Stuttgart / Von Jens Schmitz Die Studie der Unikliniken im Land sieht deutliche Unterschiede beim Ansteckungsrisiko. Das Coronavirus verhalte sich anders als Influenza. Von Jens Schmitz

Wie stark verbreiten Kinder das Coronavirus? Wie groß ist das Risiko, mit einer Öffnung von Kitas und Schulen die Pandemie neu zu befeuern? Diese Frage beschäftigt Politiker und Wissenschaftler in der Corona-Krise seit Monaten. Von der Antwort hängt enorm viel ab – für Kinder, Eltern, Lehrer, Berufstätige und auch die Wirtschaft.

Entsprechend groß ist das Interesse an einer Studie der vier großen Universitätskliniken in Baden-Württemberg – nach Angaben der Forscher ist die Erhebung eine der größten weltweit zum Thema. Die wichtigste Erkenntnis: Anders als bei Influenza und anderen Krankheiten sind Kinder beim Corona-Virus keine besonderen Treiber für die Verbreitung.

Die Landesregierung hatte die Studie vor acht Wochen in Auftrag gegeben, um eine bessere Grundlage für das Vorgehen bei Kitas und Grundschulen zu bekommen. Vom 29. Juni an dürfen diese nun wieder für alle Kinder öffnen. „Damit haben wir die Möglichkeit, den neuen Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen bis zu den Sommerferien noch einen Monat lang genau zu beobachten und auch durch Tests zu begleiten“, erklärte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Dienstag bei der Präsentation der Analyse. „Die gewonnenen Erkenntnisse werden uns helfen, uns intensiv auf das neue Schul- und Kindergartenjahr ab September vorzubereiten.“

Nach Angaben von Wissenschaftlern der Universitätsklinika Heidelberg und Ulm bestätigen die Ergebnisse die Befunde anderer internationaler Studien. Demnach spielen Kinder bis zehn Jahre eine sehr viel geringere Rolle bei der Corona-Verbreitung als ursprünglich angenommen. „Kinder als Treiber einer Infektion – das ist das, was wir als Kinderärzte als Dogma haben; Influenza ist das beste Beispiel“, erklärte Klaus-Michael Debatin, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Ulm. „Und das ist in diesem Fall nicht so.“

Für die Studie waren zwischen dem 22. April und dem 15. Mai mehr als 5000 Personen untersucht worden. Für das aktuelle Fazit sind 2466 Kinder bis zu zehn Jahren sowie je ein Elternteil berücksichtigt worden, deren Testergebnisse inzwischen gesichert vorliegen, insgesamt also 4932 Personen.

Davon wurden lediglich zwei positiv auf das Corona-Virus getestet; es handelte sich um ein Elternteil-Kind-Paar mit milden Symptomen (0,04 Prozent). Antikörper gebildet und also offenbar weitgehend unbemerkt eine Infektion durchlaufen hatten 64 Getestete (1,3 Prozent). Davon waren 45 Elternteile und 19 Kinder.

„Der Unterschied in der Antikörper-Bildung zwischen Kindern und Erwachsenen ist also statistisch hoch signifikant“, heißt es in einer begleitenden Pressemitteilung des Staatsministeriums. Kinder zwischen 1 und 5 Jahren waren noch seltener antikörper-positiv als Kinder zwischen 6 und 10 Jahren.

Wegen der hohen gesellschaftlichen Relevanz wurden die Erkenntnisse vor der eigentlichen Publikation der Studie bekannt gegeben. Dem Virologen Hans-Georg Kräusslich zufolge kann es noch geringfügige Ergänzungen geben; an der Grundaussage ändere das aber nichts.  Kräusslich ist Abteilungsleiter Virologie am Zentrum für Infektiologie des federführenden Universitätsklinikums Heidelberg und Dekan der Medizinischen Fakultät. Außer Heidelberg und Ulm waren die Unikliniken Freiburg und Tübingen an der Studie beteiligt. Überdurchschnittlich viele Teilnehmer kamen einer begleitenden Grafik zufolge aus dem Freiburger Umfeld.

Die wichtigsten Ergebnisse, erläuterte Kräusslich, seien, dass Kinder „nicht nur seltener an Covid-19 erkranken, was schon länger bekannt ist, sondern auch seltener durch das Sars-CoV-2-Virus infiziert werden“. Er warnte allerdings vor dem Schluss, dass Kinder Lehrer oder Erzieher nicht anstecken könnten: „Die Studie hat nicht untersucht, ob Kinder infektiös sind.“

Selbstverständlich müssten in Schulen deshalb Hygieneregeln beachtet werden, ergänzte Debatin. Immerhin habe man aber unter den Kindern, die notbetreut wurden, keine Hinweise auf eine höhere Virenverbreitung gefunden. Eine neue Studie aus China lege nahe, dass es eher die Erwachsenen seien, die das Corona-Virus in die Familien trügen; einer weiteren Untersuchung aus der Schweiz zufolge seien tendenziell 20- bis 40-Jährige Treiber der Infektion.

Info Die Studie hat 1,2 Millionen Euro gekostet. Methodik und Ergebnisse lassen sich über diesen Kurzlink aufrufen:
http://dpaq.de/H0dF4

Rund 5000 Teilnehmer