Karlsruhe / lsw Behandlung aus der Ferne wird häufiger, auch wenn der direkte Kontakt zwischen Arzt und Patient nicht zu ersetzen ist. Im Land haben mehr als 3000 Praxen die Erlaubnis für Videosprechstunden.

Der Karlsruher Arzt Michael Thomas Becker war von Anfang an begeistert von Telemedizin. Beratung per Videokonferenz? Macht er für seine Patienten gerne, auch wenn der Bedarf noch bescheiden ist. Beschaffung von Software, mit der er auch in Sachen Datenschutz auf der sicheren Seite ist? Selbstverständlich, „bin dran“. Häftlinge behandeln, ohne im Gefängnis zu sein? Auch bei diesem Modellprojekt des Landes macht er mit.

„Meist geht es um Erkältungskrankheiten“, sagt der Allgemeinmediziner auch mit Blick auf die Patienten seiner eigenen Praxis. „Die Erfahrungen sind insgesamt gut, man kann sehr viel lösen.“ Er prophezeit: „Der große Durchbruch für die Telemedizin kommt jetzt durch das Coronavirus.“

Tausende Häftlinge behandelt

Das Angebot für die JVA zeigt exemplarisch die Vorteile von Behandlungen aus der Ferne. Justizminister Guido Wolf (CDU): „Auch bei kurzfristigen Ausfällen von Anstaltsärzten kann jederzeit auf die Tele-Ärzte zurückgegriffen werden, so dass die ärztliche Versorgung – auch in der Krise – gewährleistet ist.“

 Fast 2300 Mal sind Häftlinge im vergangenen Jahr „fernbehandelt“ worden. In diesem Jahr geschah das (Stand April) schon mehr als 1500 Mal, teilte ein Ministeriumssprecher mit.

Für Telemedizin haben sich inzwischen viele Mediziner gerüstet. „Man kann davon ausgehen, dass Anfang April über 3000 der niedergelassenen Haus- und Kinderärzte die Genehmigung von den Krankenkassen für Video­sprechstunden hatten“, sagt der Präsident der Landesärztekammer, Wolfgang Miller. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) sind es sogar rund 3800.

Das heiße zwar nicht, dass alle diese Möglichkeit bereits nutzen, sagt Miller. Es zeige aber durchaus, dass die Ärzte darauf vorbereitet seien. „Es ist keine Revolution, die jetzt stattfindet, aber eine stetige ­Entwicklung, die durch die Corona-Krise Schwung bekommen hat.“

Das hat auch das Ärztebewertungsportal Jameda Ende März festgestellt. Es meldete gegenüber Februar eine Steigerung um 1000 Prozent bei der Nachfrage nach Videosprechstunden, die über das Portal vereinbart werden können.

Auch Patienten klinken sich aktiv in Angebote ein: Rund 9000 Nutzer verwenden nach Angaben der KVBW inzwischen „docdirekt“: Per Videotelefonie können sich Patienten für medizinische Beratung an niedergelassene Ärzte wenden.

„Es gibt natürlich einen deutlichen Peak bei den 20- bis 40-Jährigen“, sagt eine KVBW-Sprecherin. „Aber man darf die älteren Patienten nicht unterschätzen, auch sie rufen an.“ Miller sagt, die Zahl der Tele-Patienten sei noch relativ gering. Doch „docdirekt“ sei ein Baustein auf dem Weg zu breiterer Nutzung.

Auf „docdirekt“ baut laut dem Sozialministerium auch das elektronische Rezept, das e-Rezept, auf: Seit fast zwei Jahren wird das Modellprojekt „Gerda“ gefördert, sagt ein Ministeriumssprecher. „Gerda“ steht für „geschützter e-Rezeptdienst der Apotheken“ – der Landesapothekerkammer und des Landesapothekerverbandes. Es kann bisher von gesetzlich Krankenversicherten in Stuttgart und im Landkreis Tuttlingen genutzt werden und soll möglichst bald landesweit ausgerollt werden. „Das Modellprojekt findet bundesweit große Beachtung und kann dort als Blaupause genutzt werden.“

Die KVBW rechnet damit, dass Telemedizin durch Corona einen langfristigen Aufschwung erfahren wird. Seit der Krise integrierten deutlich mehr Ärzte die Telemedizin in ihren Praxisbetrieb. „Es lassen sich schnell einfache Fragen klären und mögliche Unsicherheiten aus dem Feld räumen.“ Vor allem aber müssten nicht so viele Menschen in die Praxen kommen. Das könne „bei der nächsten Grippe- und Erkältungswelle von Vorteil sein“.

Dass der direkte Kontakt zwischen Arzt und Patient nicht zu ersetzen ist, darin sind die Experten einig. Aber Medizin und Technik hätten sich weiterentwickelt, sagt Oliver Erens von der Landesärztekammer. Auch in der Distanz könne man sich nahe kommen.

Anika von Greve-Dierfeld

Vorreiter Baden-Württemberg

Das Land hat sich laut Sozialministerium als Vorreiter in Sachen Telemedizin etabliert. So würden im Zuge der 2017 entwickelten Strategie „Digitalisierung in Medizin und Pflege“ inzwischen 24 Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 11 Millionen Euro gefördert. Schon seit 2016 – damals war Baden-Württemberg bundesweit Vorreiter – sind Projekte mit Fernbehandlung zwischen Arzt und Patient, die sich nicht kennen, erlaubt. Erst seit dem 1. Juni ist dies nach einer entsprechenden Änderung der Berufsordnung der Landesärztekammer auch außerhalb von Modellprojekten gestattet. dpa