Stuttgart / Dominique Leibbrand Das Unglück von Schwäbisch Gmünd ist für jeden Pädagogen ein Albtraum, sagt die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz. Kinder dürfe man trotzdem nicht unter Total-Kontrolle stellen. Von Dominique Leibbrand 

Ein dreijähriger Junge besucht mit seiner Kita-Gruppe einen Spielplatz,  entfernt sich unbemerkt, fällt in die nahe Rems, erleidet einen Kälteschock, stirbt. So geschehen am 20. Januar in Schwäbisch Gmünd. Auch Doro Moritz, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, hat der Fall schockiert. Warum Ausflüge für Kinder aber weiterhin wichtig sind, unter welchem Druck Erzieher stehen und wo die Politik gefordert ist, erklärt sie im Interview.

Frau Moritz, ist das Unglück von Schwäbisch Gmünd auch in anderen Kitas im Land Thema?

Doro Moritz: Es ist überall Thema. Ich habe mit vielen Erzieherinnen geredet. Ihnen tun die Eltern leid, aber auch die Kolleginnen, die damit jetzt leben müssen. Niemand will, dass ein Kind, das man anvertraut bekommen hat, zu Schaden kommt. Im Kita-Alltag kommt es zwar durchaus zu schwereren Unfällen, aber Schwäbisch Gmünd ist der Worst Case – ein Albtraum für Pädagogen.

Sollten die Sicherheitskonzepte für den Kita-Betrieb überdacht ­werden? Gibt es die überhaupt?

Wir erleben in der Beratung immer wieder, dass sich Pädagogen klare Regeln wünschen, doch ganz formale Vorgaben gibt es im Bereich Aufsichtspflicht nicht. Es gilt der Grundsatz, dass das, was von den Erziehungszielen her gerechtfertigt ist und gleichzeitig die Sicherheitsinteressen des Kindes und anderer nicht gefährdet, keine Aufsichtspflichtverletzung ist.

Aber sollte der Gesetzgeber mit Blick auf Gmünd jetzt nicht ­nachjustieren?

Ein Versuch, Regeln zu fixieren, würde keinen Sinn machen. Der Gesetzgeber hat sich bewusst dagegen entschieden, weil sonst der Eindruck entstehen würde, dass nichts mehr passieren kann, wenn man sich an die Regeln hält. Dass in Gmünd jetzt der Versuch unternommen wird, ein Sicherheitskonzept zu erstellen, kann ich völlig nachvollziehen.  Da gibt es die Erwartungshaltung der Eltern, dass so etwas nie wieder passiert. Ich halte es aber für deutlich wichtiger, dass das schlimme Unglück unter Beteiligung von Psychologen aufgearbeitet wird, und das findet ja auch statt.

Eine hundertprozentige Sicherheit . . .

. . . kann es nicht geben. Und es kann auch nicht darum gehen, Kinder unter Total-Kontrolle zu stellen. Der Erziehungsauftrag sagt, dass das Verhalten von Kindern nicht ständig gegängelt werden soll und auch nicht alle Gefahren und Risiken von ihnen ferngehalten werden sollen. Die Fachkräfte müssen abwägen, wie viel sie zulassen. Auch als Mutter musste ich immer wieder einschätzen: Lasse ich mein Kind das jetzt machen, auch wenn es dann vielleicht aufs Knie fällt und sich verletzt?

Das Thema Sicherheit liegt also im Ermessen der Pädagogen?

Ja, total. Die Erzieher müssen situativ und je nach Ort und Kind entscheiden. Wie alt ist das Kind? Wie ist es körperlich, kognitiv, emotional und sozial entwickelt? Wie kooperationsbereit ist es? Wenn ich mit einer Gruppe Kinder auf dem Gehweg laufe, muss ich einen Kasper anders im Blick haben als ein Kind, von dem ich weiß, dass es nicht aus Versehen einen Schritt auf die Straße macht.

Nach Gmünd ist viel darüber diskutiert worden, ob Kitas noch Ausflüge anbieten sollten. Was denken Sie?

Ausflüge sind extrem wichtig. Man kann nicht voraussetzen, dass alle Eltern mit ihren Kindern beispielsweise auf den Spielplatz gehen. Dort machen Kinder ­wichtige Bewegungserfahrungen, sie sind an der frischen Luft, ­können sich austoben. Und sie lernen ihre Umgebung kennen, machen sich mit den Abläufen des Alltags vertraut. In der Regel sind die Kinder ja dann mit ihren Erziehern zu Fuß unterwegs oder fahren mal ein Stückle Bus. Klar ist dabei immer, dass die Gruppe nicht zu groß sein darf. Es ist ­Aufgabe des Arbeitgebers, dafür zu sorgen.

