Neuenhagen / Jana Reimann-Grohs/MOZ Nach Jahrzehnten der Suche haben sich die Halbgeschwisterter Uta Kabbert und Wolfgang Slawinski gefunden. Getrennt hatten sie Kriegswirren und eine familiäre Mauer des Schweigens. Von Jana Reimann-Grohs

Dass Uta Kabbert ein bewegtes Leben hinter sich hat, ist sicher keine Übertreibung – und als wirklich schön mag die 78-Jährige es aus heutiger Sicht auch nicht bezeichnen. Aufgewachsen als Halbwaise bei der Großmutter, viermal verheiratet, schwierige Ehen, vier Kinder, habe sie schon oft gedacht, sie wolle vieles aus der Vergangenheit lieber vergessen. Doch jetzt hat ihr Lebensgefährte Wolfgang Töpfner der Brandenburgerin nach 78 Jahren eine besondere Familienzusammenführung beschert – durch eine unglaublich einfache namentliche Suche bei Google im Internet.

Ihre Mutter lernte Uta nie kennen – sie starb kurz nach ihrer Geburt 1941 bei einem Bombenangriff auf das Krankenhaus in Berlin-Lichtenberg. Sie hinterließ drei Kinder: Arnold, Wolfgang und das Frühchen Uta, welches getrennt von den beiden älteren Halbgeschwistern aufgepäppelt werden musste – und später bei der Oma ihres Vaters aufwuchs. „Die Sirenen vom Fliegeralarm sind mir noch im Ohr, wenn ich daran denke, wie ich mit meiner Oma zu Hause war. Einmal war sogar eine ganze Wand weg, als wir nach einem Bombenangriff aus dem Luftschutzkeller wieder nach oben kamen.“

Omas waren sich spinnefeind

Als die geliebte Großmutter starb, war Uta Kabbert mit 15 Jahren auf sich allein gestellt. Nähere Verwandte gab es nicht. Da sollen zwei Halbgeschwister existieren, wusste sie.

Nur kennenlernen konnte sie sie zu diesem Zeitpunkt nicht. „Die Omas waren sich spinnefeind, deshalb hatten wir nie eine Verbindung zueinander.“ Ihren Vater Oskar Heinze traf die Halbwaise nur ein paar Mal, als er zu Besuch kam. „Ich bin heute ein fröhlicher Mensch, aber mir ist immer aufgestoßen, dass ich alleine war. Und ich habe versucht stark zu sein, aber in mir drin sah es schlimm aus.“

Ihr ganzes Leben lang suchte die 1941 geborene Uta Kabbert in Berlin nach Arnold und Wolfgang Slawinski. Jetzt sei sie richtig froh und glücklich, wenigstens einen gefunden zu haben, sagt sie.

Als Wolfgang Töpfner beschließt, für seine Lebensgefährtin im Internet auf die Suche zu gehen, geht es ganz schnell: Schon beim ersten im Telefonbuch eingetragenen Wolfgang Slawinski im baden-württembergischen Bietigheim-Bissingen wird Töpfner fündig – und spricht gleich mit dem Richtigen. „Gib mir mal mein Schwesterchen“, sagt Slawinski. Ungläubig soll Uta ihn dann gefragt haben: „Bist du der Wolfgang, mein Brüderchen?“

Mittlerweile telefonieren sie täglich miteinander und frischen gegenseitig Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend auf. Der 1938 geborene Bruder Arnold Slawinski sei schon mit 54 Jahren an einem Gehirntumor gestorben, erfährt Uta am Telefon. An die gemeinsame Mutter kann sich Wolfgang Slawinski nur schwach erinnern, berichtet er. Er habe noch nie ein Foto von ihr gesehen – Uta besitzt immerhin ein Bild von damals.

Eigentlich sollte nie jemand erfahren, dass die kleine Halbschwester Uta existiert, erfährt sie in einem ersten tränenreichen Telefonat mit Wolfgang Slawinski.  Auch er und seine Frau Doris hätten all die Jahre vergeblich nach Uta gesucht. Allerdings immer nur unter ihrem Mädchennamen Grabski.

Als er vier Jahre alt war, stand tatsächlich eine fremde Frau (Utas Großmutter Barbara Werner) vor der Tür und habe etwas von einer kleinen Schwester erzählt, erinnert sich Slawinski. Danach bekamen die Kinder aber von ihrer Großmutter ein Verbot, die Tür noch einmal für sie zu öffnen, bedauert er heute.

1969 zog der gelernte Schlosser mit seiner Frau Doris aus West-Berlin nach Baden-Württemberg. Das Ehepaar bekam zwei Kinder und besuchte bis heute regelmäßig Verwandte und Freunde in Berlin. Eigentlich will Wolfgang Slawinski am liebsten sofort mit dem Auto nach Neuenhagen bei Berlin reisen, verspricht er Ende Mai. Aus verschiedenen Gründen verschiebt sich das Treffen auf Mitte Juni.

So richtig glauben kann die 78-Jährige es noch nicht, als ihr verloren geglaubter Halbbruder sie endlich mit echtem Berliner Dialekt in die Arme nimmt. Die beiden scherzen bei Kaffee und Kuchen um die Wette: „Solange ick ihr noch auf den Kopf spucken kann, is allet in Ordnung!“, sagt Wolfgang Slawinski lachend.

Doch der 80-Jährige sei auch immer noch geschockt über das glückliche Wiedersehen und Kennenlernen. Uta Kabbert stehen Tränen in den Augen. Für sie sei ein Traum in Erfüllung gegangen, beteuert die 78-Jährige.

DRK-Suchdienst millionenfach im Einsatz

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben Millionen verzweifelte Menschen vermisste Angehörige gesucht. 1945 nahm der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) seine Arbeit auf. Bis 1950 wurden rund 16 Millionen Suchanträge gestellt, 8,8 Millionen Schicksale konnten geklärt werden. Digitale Karteikarten erzählen heute Geschichten von rund 20 Millionen Menschen. 2015 gab es laut DRK noch 1,3 Millionen ungelöste Fälle. dpa