Richard Gentner ist begeistert. „Wer kann schon jeden Tag wilde Störche so hautnah beobachten wie wir“, sagt der Fachmann für Arbeitssicherheit. Den ganzen Sommer über sah er vom Fenster seines Hauses in Moosheim (Landkreis Sigmaringen) jeden Tag zu, was die großen weißen Vögel auf dem Turm der Kirche Sankt Johannes trieben. Und er bekam auch einiges zu hören. „Das Geklapper den Tag lang war klasse.“

Nachbar Gentner hatte einen Logenplatz bei dem bisher einmaligen Schauspiel in Oberschwaben. Auf der Südseite des Kirchturmdachs in dem Dorf nahe Bad Saulgau bauten sechs Storchenpaare ihre Nester, paarten sich und zogen ihre Junge auf. Ein Paar belegte das traditionelle, von Menschenhand vorbereitete Nest auf dem First, die anderen machten es sich auf den Staffelgiebeln links und rechts bequem und sogar am Schneefanggitter. Lange war zweifelhaft, ob die Nester wirklich halten in diesen abenteuerlichen Lagen. Doch die Störche erwiesen sich offenbar als gute Baumeister.

Eine Ansammlung von so vielen Störchen ist ungewöhnlich in Oberschwaben, denn normalerweise beansprucht in dieser Region jeweils ein einziges Paar einen Brutplatz auf einem Gebäude und verteidigt diesen Platz vehement gegen Artgenossen. Aber das WG-Experiment glückte, wenn es auch, wie Gentner beobachtete, nicht immer friedlich zuging. Immer wieder lieferten sich die Altstörche heftige Luftkämpfe, ohne jedoch bis zum Äußersten zu gehen.

Die baden-württembergische Weißstorch-Beauftragte Ute Reinhard hat jetzt Bilanz gezogen. Aus dem traditionellen Horst flogen vier Junge aus, aus dem Nest daneben drei, vom Nest auf dem Giebeltürmchen West zwei und aus dem Horst im Schneefanggitter West ein Junges – insgesamt also zehn. Nur die Paare fünf und sechs hatten keinen Bruterfolg.

Das Treiben auf Sankt Johannes sorgte wochenlang für Aufsehen. Zahlreiche Storchenfreunde steuerten Moosheim an, mit dem Auto, mit dem Rad, und hielten vom Kirchplatz aus Ausschau. Aufregend, als erstmals Junge ihre Köpfe über den Nestrand streckten. Und noch faszinierender, als sie dann, fast schon so groß wie die Eltern, im Nest standen und ihre Flügel bewegten – Muskeltraining vor aller Augen. Schließlich war es so weit: Die ersten Jungstörche starteten zum Jungfernflug. Da gab es viel zu fotografieren.

Die Jungstörche haben sich übrigens schon Ende August auf den Wiesen um Moosheim gesammelt, dazu gesellten sich weitere Junge, deren Eltern in Nestern auf Strommasten gebrütet hatten. Insgesamt hatten diesen Sommer neun Storchenpaare in Moosheim dauerhaft gesiedelt. Die Jungen haben sich bereits auf den Flug ins Winterquartier gemacht, die Alten aber sind noch da und kommen täglich auf den Turm zurück. Nicht mehr lange und sie werden ebenfalls ihrem Zugtrieb folgen.

Biotope rund um den Ort

Mit ein Grund für die Beliebtheit von Moosheim bei den Störchen sind die Biotope, die rund um den Ort angelegt worden sind. Überhaupt hat die Stadt Bad Saulgau, zu der Moosheim mit seinen 337 Einwohnern gehört, mehr als 100 Tümpel und Feuchtwiesen geschaffen. Die Folge war, dass allein in der Kernstadt in enger Nachbarschaft elf Brutpaare nisteten und 22 Junge ausbrüteten, von denen eines einen tödlichen Stromschlag erlitt. Auch in der Stadt war der neue Trend zur Koloniebildung zu beobachten. Offenbar ist es so: Wenn sich ein zweites Paar behaupten kann, ist der Bann gebrochen und die Störche „werden WG-tauglich“, wie Ute Reinhard feststellt.

Richard Gentner ist gespannt darauf, was im nächsten Jahr passiert. Werden die Störche ihre Wohngemeinschaft auf Sankt Johannes fortführen? Ausgeschlossen ist das nicht.

Nicht mehr alle Jungtiere werden beringt


Für Oberschwaben ist 2020 ein gutes Storchenjahr. Durchschnittlich zog jedes Paar zwei Junge auf. Der Bruterfolg verursachte Ute Reinhard und ihren Helfern viel Arbeit. So viel, dass sie inzwischen nicht mehr wie bisher alle Jungstörche beringen.

Alle jungen Störche auf dem Moosheimer Kirchturm blieben unberingt. Grund: Für das Anbringen der Identitätsmarken müssen die Küken zwischen vier und sechs Wochen alt sein. Doch die Jungen dort befanden sich stets in unterschiedlichen Entwicklungsstufen.  Hätte man die ersten beringt, wären die Vögel in den anderen Nestern gestört worden; die Eltern wären wohl geflüchtet. web