Bad Wimpfen / Von Hans Georg Frank Bad Wimpfen will in einem Pilotprojekt einen Elektrobus einsetzen. Zunächst können allerdings nur Mitarbeiter von Lidl einsteigen. Von Hans Georg Frank

Bad Wimpfen wirbt gern mit seinen „historischen Gebäuden und dem schönen Fachwerk“. Bald werden die Besucher des Kurortes aber nicht nur über die „markante Stadtsilhouette der größten Kaiserpfalz nördlich der Alpen“ staunen. Am Bahnhof soll ein autonom rollender Shuttle-Service Passagiere abholen – zunächst aber nur Lidl-Mitarbeiter.

Der gigantische Neubau der Deutschland-Zentrale des Discounters am Rand der Stadt im Kreis Heilbronn zwingt zu innovativen Beförderungskonzepten. Wenn nächstes Jahr 1500 Mitarbeiter einziehen, sollen möglichst wenige mit dem eigenen Auto kommen. Die Schwarz­-Gruppe, zu der Lidl gehört, habe ein betriebliches Mobilitätsmanagement erarbeitet, so Geschäftsführer Josef Klug im Gemeinderat. Klug möchte „den Individualverkehr auf ein Minimum reduzieren“. Deshalb sollen am Bahnhof nicht nur 50 firmeneigene Pedelecs bereitstehen und Busse jene Mitarbeiter aufnehmen, die per Bahn anreisen. In Bad Wimpfen wird in einem Pilotprojekt auch ein autonomer Shuttlebus erprobt.

Das mit Strom betriebene Fahrzeug könnte morgens Lidl-Leute an den Schreibtisch bringen und abends abholen. Dazwischen, hofft Bürgermeister Claus Brechter, könnten Einheimische wie Fremde damit unterwegs sein.

Zwar muss der Plan noch mit der Hochschule Heilbronn konkretisiert werden, doch der Bürgermeister hat sich schon eine Route überlegt. Demnach würde der leise Selbstfahrer im Zick-Zack durch die Kurstadt mit ihrem mittelalterlichen Zentrum kurven.

Die knapp zwei Kilometer lange Trasse soll sich der Bus mit einem Radweg teilen, erklärte Brechter. Ob  das Kopfsteinpflaster – typisch für das unter Ensembleschutz stehende Städtchen – verändert werden muss, gilt es zu prüfen.

Das Mobilitätskonzept von und für Lidl stieß im Gemeinderat auf Vorbehalte vor allem bei Grünen und der Fraktion „Wise“, das Kürzel steht für „Wimpfener Straßen entlasten“. Beim separaten Beschluss über den Bus sorgten aber auch die Bedenkenträger für Einstimmigkeit.

In der Sitzung wurde immer wieder der niederbayerische Kurort Bad Birnbach als Vorbild genannt. Dort startete die Deutsche Bahn 2017 ihren autonomen Shuttle-Service auf 700 Meter Länge zwischen Marktplatz und Therme. Ein Jahr später erfolgte eine Ausdehnung auf das Doppelte, um auch den Bahnhof anzuschließen. „Wir sind absolut glücklich mit unserem Shuttle“, bestätigte Kurdirektor Viktor Gröll der SÜDWEST PRESSE, „das ist eine ganz tolle Verbindung, ein echter Nutzen.“

Zwischen 8 und 18 Uhr zuckelt der Kastenwagen mit Elektromotor durch Bad Birnbach. Durchschnittlich 130 Passagiere täglich nutzen den Pendelverkehr mit zwei Fahrzeugen, die sich mit Tempo 15 ihren Weg suchen. Angestrebt werde ein Betrieb bis 21 Uhr, sagte der Chef der Kurverwaltung. Ob weiterhin auf ein Entgelt verzichtet wird, ist unklar.

Bürgermeister und Gemeinderäte von Bad Wimpfen kennen das Bad Birnbacher Beispiel nur vom Hörensagen. Auf die 380 Kilometer lange Dienstreise wurde bislang verzichtet. Auch von der Schwarz-Gruppe hat sich noch niemand einen eigenen Eindruck verschafft. Der Gemeinderat entschied sich lieber für einen Abstecher zu Bosch nach Abstatt. Dafür müssen zwar nur 26 Kilometer zurückgelegt werden. Aber die Spezialisten des Konzerns erfuhren davon aus der Presse, einen Kontakt habe es vor der Sitzung nicht gegeben, sagte ein Unternehmenssprecher. In Abstatt könne gar kein passendes Fahrzeug gezeigt werden. „Das ist kein Schwerpunkt in unserem Entwicklungsbereich“, hieß es auf Anfrage, „wir haben keine fertige Lösung.“

1500 Mitarbeiter und 1300 Autos haben Platz

Fünf Gebäude, unterirdisch miteinander verbunden, bieten auf 130 000 Quadratmeter Platz für 1500 Mitarbeiter in der Lidl-Zentrale. Im Neubau wird gebündelt, was bisher auf zehn Standorte verteilt ist. Von Bad Wimpfen aus werden 39 Regionalgesellschaften gesteuert, die für 3200 Filialen verantwortlich sind. Der Bauplatz ist vier Hektar groß. In der Tiefgarage entstehen 1300 Stellplätze für Autos und 200 Fahrräder, E-Ladestationen sind auch eingeplant. Die Kosten sind nicht bekannt. hgf