Ulm / Diana Prutzer Zum ersten Mal nach vier Monaten findet wieder eine Kultur-Tagesfahrt statt. Erst seit kurzem sind touristische Bustouren wieder möglich. Die Gäste wissen diese Abwechslung zu schätzen. Von Diana Prutzer

Busfahrer Lothar Peter und Reiseleiter Bernhard Haudeck haben die gleiche Frage, als sie sich beide durch Zufall bei der gleichen Busreise wieder treffen: Ist das jetzt ein schlechtes Omen?

Es ist die erste Kultur-Tagesfahrt der Hapag-Lloyd Reisen in Zeiten von Corona. Zuletzt sahen sich die Männer am 13. März, bei ihrer gemeinsam letzten Fahrt, kurz bevor der Stillstand kam.

„Auf der Zollernalb – Preußens Glanz und Gloria“ ist der Titel der Reise zur Burg Hohenzollern und nach Tübingen. 22 Gäste machen sich dazu im Vier-Sterne-Bus von Setra auf. An der Windschutzscheibe steht: „In unruhigen Zeiten mit gutem Gewissen reisen“. Es kann nur ein gutes Omen sein, dass sich Haudeck und Peter nun wieder sehen, sagen sie.

Für Bernhard Haudeck, der seit Anfang diesen Jahres nebenher als Reiseleiter arbeitet, kamen die Corona-Verordnungen „wie ein Hammerschlag“. Eine Möglichkeit, sich darauf einzustellen, gab es nicht, sagt der Göppinger. Die Vorlaufzeit war kurz und ein Omnibus könne nun mal nur Omnibus fahren. „Die Branche hat mir leid getan“, fügt der Betriebswirt hinzu. „Umso mehr freut es mich, wenn man die Reisen unter anderen Vorzeichen wieder voranbringen kann“, sagt er und blickt von seinem Platz in der zweiten Reihe aus der Frontscheibe.

Vor ihm sitzt niemand, hinter ihm auch nicht. In jeder zweiten Reihe liegen Schilder: „Platz gesperrt“. Der gesetzliche Abstand muss eingehalten werden. In der ersten Reihe liegt eine große Kiste mit Mundschutzmasken, Einweghandschuhen und kleinen Fläschchen Desinfektionsmittel, darauf der Name des Busunternehmens Missel. An beiden Türen hängen Desinfektions-Spender.

In Nürtingen steigt Regine Erb zu. „Es ist meine erste nach diesem ganzen Lockdown“, sagt die Gästeführerin der „Schwäbischen Landpartie“ ins Mikrofon durch ihre weiße Stoffmaske.

In der Ferne ist die Burg Hohenzollern zu sehen, ein Märchenschloss, in das man mit Online-Ticket und Maske Einlass erhält. Unter dem Eindruck des Panorama-Blicks auf die Schwäbische Alb erzählt Erb von der Geschichte des preußischen Königshauses und der Fürsten von Hohenzollern. Eine Führung findet zurzeit nicht statt. Stattdessen kann man sich jeweils zu fünft zum „königlichen Flanieren“ ins Innere der Burg begeben.

Während sie dafür mit Maske im Gesicht ansteht, spricht Elfi Mathey mit ihren Mitreisenden aus Ulm und Umgebung in der Warteschlange über die Umstände. „So eine Reise würde ich wieder machen, um wegzukommen und nicht zuhause zu sitzen“, sagt sie. Es brauche einen Anstoß, um rauszukommen. „Und geschichtlich und baulich ist ja eh das Gleiche zu sehen trotz Pandemie“, sagt ihre Nebensitzerin aus dem Bus. Die Frauen sind sich einig, diese Zeit hat auch gute Seiten: Der Andrang ist nicht groß und man wird nirgends „durchgeschubst“.

Deshalb können sie in Ruhe einen Blick in die „Schatzkammer“ werfen, wo ein mit Silber durchwirktes Kleid von Königin Luise von Preußen ausgestellt ist. Adel fasziniert, Verwunderung herrscht aber darüber, wie klein das frühere Wohnzimmer des Königs ist – in Zeiten von Abstandsregeln wird das besonders deutlich.

Als es weiter nach Tübingen geht, ist der Hochsommer unter der Maske zu spüren. Die Klimaanlage im Bus hilft. „Sie läuft ständig“, sagt Lothar Peter. Nach der Fahrt, wenn niemand mehr im Bus ist, wird ein spezielles Gerät dafür sorgen, dass dem Innenraum der komplette Sauerstoff entzogen und die Luft danach wieder frisch ist.

Auf dem Weg zur Führung in die Tübinger Altstadt erzählt Peter, dass er in den vergangenen Wochen Linie gefahren ist. Am Morgen hat er sich auf seine erste Busreise sehr gefreut, vor allem weil er es schätzt, mit Menschen unterwegs zu sein. „Ich bin sehr froh, dass es wieder aufwärts geht“, sagt der Busfahrer, der seit 28 Jahren in dem Beruf ist.

Um den Hals der meisten Reisenden hängt während der Stadtführung ein Sender mit Headset. So kann Regine Erb etwas zur Geschichte, Bauten und Persönlichkeiten der Stadt erzählen und auf Abstand bleiben. Hans Walter aus dem Alb-Donau-Kreis nimmt die Einschränkungen gern in Kauf, zumal er findet, dass sie kaum zu spüren sind. Für den Rentner ist es die erste Gruppenreise seit dem Lockdown. Dabei habe er sich immer wieder gefragt: „Was wäre, wenn Corona nicht wäre“, und kommt zum Schluss: „Es wäre nicht viel anders“.

Mehr Kommunikation

Doch, bis auf eine Sache: Vielleicht wäre im Bus ein bisschen mehr Kommunikation, sagt Reiseleiter Bernhard Haudeck auf der Heimfahrt. Aber die „Jungfernfahrt“ fand er sehr gelungen, ebenso Busfahrer Lothar Peter. „Das war ein schöner Tag für mich, weil ich nach vier Monaten wieder mit meinem Bus fahren durfte“.

Kurz vor dem Halt am Geislinger Bahnhof darf der Fahrer nach langer Zeit wieder den Standard-Satz sagen: „Vergesst nichts beim Ausstiegen und lasst bitte keinen Müll liegen“, plus Zusatz: „Auch nicht die Masken.“

Reisebusse rollen wieder durch Baden-Württemberg

Seit 15. Juni sind touristische Busreisen in Baden-Württemberg wieder erlaubt. „Wir fuhren von einem Tag auf den anderen von 100 auf 0 herunter“, sagt Gaby Vierling, Leiterin Gruppenreisen der SÜDWEST PRESSE + Hapag-Lloyd Reisebüro GmbH & Co.KG zur Situation der vergangenen Monate.

Am 9. Juli rollten die Tagesreisen dann mit dem Bus wieder an. Für die erste Busreise wurde „Omnibus Missel“ eingesetzt. Maximal 25 Personen können bei den Busreisen teilnehmen, im Bus gelten Maskenpflicht und Abstandsregeln. Jeder hat seinen festen Sitzplatz. Die Toilette im Bus kann genutzt werden und an beiden Türen hängt Desinfektionsmittel.