Stuttgart / Dominique Leibbrand Tausende demonstrieren in Stuttgart gegen die Einschränkungen in der Corona-Krise. Ein bunter Mix an Menschen, die eint, dass sie sich von der aktuellen Politik betrogen fühlen. Von Dominique Leibbrand

Ein triumphales „Jawoll“ ruft eine Frau mit rauchiger Stimme ihrer Freundin zu, als sie die Massen sieht, die auf den Cannstatter Wasen in Stuttgart strömen. Mit großen Schritten streben die Frauen am Samstag zur Mitte des Festplatzes. Die Bühne muss man dort vor lauter Menschen erst mal suchen. Eine halbe Stunde vor dem Start der  „Mahnwache Grundgesetz“ haben sich auf dem Festplatz bereits mehrere tausend Menschen eingefunden.

In normalen Zeiten würde an diesem Nachmittag auf dem Wasen das Frühlingsfest seinem Höhepunkt entgegenstreben. Doch statt Fassbier und Gaudi wird es heute kollektiven Zorn auf die Regierung wegen der Corona-Beschränkungen und „Merkel weg“-Rufe geben. Der gemeinsame Nenner für die Tausenden auf dem Platz, die ansonsten kaum unter einen Hut zu bringen sind.

„Stoppt die Corona-Diktatur“

Da gibt es die älteren Männer, die Deutschland-Fahnen schwingen und jüngere Männer mit Hipsterdutt, die Regenbogenflaggen hochhalten. Die Frau, die auf einem Hocker sitzt und ein Exemplar des Grundgesetzes hochhält. Kinder, die den Boden mit Kreide vollmalen. Die Seniorin mit langen grauen Zöpfen, die mit einem Hula-Hoop-Reifen über den Platz tänzelt, und den Familienvater in Turnschuhen und kurzer Hose. Man sieht Linke und AfD-Politiker. Menschen mit Schildern, auf denen Sätze stehen wie: „Stoppt die Corona-Dikatur“ oder „Wir fordern Grundrechte zurück“. Andere outen sich als Impfgegner, wieder andere als Esoteriker – und wieder andere als Verschwörungstheoretiker, die „Gib Gates keine Chance“-Shirts tragen.

Die Demonstranten kommen aus Baden-Württemberg und darüber hinaus. Man trifft Protestler aus Bayern und auch aus Niedersachsen, wie Christin, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die junge Frau trägt Kordhut, Holzschmuck und eine Weste. „Ich bin hier, weil ich keine Interesse an Spaltung habe“, sagt sie. Obendrein sei sie gegen eine Impfpflicht und die staatlich auferlegten Beschränkungen. „Ich setze mehr auf Selbstverantwortung.“

Einige Meter weiter posiert die Stuttgarter Podologin Claudia Oswald-Wolf mit ihrem Schild „Für meine Kinder und Enkelkinder“ für Fotos und raucht eine Zigarette. Sie fühlt sich an die Zeit der Nazi-Herrschaft erinnert und warnt vor der Unobjektivität der Medien. „Wissen Sie, dass die ‚Zeit’ geschmiert wurde“, raunt sie einem zu. Wohl in Anspielung auf die Verschwörungstheorie, Microsoft-Gründer Bill Gates habe große deutsche Medienhäuser bestochen. Eine Maske trägt sie wie das Gros auf dem Platz nicht.

Um kurz nach halb vier hallt Michael Ballwegs Stimme über den Festplatz. Der IT-Unternehmer hat die Initiative „Querdenken 711 Stuttgart“ gegründet, veranstaltet seit Wochen die „Mahnwache Grundgesetz“ mit steigendem Zuspruch. Unter Applaus übt er Kritik an den Medien, die „gleichgeschaltet“ seien. Befürchtungen, seine Initiative werde von Rechten unterwandert, weist er zurück. Dieses Gedankengut habe bei „Querdenken“ keinen Platz. Zur Journalisten geht Ballweg auf Distanz. Interviews werde er diese Woche nicht geben, bis sein Presseteam aufgebaut sei.

