Freiburg / Petra Walheim Die Suche nach der Wahrheit gestaltet sich im Vergewaltigungsprozess am Landgericht Freiburg schwierig. Zeugenaussagen verwirren mehr, als dass sie klären. Von Petra Walheim

Die Nerven liegen blank. Im Vergewaltigungsprozess im Landgericht Freiburg kochten gestern die Emotionen hoch. Der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin und Verteidiger wurden laut. Die Folge war, dass Verteidigerin Kerstin Oetjen nach einer Pause gegen Bürgelin einen Befangenheitsantrag stellte. Ihr Mandant Alaa M. habe Zweifel an der Unvoreingenommenheit des Richters, lautete die Begründung.

Bürgelin hatte während der Vernehmung eines Zeugen aus einer Quelle zitiert, die einigen Verteidigern nicht bekannt war. Als Kerstin Oetjen die Quelle gefunden hatte, rief sie dies laut dazwischen. Das brachte Bürgelin auf die Palme. Er bat Oetjen, nicht immer wieder dazwischen zu rufen, die Vernehmung zu unterbrechen und die Reihenfolge der Wortmeldungen einzuhalten. Oetjen war in den Verhandlungstagen zuvor immer wieder durch Zwischenrufe aufgefallen.

Die Jugendkammer entscheidet über den Befangenheitsantrag voraussichtlich bis zum nächsten Verhandlungstag am 9. August – ohne Stefan Bürgelin. Nimmt die Kammer den Befangenheitsantrag an, muss der Fall nach Auskunft des Ersten Staatsanwalts Thorsten Krapp mit einem neuen Vorsitzenden komplett neu aufgerollt werden. Krapp sagte, er sehe keinerlei Anhaltspunkte für ein rechtlich fehlerhaftes Verhalten oder eine fehlerhafte Verhandlungsführung des Richters.

Die Jugendkammer versuchte in dem Fall gestern weiter durch die Vernehmung eines Zeugen, der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Bislang ist unklar, ob eine 18-jährige Frau in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 2018 auf dem Hans-Bunte-Areal in Freiburg vor einem Techno-Club von elf Männern vergewaltigt worden ist – oder sie den Sex eingefordert hat.

Die heute 19-Jährige, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, hat in ihrer nichtöffentlichen Vernehmung die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen die Männer weitgehend bestätigt. Den zehn Flüchtlingen und einem Deutschen werden Vergewaltigung und unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen. Es wird davon ausgegangen, dass die Frau unter Drogeneinfluss stand. Sie soll eine Ecstacy-Tablette genommen haben. Außerdem sollen ihr in einem Getränk K.-o.-Tropfen verabreicht worden sein.

Die Zeugen, die bislang gehört wurden, konnten nicht wirklich zu mehr Klarheit beitragen. Ein 21-jähriger Gast des Techno-Clubs beschreibt, dass er an dem Abend, kaum dass er in dem Club war, von einer Frau gebeten worden sei, mit ihr ihre Freundin zu suchen. „Ich wollte ihr helfen“, sagte der Mann. Doch sie hätten die Gesuchte nicht gefunden.

Erst als er mit seinen Kumpels gegen 3 Uhr nach Hause gehen wollte und auf den Parkplatz trat, sei einer der Angeklagten, Muhanad M., mit der Freundin aufgetaucht. Die Frau sei in einem üblen Zustand gewesen. „Sie war sehr traurig und hat geweint“, sagte er. „Sieben Männer waren auf mir“, habe sie immer wieder gesagt. Ihre Stumpfhose sei schmutzig gewesen, die Kleidung zerrissen. Muhanad sei der einzige gewesen, der ihr geholfen habe. So beschreibt auch eine weitere Zeugin den Zustand der Frau auf dem Parkplatz des Clubs. „Sie hat sehr geweint, am ganzen Körper gezittert und ist dann zusammengeklappt.“ Sie wollte Erste Hilfe leisten, sei aber von zwei ihr unbekannten Männern weggeschickt worden.

Ein 19 Jahre alter Mann, der auch als Zeuge aussagte, ist gleichzeitig Beschuldigter. Gegen ihn wird in dem Fall als möglicher Tatbeteiligter ermittelt. Er habe mitbekommen, „dass draußen was stattfindet“, sagte der Mann. Aus Neugier sei er hinausgegangen, habe aber gleich gesehen, „dass da ein Mann auf dem Mädchen liegt“. Deshalb sei er sofort zurück in den Club gegangen. „Ich wollte nicht mehr sehen.“

Er habe Schreie gehört, die er aber nicht habe einordnen können, berichtete er dem Gericht. Hilfeschreie, aber auch Schreie wie „Gib’s mir“. Aggressive, ängstliche, gequälte Schreie, aber irgendwie auch Lustschreie. Er habe den Eindruck gehabt, dass die Frau den Sex wollte. „War mir aber nicht sicher.“

Für den Zeugen, der gestern über mehrere Stunden vernommen wurde, sah es nicht nach Vergewaltigung aus. Als er gekommen sei, habe er gehört, wie die Frau eindeutig nach Sex verlangt habe. Er sei zwei Mal gefragt worden, ob er mit der Frau Sex haben wollte. „Mich hat das nicht interessiert.“ Er sei in den Club gegangen.

Termin für Urteil ist noch nicht bekannt

Der Prozess im Landgericht Freiburg um die mutmaßliche Vergewaltigung einer 18-Jährigen ist einer der größten Prozesse in der Geschichte des Gerichts. Elf Angeklagte, jeder mit einem Verteidiger, sowie zahlreiche Justizbeamte, die für die Sicherheit zuständig sind, sitzen in dem Saal, der für die Verhandlungen umgebaut werden musste.

Die Jugendkammer hat 47 Zeugen, drei psychiatrische und zwei rechtsmedizinische Sachverständige geladen. 27 Verhandlungstage sind angesetzt, die sich bis Weihnachten hinziehen werden. Einen Termin für das Urteil gibt es noch nicht.  wal