Stuttgart / Dominique Leibbrand In Tübingen und Stuttgart können Selbstzahler untersuchen lassen, ob sie das Virus schon hatten. Das Sozialministerium rät mit Blick auf die Ergebnisse jedoch zur Vorsicht. Von Dominique Leibbrand

Da war doch diese Erkältung Anfang März. Halskratzen hatte man und trockenen Husten. Ob das Corona war? Die Frage, ob sie das Virus vielleicht schon überwunden und Antikörper gebildet haben, stellen sich derzeit viele. Kein Wunder, dass die ersten Stellen im Südwesten, die Antikörpertests für Selbstzahler anbieten, einen Ansturm erleben.

Seit Anfang vergangener Woche kann sich, wer will, beim Bio­techunternehmen Cegat in Tübingen auf Antikörper testen lassen. Mitbringen muss man nur 25 Euro und Geduld. Die Wartezeit beträgt teilweise bis zu zwei Stunden. Rund 3500 Personen machten nach Angaben des Unternehmens, das die Tests der Reutlinger Firma Mediagnost nutzt, in den ersten Tagen von dem Angebot Gebrauch. Zusätzlich verschickte Cegat Tausende Teströhrchen an Menschen, die nicht persönlich zur Blutentnahme kommen und ihre Proben per Post einschicken. „Da sind wir im fünfstelligen Bereich“, sagt Stefan Griesbach, Leiter Marketing und Vertrieb bei Cegat.

Nur mit Anmeldung

Auch am Flughafen Stuttgart sind nun Antikörpertests möglich. Anders als in Tübingen kann man im Airport Medical Center aber nicht einfach vorbeischauen, sondern braucht einen Termin. Die Patienten zahlen hier 60 Euro. Seit vergangenen Mittwoch gibt es das Angebot, seither hätten sich rund 80 Personen auf Corona-Antikörper testen lassen,  berichtet der Praxis-Chef Jens Künzel. Die Motivation der Patienten sei unterschiedlich: Manche hätten den Verdacht, erkrankt gewesen zu sein, andere wollten die betagten Eltern im Pflegeheim besuchen und hofften auf eine unentdeckt durchgemachte Infek­tion, wieder andere würden von ihrem Arbeitgeber geschickt.

Antikörpertests könnten eine „sinnvolle Ergänzung“ zur Akutdiagnostik sein, sagt der Sprecher des Sozialministeriums Pascal Murmann. Gleichwohl seien die Ergebnisse „allgemein mit Vorsicht zu interpretieren“. Denn: Bei den Tests besteht die Möglichkeit, falsch-positiv getestet zu werden. Es könne zu Kreuzreaktionen mit anderen derzeit zir­kulierenden Coronaviren kommen, erklärt Silke Fischer, Laborleiterin im Landesgesundheitsamt. Hintergrund: Coronaviren machen Experten zufolge etwa 15 Prozent aller Schnupfenviren aus und sind obendrein untereinander sehr ähnlich. Bei entsprechenden Tests kann es also zu verzerrten Resultaten kommen.

Das Problem bei falsch-positiven Ergebnissen sei, dass die getestete Person dann davon ausgehe, immun zu sein, sagt Ministeriumssprecher Murmann. Wenn es zum Beispiel um den Einsatz von klinischem oder pflegerischem Personal gehe, müsse man mit Blick auf die Testergebnisse als Entscheidungsgrundlage Vorsicht walten lassen. Zudem sei noch nicht klar, ob das Vorhandensein von Antikörpern auch bedeute, dass man immun gegen Neuinfektionen sei. „Man kann derzeit lediglich davon ausgehen, dass eine Person mit durchgemachter Erkrankung für einen ­gewissen Zeitraum immun ist“, so Murmann. Wann Erkrankte Antikörper bilden und wie lange ­diese im Körper bleiben, soll eine neue Studie von Landesgesundheitsamt, Klinikum Stuttgart und ­Robert-Bosch-Krankenhaus klären.

 Bei Cegat in Tübingen liegt die sogenannte Spezifität aktuell bei 99,2 Prozent, so Griesbach. Demnach finden sich statistisch betrachtet unter 350 Blutproben drei falsch-positive. Die Kunden würden über diese Möglichkeit des Resultats auf der Homepage des Unternehmens informiert, so Griesbach. Auch stehe bei positiv Getesteten im Bescheid „wahrscheinlich positiv“. Bei den Tests, die am Flughafen verwendet werden, ist die Spezifität etwas höher. Sie liege bei 99,6 bis 100 Prozent, sagt Künzel. Mit welchem Test-Hersteller das Labor zusammenarbeite, wisse er nicht.

Kassen zahlen nur bei begründetem Verdacht

Verfahren Die Akutdiagnostik auf das Coronavirus erfolgt über die molekularbiologische Methode PCR, die Untersuchung auf Antikörper über die serologische Methode Elisa. Auf dem Markt kursieren mehrere Antikörper-Tests. Laut Landesgesundheitsamt liege bei den Tests meist eine hohe Sensitivität vor. Sie gibt den Prozentsatz der Betroffenen an, bei denen die Infektion tatsächlich erkannt wurde. Die Spezifität, die beschreibt, wie viele Nichtinfizierte beim Test als solche erkannt werden, sei wegen möglicher Kreuzreaktionen mit anderen Coronaviren meist geringer.

Kontrolle Die Labore seien qualitätsgeprüft und dürften nur zugelassene Diagnostiktests durchführen, teilt das Landesgesundheitsamt mit. Wer welchen Test anbietet, wird dabei nicht überprüft. Das Paul-Ehrlich-Institut warnt davor, dass die Validierung von Tests, die im Internet oder in Apotheken angeboten würden, nicht gesichert sei. Nachweislich gebe es hier auch Fälschungen.

Krankenkassen Von der Kasse bezahlt werden Antikörpertests laut Kassenärztlicher Vereinigung bislang nur, wenn typische Symptome vorliegen. dl