Auf der Rednerliste steht unter anderem Stefan Homburg, Direktor des Instituts für öffentliche Finanzen an der Uni Hannover, der über Youtube kritische Thesen zum Umgang mit der Corona-Krise  verbreitet und sich als Verschwörungstheoretiker verunglimpft sieht. Corona sei ein „irrer Hype“, ruft Homburg, die Bevölkerung werde belogen und verängstigt. Die Frage danach, mit welcher Motivation die Regierung das tun sollte, lässt Homburg offen. Der  Lockdown sei überflüssig gewesen, sagt er jedenfalls, er fühle sich an die dystopische Buchreihe „Die Tribute von Panem“ erinnert.

Kritik an Demo im Netz

Es folgt der Arzt Wilfried Geissler, der Covid-19 offenbar nicht für allzu gefährlich hält. Schlagkräftiger Beweis in seinen Augen ist die Geschichte dreier Bekannter, die die Infektion durchgemacht hätten und denen es jetzt größtenteils wieder gut gehe. Überdies würde er, so Geissler, lieber am Beatmungsgerät in Narkose sterben, als an Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Er verweist auf Schweden, das viel mutiger als Deutschland gewesen sei, ohne jedoch die Kritik an dem Land zu erwähnen, das ohne Lockdown durch die Krise geht.

Als Stargast tritt der Youtuber Ken Jebsen ans Mikro. Organisator Ballweg räumt selbst ein, dass er überlegen musste, ob er Jebsen reden lasse. Gilt der doch als äußerst umstritten. Der ehemalige Radiomoderator war vor zehn Jahren von seinem Sender wegen antisemitischer Äußerungen gefeuert worden. Mittlerweile betreibt er auf Youtube den Kanal „KenFM“, über den er krude Thesen verbreitet. Etwa jene, nach der Bill Gates und seine Ehefrau Melinda in der Corona-Krise die Welt regieren und die Weltbevölkerung zwangsimpfen wollen.

Corona bezeichnet Jebsen auf dem Wasen als „trojanisches Pferd“, das die Regierung und die sie beratenden Konzerne benutzten, „um den Staat noch mächtiger und die Bürger noch ohnmächtiger zu machen“. Auf dem Platz johlen Tausende, im Netz ist die Zustimmung noch größer. Jebsens Beiträge werden dort millionenfach geklickt. Für Organisator Ballweg nach eigener Aussage der ausschlaggebende Punkt, Jebsen aufs Podium zu holen.

Im Netz gibt es für Jebsen und die Wasen-Demo aber nicht nur Likes, sondern – im Gegenteil – auch viel Kritik. Die Kommentare auf Facebook reichen von „Traurig“ bis zu „Wenn die Realität die Satire mit Höchstgeschwindigkeit rechts überholt“. Der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete und CDU-Kreisvorsitzende Stefan Kaufmann kommentiert auf Twitter: „Ich bin schockiert. Kritische und kontroverse Diskussionen ja. Aber keine Querfrontdemo unter diesen Bedingungen und auf diesem Niveau.“

Demonstranten halten Abstand größtenteils ein

Nach Angaben der Stuttgarter Polizei verlief die Demo ohne größere Zwischenfälle. Der gebotene Mindestabstand sei größtenteils eingehalten worden, sagte ein Sprecher. Die Veranstalter hätten darauf geachtet. Auch eine Gegendemo von 200 Linken im nahen Kurpark verlief demnach friedlich. Mitgezählt haben die Beamten nicht, die maximal zulässige Zahl von 10 000 Teilnehmern wurde nach ihren Schätzungen am Samstag aber erreicht.

Organisator Michael Ballweg hatte für die Kundgebung zunächst 50 000 Teilnehmer angekündigt, dem hatte die Stadt mit einer Begrenzung auf 10 000 Einhalt geboten – wegen des Gesundheitsschutzes. dl