Niederstetten / Stuttgart / München / Von Alfred Wiedemann Bayern genehmigt immer mehr neue Photovoltaikanlagen auf landwirtschaftlichen Flächen. Baden-Württemberg hinkt hinterher. Von Alfred Wiedemann

Gerhard Kümmerer, Landwirt in Niederstetten, bekam als erster in Baden-Württemberg einen Zuschlag im neuen Ausschreibungsverfahren für Solarparks auf Landwirtschaftsflächen. 2016 war das, die Förderung für große Freiflächen-Photovoltaik wurde neu geregelt. Seit 2017 ist Kümmerers Anlage mit rund zwei Megawatt Nennleistung jetzt in Betrieb. „Sie liefert mehr Strom als erwartet“, sagt er heute. Und aus dem Rapsacker ist extensiv genutztes Grünland geworden.

Zwanzig weitere Solarpark-­Projekte in Baden-Württemberg haben seither ebenfalls einen ­Zuschlag der Bundesnetzagentur erhalten. Zwölf sind nach Angaben des Umweltministeriums in Betrieb. Freiflächen-Photovoltaik auf Äckern und Grünland ist nur in landwirtschaftlich benachteiligten Gebieten zulässig. Im Südwesten fallen 900 000 Hektar darunter, zwei Drittel der bäuerlichen Nutzfläche.

Das Land hat den Weg mit der Freiflächenöffnungsverordnung im März 2017 freigemacht. Zum Schutz der Landwirtschaft werden insgesamt maximal 100 Megawatt genehmigt. Zuvor waren nur Konversionsflächen oder Randstreifen von Autobahnen und Gleisen zulässig. Freiflächen-Solarstrom ist attraktiv: Die Technik ist so weit, dass die Kilowattstunde für fünf Cent erzeugt werden kann, günstiger geht’s kaum in Deutschland.

Bayern erlaubte ebenfalls 2017 Solarparks auf Äckern. Heute ist man dort beim Solarstrom aus Freiflächen-Anlagen viel weiter: Höchstens 30 Projekte waren zuerst zulässig, dann 70, seit Juli sind es 200 Anlagen. Mit 54 gewonnenen Ausschreibungen war das Kontingent fast erschöpft, so das bayerische Wirtschaftsministerium, das Potenzial sei aber noch groß.

Unterm Strich haben bis März 2020 Freiflächen-Anlagenprojekte in Bayern mit insgesamt 1233 Megawatt Nennleistung Zuschläge erhalten. In Baden-Württemberg kamen seit 2017 nur 69 Megawatt zusammen, so eine Auswertung des Solar Clusters Baden-Württemberg.

Zweites Standbein

Bayerns Bauern setzen auf Sonnenstrom von der Wiese, in Baden-Württemberg sind eher Sorgen um steigende Pachtpreise und den Verlust landwirtschaftlicher Fläche Thema. Ein Solarpark sei aber oft ein Gewinn für die Natur, etwa wenn Äcker zu extensiv genutztem Grün werden, sagt Franz Pöter vom Solar Cluster. Oft werde vergessen, dass Freiflächen-Photovoltaik „so gut wie keine Flächenversiegelung“ bedeute. Im Vergleich zu Mais oder Raps für Biogas sei ein Solarkraftwerk auch viel effizienter.

Für Energiewende und Klimaschutz brauche es Freiflächen­-Kraftwerke: Zwei Drittel Solarstrom von Dächern, ein Drittel von Freiflächen sei eine „gesunde Mischung“. In Bayern, so Pöters Eindruck, seien sich Kommunen, Behörden und Landwirte einig. In Baden-Württemberg fehle dagegen oft die „positive Haltung“, die Überzeugung, dass der Solarstrom-Ausbau eine „gute Sache“ sei. Wünschenswert sei ein „gesellschaftlicher Grundkonsens“ von Regierung, Verbänden und Kommunen in der Frage.

Die „allgemeine Akzeptanz“ für Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen sei hierzulande geringer als in Bayern, so die Einschätzung eines Sprechers des Umweltministeriums in Stuttgart. „Wir haben schon den Eindruck, dass die Chance, die Photovoltaikanlagen gerade auch für Landwirte als zweites Einkommensstandbein bieten, oft nicht erkannt wird.“

Das Land wolle den Ausbau für Artenschutz und Landwirtschaft verträglich vorantreiben, sagt der Sprecher. Das Umweltministerium fördere eine Reihe von Angeboten, ein Handlungsleitfaden für Freiflächensolaranlagen zum Beispiel, das Netz für lokale Akteure, das Dialogforum „Erneuerbare Energien und Naturschutz“ und das Forum „Energiedialog“ zur Unterstützung der Kommunen bei der Energiewende.

Die Kommunen haben das Sagen, wenn es um Solarparks geht. Im Außenbereich ist ein Bebauungsplan und ein geänderter Flächennutzungsplan erforderlich. Bei Großprojekten drohen Konflikte. Lieber die Finger weg, ist oft die Devise. Erst recht, wenn Projektierer mit hohen Pachtbeträgen winken und die Nachbarlandwirte nervös machen. Investieren dagegen Landwirte vor Ort oder Profi-Partner mit Bürgergenossenschaften, verbessert das die Chancen. „Wir haben auch Rückmeldungen, dass in einigen Gemeinden die Verantwortlichen inzwischen aufgeschlossener sind“, sagt Pöter.

Klare Ansagen wie in Niederstetten sind noch selten. Seit Februar hat die Stadt im Main-Tauber-Kreis einen Kriterienkatalog für Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen. Maximal 40 Hektar neue Anlagen in vier Jahren, heißt es da, Mindestabstände zu Wald und Straßen werden genannt – und dass nur Niederstettener Bürger und Unternehmen eine Genehmigung bekommen.

Was sagt Landwirt Gerhard Kümmerer heute zu seinem Solarpark? „Das war der absolut richtige Schritt für meinen Betrieb“, die Stromproduktion bringe „sicher und stabile Erträge“ wie sie weder Tier noch Acker garantieren könnten, so Kümmerer. „So kann auch die nächste Generation mit dem Betrieb weitermachen.“

Fördergeld nur noch nach einer Ausschreibung

Photovoltaik-Freiflächenanlagen müssen seit 2017 in Ausschreibungsrunden der Bundesnetzagentur gewinnen. Nur dann gibt es die Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Das gilt für Solarparks mit Nennleistungen von 750 Kilowatt peak bis 10 Megawatt peak. Den Zuschlag erhalten Projekte, welche die Kilowattstunde Strom im Vergleich am billigsten anbieten.