ Das beschäftigt auch Ellen Bruske. „Ich frage mich, wie das im Herbst zu bewältigen ist, wenn viele ihre Urlaubstage und Kind-krank-Tage aufgebraucht haben.“ Manche Eltern fürchteten durch den Betreuungs-Ausfall sogar Kündigungen.

Jedes symptomatische Kind zu testen, halten Kinderärzte wie Till Reckert jedoch für falsch: „Die Schwierigkeit besteht auch darin, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, denn Tests sind eine Momentaufnahme.“ Dazu kommt: Der Abstrich mit dem Tupfer in der kleinen, verstopften Kindernase sei sehr unangenehm. „Jeder Abstrich ist ziemlich viel Aufwand – je kleiner das Kind, umso mehr“, sagt Reckert. Aus Praxissicht werde das nicht funktionieren.

So will das Land in Kitas testen

Die Landesregierung hat sich auf eine Teststrategie geeinigt, die auch für Kitas gilt. Freiwillige Test-Angebote für das Personal werden vom 17. August bis 30. September 2020 angeboten. Im Fall einer Corona-Infektion in einer Einrichtung können sich dort alle freiwillig testen lassen können, egal, ob sie zuvor Kontakt mit der infizierten Person hatten oder nicht. So genannte Sentineltests für 16 Einrichtungen im Land – je zwei Kitas und Schulen pro Regierungspräsidium sollen dazu dienen, das Infektionsgeschehen zu beobachten und frühzeitig Hinweise auf bestimmte Entwicklungen zu bekommen.