Hohenstein / David Nau Im Gesundheitszentrum in Hohenstein-Bernloch arbeiten Ärzte, Therapeuten und Sozialarbeiter Hand in Hand. Für den Ministerpräsidenten und den Sozialminister ist das die Zukunft für ländliche Regionen. Von David Nau

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist noch keine zwanzig Sekunden aus seiner dunklen Dienstlimousine gestiegen, da spricht sein Parteifreund und Sozialminister schon von einem „Leuchtturm-Projekt“, das man heute zu sehen bekomme. Gerade für Manne Lucha ist der Termin in Bernloch, einem Ortsteil der Gemeinde Hohenstein – hoch oben auf der Schwäbischen Alb gelegen – ein angenehmer. Kommt der Minister, der auch für die Gesundheitsversorgung zuständig ist, sonst in ländliche Gebiete, geht es meist um die Schließung von kleinen und unwirtschaftlichen Krankenhäusern oder um fehlende Nachfolger für verwaiste Hausarztpraxen.

An diesem Tag jedoch können die beiden Grünen-Politiker anschauen, wie die Gesundheitsversorgung der Zukunft auf dem Land aussehen könnte. Sie besichtigen an diesem Tag in Hohenstein das „PORT Gesundheitszentrum“, eines von bundesweit nur vier Patientenorientierten Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung (PORT). Gefördert wird das Projekt von der Robert-Bosch-Stiftung, die Uni Tübingen begleitet es wissenschaftlich. Gemeinsam mit Reutlingens Landrat Thomas Reumann (parteilos) lassen sie sich zeigen, wie das Zentrum arbeitet. Anhand des Falls einer fiktiven Familie zeigen Ärzte, Hebammen, Physiotherapeut sowie verschiedene Sozialarbeiter, wie eine ganzheitliche Versorgung „aus einem Guss“ funktionieren kann.

Während die 35-jährige, schwangere Mutter bei Hebamme Regine Henes erst einmal eine klassische Vorsorge bekommt, ist Sohn Ben (12) bei Kinderarzt Wilfried Henes im Sprechzimmer, der die Lunge des Jungen, der unter Mukoviszidose leidet, untersucht und ihn im Anschluss direkt zum Lungentraining zu Physiotherapeut Aleksandar Matkovic schickt. Bens Opa, der vor kurzem einen Schlaganfall erlitten hat, wird im Gesundheitszentrum ebenfalls von mehreren Experten betreut. Hausärztin Angelika Mayer überwacht seine Diabetes-Erkrankung engmaschig, um einen weiteren Schlaganfall möglichst verhindern zu können, Physiotherapeut Matkovic arbeitet mit Bens Opa daran, dessen halbseitige Lähmung zu überwinden. Währenddessen lässt sich Bens Oma, die durch die Pflege ihres Mannes sehr gefordert ist, im Pflegestützpunkt erklären, welche Hilfen sie in Anspruch nehmen kann.

Für den Ministerpräsidenten ist die sektorenübergreifende Versorgung (siehe Info) das Modell der Zukunft. „Wir müssen im Gesundheitswesen aus dem Silodenken herauskommen und brauchen eine stärkere Vernetzung der Akteure“, sagt Kretschmann nach der Tour durch die Sprechzimmer. Das Gesundheitszentrum im „beschaulichen Bernloch“ sei ein Hotspot, um zu sehen, was sich in Zukunft im Gesundheitswesen tun werde.

Die Schließung kleiner Krankenhäuser auf dem Land führe immer zu Protestaktionen vor Ort. „Dann unterschreiben alle dafür, dass das Krankenhaus bleibt, lassen sich aber doch woanders operieren“, sagt Kretschmann. Es sei wichtig, zu zeigen, dass die Versorgung nach einer Krankenhausschließung nicht schlechter, sondern sogar besser werden könne.

Für Sozialminister Lucha sind Zentren zusätzlich eine Möglichkeit, dem zunehmenden Mangel an Ärzten auf dem Land zu begegnen. Viele junge Ärzte würden lieber in Anstellung, Teilzeit und vor allem im Team arbeiten, als alleine eine eigene Praxis zu führen. Er wolle deswegen möglichst viele Studierende in solche Zentren lotsen. „Hier will jeder arbeiten, ich würde es auch tun“, sagt Lucha und grinst.

Mehrere Disziplinen und Berufe in einem Zentrum

Für die sogenannte sektorenübergreifende Versorgung wirbt Sozialminister Lucha schon länger. Er ist davon überzeugt, dass das Zusammenwirken von ärztlichen und nicht-ärztlichen Disziplinen und die Aufweichung der strikten Trennung zwischen ambulanten und stationären Behandlungen wichtig ist. „Das ist gut für die Versorgung der Menschen und gut für alle, weil wir die knappen Ressourcen sinnvoll einsetzen“, sagt Lucha.

Was die Finanzierung durch die Krankenkassen angeht, muss Lucha seine Ministerkollegen aus den anderen Bundesländern noch überzeugen. „In der Gesundheitsministerkonferenz gibt es noch keine Mehrheit dafür“, sagt Lucha. Sogenannte Fallkonferenzen, in denen in Bernloch etwa alle Behandler gemeinsam nach Lösungen für den Patienten suchen, werden aktuell noch nicht übernommen. dna