Ulm / Christian Kern Ein Ehepaar aus Altheim träumt seit Jahren davon, Kinder zu adoptieren. Nun sind sie Eltern, doch ihre Töchter sitzen auf Haiti fest. Von Christian Kern

Die wenigen Bilder hat Sabrina Kohn sorgfältig in zwei Fotoalben geklebt. Eines für Ruth. Eines für Rebecca. Die Aufnahmen zeigen, wie die beiden Mädchen lächeln, wie sie krabbeln, wie eines auf den Schultern von Dieter Kohn sitzt. Auf die erste Seite der Alben hat Sabrina Kohn jeweils eine Sonne gemalt. „Für unseren Sonnenschein“, steht dort mit rotem Holzfarbstift geschrieben. Darunter mit grünem Stift: „Wir lieben dich vom ersten Tag an. Deine Mama und Papa.“ Ruth und Rebecca haben im Haus der Kohns in Altheim/Alb (Alb-Donau-Kreis) ihr eigenes Kinderzimmer. Zwei Betten mit Holzgestell, ein Bücherregal, ein Wickeltisch, ein prall gefüllter Kleiderschrank. All das ist da. Ruth und Rebecca sind es nicht. Sie waren noch nie da. Sie leben in Delmas, einer Industriestadt außerhalb von Port-au-Prince, Haiti.

Corona und kein Ende

Eigentlich sollten die zweijährigen Zwillinge längst in Altheim sein. Weg von Haiti, der Armut, dem trostlosen Kinderheim. Sabrina und Dieter Kohn haben viel dafür getan: Seminare, Gespräche, Gerichtsverfahren. Im Frühjahr bekamen sie die Bestätigung aus Haiti: Ihre Adoption war erfolgreich, die Altheimer sind seit dem 1. Mai die rechtmäßigen Eltern von Ruth und Rebecca. Doch das Dokument hat in diesen Tagen keinen Wert.  Das Corona-Virus hat auch das Land getroffen. Der Karibikstaat schottet sich ab. Einreiseverbote, Ausreisebeschränkungen. Auf persönliche Schicksale wird keine Rücksicht genommen.

Die Kohns haben auf ihrer Couch Platz genommen. Die vergangenen Wochen seien hart gewesen, berichtet er. „Ich konnte zeitweise nicht viel schlafen“, sagt sie. Dafür hat die 39-Jährige oft Nachrichten geschaut. Sie bekam in Echtzeit mit, wie die Infektionszahlen stiegen – und die Chance, ihre Kinder nach Deutschland zu holen, sank. Am 12. März erhielt das Paar eine E-Mail von ihrer Vermittlungsagentur „Help a Child“: Haiti habe die Grenzen geschlossen. „Ich habe erst einmal eine Woche lang geheult“, erzählt Sabrina Kohn. Seitdem wartet sie.

Im Prinzip wartet sie seit 19 Jahren. Seit 2001, als Dieter Kohn eine Kontaktanzeige aufgibt – und die gebürtige Geislingerin antwortet. Die beiden verlieben sich, 2004 folgt die Hochzeit. Sie wünschen sich Kinder. Das Paar versucht es auf natürlichem Weg. Erfolglos. Sie probieren künstliche Befruchtung. Erfolglos. Sie gehen aufs Jugendamt, bitten, ein Kind adoptieren zu dürfen. Die Behörde lehnt ab. Der Lkw-Fahrer sei aus Sicht der Beamten zu alt gewesen. Nun ist der 48-Jährige Papa. Ein Papa ohne Kinder. Kohn holt sein Handy. Ruth und Rebecca liefen mittlerweile, berichtet er. Das hat ihm das Kinderheim geschrieben. Er zeigt Bilder. „Die müssen um Ostern entstanden sein.“

Die Kohns kennen das Elend, die Hoffnungslosigkeit, in der ihre Töchter aufwachsen. Im Sommer 2019 haben sie Ruth und Rebecca zum ersten Mal besucht. Sabrina Kohn erinnert sich, dass das Kinderheim völlig abgelegen ist. Dass die Kindermädchen Einwegwindeln gewaschen und wiederverwendet haben. Es sei ein Kulturschock gewesen, sagt sie.

Die beiden blieben 16 Tage in Haiti. Sie besuchten Ruth und Rebecca jeden Tag. Rebecca sei ruhig und zutraulich gewesen. Ruth quirlig und schüchtern. Was ihr noch auffiel: wie abgemagert die Mädchen waren. Die Zwillinge kamen am 12. Januar 2018 in Delmas zur Welt. Ihr leiblicher Vater hatte Gelegenheitsjobs, ihre leibliche Mutter wurde nach der Geburt krank, starb vier Monate später. Danach brachte der Vater die Kinder ins Heim. So steht es in einem der Dokumente, die die Kohns in einem Ordner sammeln. Die ältesten Schriftstücke stammen von 2014, als das Paar beschloss, bei „Help a Child“ Kinder zu adoptieren. Ein Bekannter habe dort schon adoptiert. Fünf Jahre dauert das Prozedere. Dann, am 12. Juni 2019, 18 Uhr, schickt die Organisation eine Mail mit dem Vorschlag. „Das Bauchgefühl hat sofort ja gesagt“, sagt Sabrina Kohn. Ruth und Rebecca – die fremden Kinder, sie wurden zu ihren Kindern. Die Kohns haben Klamotten gekauft, Kindersitze, Kuscheltiere. Auch der finale Trip nach Haiti war geplant. Sie wollten sechs Tage  bleiben und dann ins Flugzeug nach Deutschland steigen. Als Familie.

Reise ins Ungewisse

So wird es nicht kommen. Trotzdem haben sie wieder Hoffnung. Die Vermittlungsorganisation will einen Flug organisieren. Eine Privatmaschine mit Piloten, Stewardessen und einem Arzt an Bord. Keine Eltern. Knapp 24 Stunden soll sie unterwegs sein, in Antwerpen starten, auf den Bermudas tanken, in Port-au-Prince landen, zurückfliegen – und zwölf Adoptivkinder mitnehmen. Kosten: 100 000 Euro. Einen Teil wollen die Familien zahlen. Der Rest, mehr als die Hälfte, muss von Spenden kommen. Die Kohns waren auf Tour. Sie hoffen, dass Geld zusammenkommt. Sie wissen, wie rapide die Zahl der Corona-Infizierten in Haiti steigt.  „Wenn der Flug nicht stattfindet,  habe ich Angst, dass ich meine Kinder im Sarg bekomme“, sagt Sabrina Kohn.

Flug für zwölf Kinder

Reise Ein Aufruf soll Familien zusammenführen: Die Organisation „Help a Child“ bittet um Spenden für einen Sonderflug nach Haiti. Die Privatmaschine soll insgesamt zwölf Adoptivkinder aus dem Land nach Europa bringen. Voraussichtlicher Termin: 15. bis 20. Juni. Die Aktion kostet 100 000 Euro. Nähere Informationen: www.helpachild.de