Welche Richtlinien gibt es mit Blick auf die Gruppengröße?

Der Gesetzgeber legt sich nicht auf eine Zahl fest, aus der Rechtsprechung hat sich für Ausflüge jedoch eine einigermaßen gesicherte Richtgröße von einem Pädagogen auf zehn Kinder ergeben.

In Gmünd wurde dieser Schlüssel eingehalten. Wobei sich 19 Kinder für drei Erzieher trotzdem viel anhört. Eltern wissen: Schon ein Kind kann eine Herausforderung sein.

Eins zu zehn ist tatsächlich eine Herausforderung. In Gmünd waren sie immerhin zu dritt. Aber auch, wenn man in einer Situation personell gut aufgestellt ist, kann es schnell zu Engpässen kommen. Ein Kind will etwas trinken, ein anderes muss zur Toilette, und plötzlich ist nur noch eine Fachkraft für die restlichen Kinder verantwortlich. Nicht umsonst sagt man, dass man im Bereich der Kinderbetreuung immer mit einem Fuß im Gefängnis steht. Natürlich nur gefühlt. In der Praxis gibt es extrem wenige Fälle, in denen Erzieher in strafrechtlichen  Verfahren rechtskräftig verurteilt wurden.

Fast ein Wunder, wenn man bedenkt, wie sehr die Erzieher unter Druck stehen. Ist diese Dauerbelastung nicht schon per se ein Sicherheits­risiko?

Ja, eindeutig! Wenn nicht alle Stellen besetzt sind, bleibt weniger Zeit, um Dinge zu planen und vorzubereiten. Hinzu kommt, dass im Kita-Bereich immer mehr Menschen beschäftigt werden, die nicht ausgebildet sind. Das Fachpersonal muss diese anleiten, was eine Zusatzbelastung bedeutet. Der ständige Druck kann dann sehr wohl zu einer Situation führen, in der etwas passiert.

Tut die Politik genug, um die Lage zu verbessern?

Nein. Wir fordern, dass die Schlüssel verbessert werden. In Baden-Württemberg stehen wir zwar mit einem Schlüssel im Kleinkindbereich von eins zu fünf und bei den über Dreijährigen von eins zu sieben formal gut da. Doch in der Realität sind viele Stellen nicht besetzt, laut Schätzungen sind es rund 16 000 im Land. Das führt zur beschriebenen Belastung, was den Beruf unattraktiv macht. Hinzu kommt eine schlechte Bezahlung – das Einstiegsgehalt einer Erzieherin liegt bei 2685 Euro brutto – bei gleichzeitig großer Verantwortung. Da ist die Politik gefordert, mehr für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu tun. Immerhin bekommen die Kita-Leitungen jetzt Zeit für die Leitung eingeräumt, sprich für die Qualitätsentwicklung und die Mitarbeiterführung. Ein erster Schritt, doch es muss mehr passieren.

Bericht aus der Praxis: Mit Warnwesten und Namenslisten

Kommunikation ist im Kita-Alltag das A und O, um Unfälle zu vermeiden, sagt Petra Kilian. Sie ist stellvertretende Landesvorsitzende der GEW und leitet in Stuttgart eine große Kita für Ein- bis Sechsjährige. Ein Ausflug in der Woche raus aus dem Stadtteil ist dort Standard. Hinzu kommen kleinere Touren in die direkte Umgebung.

Ausflüge werden in Kilians Kita grundsätzlich vorbereitet. Man spreche das Vorgehen ab, überlege, wo Probleme auftauchen und wie man diese vermeiden könne. Auch mit den Kindern würden die Situationen immer wieder durchgesprochen. Wie verhalten wir uns in der Bahn, an der Ampel, auf dem Spielplatz oder auf der Jugendfarm? Welche Regeln gelten dabei? Fragen, die im Austausch mit den Kindern beantwortet würden, so Kilian. „Man muss das mantramäßig wiederholen, damit es den Kindern in Fleisch und Blut übergeht.“

Beispiele für Regeln
sind etwa, dass Kinder
im Straßenverkehr immer zu zweit laufen oder dass die Kinder bei U-Bahnfahrten hinter der Linie warten, bis die Bahn gehalten hat und die Türen geöffnet ­wurden.

Warnwesten beziehungsweise im Sommer Sonnenhüte in einheitlicher Farbe sind bei Ausflügen von Kilians Kita Standard. Auf diese habe man die Adresse der Kita drucken lassen, für den Fall, dass ein Kind verloren gehe. Sie seien außerdem hilfreich, um die Gruppe immer im Blick zu haben. Kolleginnen rät die erfahrende Pädagogin außerdem, bei Ausflügen immer wieder durchzuzählen, ob noch alle da seien. „Eine Namensliste dabei zu haben, kann helfen.“ dl