Bad Schussenried / Elisabeth Zoll Warum greifen zwei Patienten plötzlich Polizeibeamte an? Der tödliche Vorfall in Bad Schussenried ist für die Ärzte schwer erklärbar: Beide Insassen hatten beste Prognosen. Von Elisabeth Zoll

Noch sind Fragen offen, wie es zu den in einem Fall tödlichen Schüssen auf zwei flüchtige Patienten des Zentrums für Psychiatrie Bad Schussenried gekommen ist. „Die genauen Abläufe müssen geklärt werden“, sagt die Pressereferentin der Staatsanwaltschaft, Tanja Kraemer. Dazu müsse auch das Ergebnis der Obduktion abgewartet werden. Am frühen Mittwoch war bei einem Polizeieinsatz in der Innenstadt ein 29-Jähriger Mann durch einen Schuss in den Hüftbereich so schwer verletzt worden, dass er in der Klinik starb.

Eine 43-jährige Frau war durch einen Schuss in den Oberschenkel verletzt worden. Beide hatten vor dem Schusswechsel Polizisten mit Messern bedroht und legten sie laut Polizei trotz Aufforderung nicht nieder.

Was sich in den Stunden vor den tödlichen Schüssen zugetragen hat, gibt noch Rätsel auf. Die Psychiatriepatienten galten als relativ unauffällig. „Wir sind völlig bestürzt. Beide hatten beste Aussichten, in Bälde formal entlassen zu werden“, sagt Udo Frank, der Leiter des Zentralbereichs Maßregelvollzug der Psychiatrie.

Die Frau war seit 2015, der Mann seit 2014 in Behandlung. Beide hatten eine Straftat begangen. Wegen einer psychischen Störung beurteilte sie das Gericht als nicht voll schuldfähig und wies sie in die forensische Psychiatrie ein, die in Bad Schussenried über 120 Plätze verfügt. Das Gericht ging davon aus, dass von beiden weitere, erhebliche Straftaten zu erwarten sind.

Der Maßregelvollzug hat präventiven Charakter, sagt Frank. Da werde mit Prognosen gearbeitet. Betroffenen werden jährlich angehört und begutachtet. Dann wird entschieden, ob die Unterbringung fortgesetzt wird oder Lockerungen möglich sind.

Bevor Patienten entlassen werden können, müssen sie beweisen, dass sie in Freiheit zurechtkommen. Sie werden in kleinen Schritten unter Aufsicht zum Leben außerhalb der Klinik angeleitet. Frank: „Wir müssen sicher sein, dass sie ohne Probleme an Alkoholregalen oder Messergeschäften vorbeigehen können.“ Wenn die Prognose positiv ist, können Ausgänge in die Stadt erlaubt werden. Darüber entscheidet die Staatsanwaltschaft.

Entlassung war vorbereitet

Die Prognosen für den 29-Jährigen und die 43-Jährige waren gut. Die Frau lebte seit Januar in einer betreuten Wohngemeinschaft außerhalb der Klinik. Die Erfahrungen waren so positiv, dass die Klinik bereits mit dem Gericht wegen einer Entlassung Kontakt aufgenommen hatte.

Auch das Leben des 29-Jährigen hatte eine positive Wendung genommen. Er lebte zwar noch in der Klinik, absolvierte aber ein Praktikum in einer Nachbargemeinde. „Er war dort so gut, dass er zwei Fortbildungen bekam und eine Gehaltserhöhung“,  berichtet Frank. „Zum September hatte man ihm einen Ausbildungsplatz angeboten.“ Hätte es Auffälligkeiten oder eine Gefahr für die Öffentlichkeit gegeben, wären Lockerungen zurückgenommen worden.

Was zum Geschehen am Mittwochmorgen geführt hat, ist nicht geklärt. Frank: „Da können wir nur spekulieren.“ Jedoch hatten sich beide am frühen Morgen auf dem Klinikgelände unangemessen verhalten. So drängten sie darauf, einen Mitpatienten zu besuchen, der in einer geschlossenen Abteilung untergebracht und in schlechtem Zustand war.

Wegen ihres auffälligen Verhaltens ordneten Klinikmitarbeiter eine Drogen- und Alkoholkontrolle an. Dieser entzogen sie sich und entfernten sich unerlaubt vom Gelände. Die Klinik informierte sofort die Polizei.

In einem „Netto“-Markt bedrohten der 29-Jährige und die 43-Jährige eine Geschäftsfrau. Wie die beiden zu den Messern kamen sind, ist bisher nicht geklärt. „In den Wohngruppen gibt es natürlich Frühstücksmesser mit abgerundeter Spitze“, sagt Frank. Bei den Tatwaffen handelt es sich jedoch um ein Einhand- sowie ein Cutter-Messer.

Die Vorgänge verstören nicht nur die Mitarbeiter der Klinik. Sie rufen auch in der Kleinstadt Irritationen hervor. „Nach solch einem Vorfall wird wieder genauer auf unser Tun geschaut“, sagt Frank. Auch deshalb bemüht er sich, so transparent wie möglich über den Vorfall zu informieren.

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Menschen sind nach Angaben des Innenministeriums in Stuttgart 2019 durch Polizeiwaffen ums Leben gekommen. Im Jahr davor gab es keinen einzigen Fall.