Baden-Württemberg / Von Laura Liboschik Die Partyszene im Land steckt tief in der Krise. Mit Video-Chats und Spielen entstehen Alternativen. Auch die Club-Betreiber werden kreativ. Von Laura Liboschik

Ein halb leerer Club, in dem mit Sicherheitsabstand getanzt und angestoßen wird. Beim  Flirt-Partner sieht man nur Augen und Mundschutz. Momentan schwer vorzustellen. Die Corona-Ampel für Diskotheken steht auf Rot. Partys scheinen in der Krise noch weit weg. Aber was machen junge ­Leute und Club-Betreiber eigentlich, wenn nicht gefeiert werden darf?

In Stuttgart hat Sasa Mijalovic, der Betreiber des Clubs „Ko­walski“, eine Idee: die Außen­fläche vor dem Grundstück als Biergarten nutzen. Eigentlich wird in dem alten Gebäude einer ehemaligen Praxis die ganze Nacht zu elektronischer Musik getanzt. Jetzt steht der Club still. Eine Alternative zur Innenraum-Disko sei es, den Hof zu bestuhlen und zusätzlich die ­Außenfläche, die der Stadt gehört, als Biergarten zu nutzen, wenn die Gastronomie ab Montag wieder öffnen darf, sagt der ­Geschäftsführer. Damit wolle er den Leuten zeigen: „Wir sind noch da.“ Es fehle nur noch die endgültige Erlaubnis der Stadt, da sei er aber zuversichtlich.

Wenn der Biergarten gut laufe, kann Mijalovic damit vielleicht sogar die Miete kompensieren: Die sei für Stuttgart vergleichsweise niedrig, da das Gebäude ein Abrissobjekt sei. Trotzdem: An einen normalen Betrieb ist noch lange nicht zu denken. „Wenn ich die jetzige Situation aber auf das gesamte Jahr 2020 hochrechne, dann wird mir schlecht“, sagt er. Es würde sich vermutlich auch noch nicht lohnen, für die Hälfte der Leute zu öffnen, wenn das erlaubt werde. „Die Bars, die DJs, das kostet.“

Mit seinen Freunden schmeißt Marius Neudorfer am Wochen­ende Hauspartys – aber online am Computer oder Smartphone. In einem virtuellen Raum mit bis zu acht Teilnehmern sieht man sich bei der App „Houseparty“ über die Webcam. „Letztes Mal haben wir etwas getrunken und ,Wer bin ich?’ gespielt“, erzählt der 19-jährige Stuttgarter. Dabei bekomme jeder Teilnehmer eine Person zugeordnet, die es zu erraten gilt. Normalerweise geht der auszubildende Medienkaufmann fast jedes Woche mit Freunden feiern. „Online ist es schon ein bisschen wie eine Party“, das Tanzen vermisse er aber, sagt er.

In Tübingen setzt Jürgen Eberhardt, Inhaber der Diskothek „Schlachthaus“, zunächst auf Livestreams. Die geplanten Auftritte von Bands und DJs sollen von Ende Mai an in den leeren Räumen des Clubs regelmäßig aufgenommen und gratis auf der Plattform „Twitch“ live zum Anschauen übertragen werden. Auch auf Facebook sollen die Videos veröffentlicht werden. Vor Oktober rechnet der Betreiber nicht damit, wieder öffnen zu dürfen. Und auch dann sei es unter den Auflagen vermutlich schwierig. „Die Club-Betreiber lügen sich in die eigene Tasche, wenn sie meinen, mit Alkohol sei es möglich, dass die Gäste den Sicherheitsabstand einhalten“, sagt Eberhardt.

An den warmen Tagen fällt es der Biologie-Studentin Marta Provenzano besonders schwer, auf Biergärten, Bars und Grillpartys in Tübingen zu verzichten. Die 23-Jährige nutzt stattdessen die „Houseparty“-App, um Pantomime zu spielen und ein Bier mit Freunden zu trinken. „Allgemein telefoniere ich viel öfter als früher.“ Es entstünden tiefe Gespräche, die man sonst nicht so führe, weil man nicht oft unter sich sei, sagt sie. Es fehle ihr aber, auf Partys neue Leute kennenzulernen, die etwas anderes studieren. Sie fühle sich machtlos in einer Situation, in der weder im Sozialen noch im Studium etwas vorangehe. Ihrer Oma habe sie erklärt: „Ich fühle mich wie in Götterspeise, in der ich festsitze und selbst nicht entscheiden kann, wann es vorwärts geht.“

In Mannheim studiert Daniel Bek Wirtschaftsingenieurwesen. Er ist auch Tutor an der Hochschule, betreut damit jedes Semester die Studienanfänger. „Das Studentenleben hier steht und fällt mit den Leuten – und die fehlen“, sagt er. Die meisten kämen nicht aus Mannheim, sondern von außerhalb. Weil alles online stattfinde, bliebe der Großteil in der Heimatstadt. Gerade in den ersten Semesterwochen fänden normalerweise viele Partys statt, um sich kennenzulernen und einzuleben. Eine Vorstellungsrunde über die App „Zoom“ könne das einfach nicht kompensieren.

Die vergangenen Jahre hätten die Studenten abends oft noch an der Hochschule getrunken, seien in Bars oder Clubs gegangen. Oft in „Das Zimmer“. Jetzt steht die Mannheimer Diskothek leer. Die Managerin arbeitet gerade daran, eine Bar zu eröffnen. Diese werde jedoch nicht in Zusammenhang mit dem Club stehen. Der Grund für die Überlegung: „Eine Bar darf vermutlich früher öffnen als ein Club“, sagt sie.

Wenn das Konzept nach Plan läuft, fehlen nur noch die Gäste. Momentan sei aber selbst an den beliebten Mannheimer Rheinterrassen kaum etwas los – so auch in Heidelberg, wo sich in der eigentlich sehr belebten „Unteren Straße“ eine leere Kneipe an die andere reihe, sagt Student Daniel Bek. Die neue Abendbeschäftigung des 25-Jährigen und seines Mitbewohners: Tisch-Billard im Wohnzimmer. „Mit einem Bierchen kommt so wenigstens ein bisschen Kneipengefühl auf.“

Feiern trotz Corona: Die Auto-Party

Isoliert In Bietigheim wurden Anfang Mai Auto-Partys in der „Auto Arena Baden“ veranstaltet. Auf der Open-Air-Bühne traten die Künstler unter dem Motto „Mega 90er Party“ und einen Tag darauf bei einer Mallorca-Party auf. Organisiert wurden die Feiern von Thomas Schenkel und seinem Team von „Summerfield Booking“. Unter strengen Auflagen feierten die Gäste in ihren Autos: Die Musik wurde über Funk-Kopfhörer übertragen, maximal zwei Personen pro Auto, die Türen mussten geschlossen bleiben.