Freiburg/Stuttgart / Alfred Wiedemann Bald ist es wieder soweit: Der Nachwuchs des Eichenprozessionsspinners bekommt seine Gifthärchen. Rund um befallene Bäume wird es gefährlich. Von Alfred Wiedemann

Am Oberrhein sind die Raupen des Eichenprozessionsspinners schon weiter entwickelt, nach Angaben der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg (FVA) sind sie bereits im dritten ihrer sechs Larvenstadien. Im Stuttgarter Umland oder auf der Alb, wo es weniger warm ist, dauert es länger, bis es rund um Eichen mit Nestern des Prozessionsspinners ebenfalls ungemütlich wird: Der Falter-Nachwuchs bekommt seine mit Widerhaken ausgestatteten Gifthaare erstmals im dritten Larvenstadium – und dann immer mehr.

Die weißen Brennhaare, die leicht abbrechen und vom Wind weit verteilt werden können, verursachen Hautausschläge, manchmal mit Quaddeln, dazu Reizungen an Mund- und Nasenschleimhaut. Bronchitis, Husten und Asthma drohen beim Einatmen der winzigen Härchen. Schwindel, Fieber und Bindehautentzündung können Symptome sein. Al­lergische Schockreaktionen sind möglich, so das Landesgesundheitsamt.

Im Mai 2019 mussten in Bretten bei Karlsruhe wegen Raupen in der Nähe zwei Schulen geräumt werden. Die Rettungskräfte versorgten beim Großeinsatz Dutzende Kinder wegen allergischer Reaktionen.

Fast im ganzen Südwesten werden bald bald wieder Warnschilder und Absperrbänder rund um befallene Eichen hängen. Stehen die Bäume nah an Wegen, muss oft abgesperrt werden, solange die Raupen in Massen an den Ästen hängen. Kommunen und Forstämter warnen Spaziergänger und Freizeitsportler, sie sollen einen großen Bogen machen. Bis Ende Juli, Anfang August geht das so, bis zur Verpuppung in Kokons, dicht an dicht im Gespinstnest.

Bei Befall in der Nähe von Siedlungen oder in stark genutzten Parks rücken Schädlingsbekämpfer an. Sie saugen Raupen und Nester ab. Auch der Einsatz von Bioziden ist möglich, aber nur vorbeugend. Haben die Raupen ihre Gifthaare gebildet, ist das Spritzen nicht mehr sinnvoll. Kommunen hängen auch Lockstoff-Fallen auf.

Genaue Zahlen zu Jahr für Jahr nötigen Absperrungen und Einsätzen gibt es nicht. Auch nicht über die Anzahl der Betroffenen, die durch Kontakt mit den Brennhaaren der Raupen zum Arzt müssen. „Es besteht diesbezüglich keine Meldepflicht gegenüber den Gesundheitsämtern“, teilt das Landesgesundheitsamt im Regierungspräsidium Stuttgart mit. „Deshalb liegen uns auch keine Zahlen hierzu vor.“

Klar ist aber, dass der Prozessionsspinner in Baden-Württemberg seit Mitte der 90er Jahre „weitaus präsenter ist als zuvor“, so die FVA. Seit 2005 hat er sich zum „dauerhaft etablierten Schadorganismus“ entwickelt, der inzwischen „nahezu alle Regionen mit nennenswerten Eichenbeständen“ betreffe.

Bei den gemeldeten Befallsflächen im Forst traf es 2019 die Landkreise Reutlingen, Heidenheim, Ostalb, Schwäbisch Hall und Heilbronn am stärksten. Die Schwerpunkte wechselten aber räumlich und zeitlich, sagen die Fachleute der FVA.

Die Raupen dürften in den kommenden Jahren noch stärker in Erscheinung treten: „Steigende Befallsflächen und Populationsdichten sowie die Witterung in den letzten Jahren deuten auf gegenwärtig günstige Entwicklungsbedingungen hin“, so die FVA. Wobei ein milder Winter Bestände auch dezimieren kann: Wenn die Raupen vor dem Austrieb der Eichen schlüpfen, verhungern sie.

Der Eichenprozessionsspinner ist nicht nur eine Gefahr für Menschen und Tiere, sondern auch für die Eichen selbst: Wiederholter Kahlfraß schwächt Bäume so, dass Sekundär-Schaderreger wie der Zweipunktige Eichenprachtkäfer loslegen können. Die Bäume sterben ab.

Könnte Joggern und Spaziergängern womöglich im Wald das Tragen von Mundmasken helfen, die zurzeit fürs Einkaufen und Bahnfahren vorgeschrieben sind? „Eine Alltagsmaske dient auch bei Corona-Viren vorrangig dem Zweck, das eigene Umfeld zu schützen und weniger dem Eigenschutz“, sagt das Landesgesundheitsamt. „Bei einem starken Befall mit Gifthaaren bietet ein Mundschutz entsprechend auch hier nur einen eingeschränkten Schutz, kann aber durchaus die Vermeidung von Reizungen an Mund- und Nasenschleimhaut durch das Einatmen von Brennhaaren unterstützen.“

Erwachsen sind die Falter ganz unscheinbar

Der „fertige“ Eichenprozessionsspinner (Thaumeteopoea processina) ist ein kleiner, unauffälliger Falter mit grauen Flügeln. Aus den im Sommer an den Ästen älterer Eichen abgelegten Eiern entwickeln sich Raupen, die im Ei überwintern. Im Frühjahr darauf schlüpft die Raupe. Bis zur Verpuppung macht sie fünf bis sechs Larvenstadien durch. Die Gifthaare mit Widerhaken bekommt sie ab dem dritten Stadium. Die feinen Härchen brechen leicht ab, können weit verweht werden und bleiben auch aus alten Nestern über Jahre gefährlich.

Prozessionsspinner heißen sie, weil sie in der Nacht in Gruppen auf Nahrungssuche losziehen. Sie vertilgen Eichenblätter, selten auch Buchen und Ahorn. Das geht bis zum Kahlfraß, so die Forstliche Versuchsanstalt Freiburg. Bis zu den 1990er Jahren traf es nur einzelne Eichen in Parkanlagen oder an Waldrändern. Inzwischen kommt der Schädling praktisch flächendeckend vor. aw