Bernhard H / Petra Walheim Der Prozess um das Verschwinden von Maria H. endet mit einer sechsjährigen Haftstrafe. Nach der Verkündung fließen Tränen. Von Petra Walheim

Als alles vorbei ist, steht Maria H.  vor dem Landgericht in Freiburg und weint. Sie wird von einer Frau gehalten, während ihre Mutter Monika B. die Fragen der Medien beantwortet. „Ich bin richtig erleichtert“, sagt sie. „Jetzt ist es endgültig vorbei. Maria ist zuhause, und er ist da, wo er hingehört.“ Endlich könne ein Schlussstrich gezogen werden.

Eine Stunde zuvor hat die 3.­Große Strafkammer Bernhard H. zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Wegen schwerer Entziehung Minderjähriger und schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern. Außerdem muss er an Monika B. Schmerzensgeld bezahlen. Die Höhe wurde nicht genannt.

Die von Staatsanwältin Nikola Novak geforderte Sicherungsverwahrung bleibt dem 58-Jährigen erspart. Das Gericht sieht die Voraussetzungen dafür nicht gegeben. Es stützt sich dabei auf das psychiatrische Gutachten eines Sachverständigen. Der sah bei H. nicht den Hang zu weiteren schweren Straftaten.  „Bernhard H. ist kein Hang-Täter“, sagte der Vorsitzende Richter Arne Wiemann. Ihm konnte auch keine „pädo-sexuelle Nebenströmung“ (Pädophilie) nachgewiesen werden.

Das sieht die Staatsanwältin anders, wie sie nach dem Urteil sagte. Es gebe genügend Indizien, die dafür sprächen. Unter anderem die kinder- und jugendpornographischen Fotos, die im Computer von Bernhard. H. gefunden wurden. Und natürlich die Beziehung zu der 40 Jahre jüngeren Maria H.

Mit ihr war er am Abend des 4. Mai 2013 untergetaucht – beide blieben für fünf Jahre verschwunden. Das Mädchen war damals 13 Jahre alt und hatte Stress mit seiner Mutter.  Deshalb und aus Angst, dass die verbotene Beziehung zum damals 52-Jährigen auffliegt, beschloss das ungleiche Paar, zu fliehen. Ein „gemeinsamer spontaner Beschluss“, sagt Richter Wiemann.

„Bernhard H. kam es von Anfang an darauf an, das Vertrauen von Maria  zu gewinnen und sie von der Mutter zu trennen“, sagte Wiemann. „Er baute ein Mutter-Feindbild auf.“ Als ständig verfügbarer Ansprechpartner habe er sich unverzichtbar gemacht.  Er habe nie Zwang ausgeübt. Doch er habe sie in einem Lügen-Gespinst gefangen gehalten und von der Außenwelt isoliert, Maria wusste nicht, dass ihre Mutter auch noch nach fünf Jahren nach ihr suchte.

Maria H. und Bernhard H. hatten sich im Frühjahr 2012 beim Chatten im Netz kennengelernt. Schon bald fing er an, aus Blomberg in Nordrhein-Westfalen, wo er mit seiner Familie lebte, immer wieder nach Freiburg zu fahren, um Maria zu treffen. Sie besuchte ihn in seinem Hotelzimmer, sie tauschten Zärtlichkeiten aus. Dabei blieb es aber nicht. Auf ihrer Flucht hatten die beiden ungeschützten Sex, mindestens zwei Mal pro Woche, bis Maria 14 Jahre alt war. Dann wurde es weniger, weil Bernhard H. gesundheitliche Probleme bekam.  Nach dem 15. Geburtstag von Maria gab es keine sexuellen Übergriffe mehr.

Die Flucht führte die beiden über Osteuropa bis nach Sizilien. Dort lebten sie in ärmlichen Verhältnissen. Als Maria H. volljährig war,  bekam sie  von einer mütterlichen Freundin ein Handy geschenkt – und entdeckte im Netz, dass ihre Mutter nach ihr suchte. Wenig später kehrte sie nach Freiburg zurück. Bernhard H. wurde Anfang September 2018 auf Sizilien festgenommen.

Richter Wiemann bezeichnete es als „extrem egoistisch und verantwortungslos“, dass Bernhard H. an dem gemeinsamen Leben festhalten wollte. Mit der Flucht habe er eine „erhebliche Schädigung der seelischen Entwicklung von Maria“ in Kauf genommen. „Wenn er verantwortungsvoll gewesen wäre, hätte  er sie an diesem Abend des 4. Mai 2013 nach Hause gebracht und wäre davongefahren.“ Stattdessen habe er alles getan, dass es zur Trennung zwischen Maria und ihrer Mutter kam. Damit habe er sich die „ungestörte sexuelle Zugriffsmöglichkeit auf Maria“ gesichert. Das sei der Gipfel an Verantwortungslosigkeit und Egozentrik. „Jegliches Verschulden liegt bei ihm als Erwachsenem.“

Zu seinen Gunsten legte das Gericht aus, dass Bernhard H. nicht vorbestraft ist und ein umfassendes Geständnis abgelegt hat – aber ohne Reue. „Der nun Verurteilte hat mehrfach betont, dass er Maria bis heute liebt“, sagte Wiemann. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Monika B., die mit ihrer Tochter Maria als Nebenklägerin dem Prozess beiwohnte, findet das Strafmaß „angemessen“. Ihre Tochter fange nun an, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Ihre Tränen seien Tränen der Erleichterung und weil eine enorme Anspannung von ihr abfalle.

Hohe Hürden für die „Ultima Ratio“

Die Sicherungsverwahrung ist keine Strafe für ein Verbrechen, sondern eine „Maßregel der Besserung und Sicherung“, die erst einsetzt, nachdem Straftäter ihre Haft verbüßt haben. Sie bleiben dann zum Schutz der Allgemeinheit weggesperrt. Das Verfassungsgericht hat der Verwahrung allerdings enge Grenzen gesetzt. Sie darf nur das letzte Mittel („Ultima Ratio“) sein und muss jährlich vor Gericht geprüft werden.

Voraussetzung für die Sicherungsverwahrung ist erstens eine Verurteilung wegen einer schweren Gewaltstraftat – und zweitens eine vom Gutachter erstellte Gefährlichkeitsprognose,  die einen „Hang zu erheblichen Straftaten“ attestiert. Häufig wird die Verwahrung daher nur bei Wiederholungstätern, vorwiegend bei Sexualstraftaten, angewandt. rom