Stuttgart/Ulm / David Nau Uwe Lahl, Amtschef im Verkehrsministerium, weist den Vorwurf zurück, dass Züge zu spät bestellt wurden. Ein Gespräch über fehlende Lokführer und die Bilanz nach einem Jahr Go-Ahead und Abellio. Von David Nau

Am Sonntag übernimmt der Betreiber Abellio die Bahnstrecke von Stuttgart nach Tübingen. Dort befürchtet man einen ruppigen Start, wie vor einem Jahr auf vielen Strecken im Land. Man habe aus den Problemen gelernt, entgegnet Uwe Lahl, Amtschef im Verkehrsministerium.

Herr Lahl, am Wochenende startet Abellio auf der Neckartalbahn, allerdings ohne neue Züge. Der Tübinger Landrat, Joachim Walter, stellt in den Raum, dass das Land diese zu spät bestellt hat. Stimmt das?

Uwe Lahl: Das ist grober Unfug, wenn ich das so formulieren darf. Wir haben, als wir die Ausschreibung durchgeführt haben, nichts falsch gemacht, sondern haben die Strecken höchst professionell ausgeschrieben. Der Zeitraum für die Produktion der Fahrzeuge war 49 Monate, also über 4 Jahre. Normal in der Branche sind rund drei Jahre. Bombardier hat einfach interne Probleme. Das kann man ja den Zeitungen entnehmen. Wir sind auch nicht die einzigen, die ihre Züge von Bombardier zu spät geliefert bekommen.

Haben Sie dann nicht rechtzeitig eingegriffen?

Wir sind frühzeitig aktiv gewesen. Die Züge gehören der SFBW, einer Anstalt des Landes, und die Mitarbeiter sind regelmäßig in die Werkstätten gegangen und haben sich die Fortschritte der Produktion mit eigenen Augen angeschaut. Am Anfang wurden uns Verzögerungen schöngeredet, als sich aber die Lieferschwierigkeiten abzeichneten, haben wir Gegensteuerung gefordert und sind konsequent auf Plan B und zum Teil auf Plan C umgeschwenkt, um einen stabilen Betrieb mit Ersatzfahrzeugen zu gewährleisten. Die Hersteller werden sich wundern, was dieses Versagen sie kosten wird. Alles, was sich Plan B oder C nennt, das müssen die Zughersteller bezahlen.

Können Sie dennoch verstehen, dass man in der Region Tübingen skeptisch ist, dass der Übergang reibungslos klappt?

Das Angebot wird verbessert, die Züge fahren in kürzeren Abständen. Das führt natürlich auch dazu, dass die Infrastruktur mehr gefordert ist als in früheren Zeiten. Ich finde, man sollte würdigen, dass wir als Verkehrsministerium mehr für die Schiene tun, dass die Fahrzeuge super sind und ich hoffe, dass die Betreiber zum Fahrplanwechsel die Qualität in den Griff bekommen. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass Abellio und Go-Ahead derzeit auf den Strecken der Stuttgarter Netze Pünktlichkeitswerte von über 90 Prozent und Zugausfallsraten von unter einem Prozent aufweisen. Das heißt, die Zuverlässigkeit hat sich in den vergangenen Wochen klar verbessert.

Was haben Sie aus den misslungenen ersten Betriebsstufen gelernt?

Bei uns lief die Vorbereitung zu den Inbetriebnahmen im Juni immer unter dem Stichwort „Plan B“. Wir haben uns zeitnah nach Ersatzfahrzeugen umgeschaut und unterstützt, wo es nur möglich ist. Bei den neuen Betreibern tauchte regelmäßig das Problem auf, dass trotz intensiver Suche Lokführer fehlten. Sukzessive konnte durch Ausbildung neues Personal gewonnen werden. Aus all dem haben wir gelernt, dass wir die neuen Betreiber noch mehr unterstützen müssen, etwa in der Beschaffung von Ersatzfahrzeugen, und dass wir uns als Land einen Pool an Triebfahrzeugführern leisten werden.

Diesen haben Sie bereits ausgeschrieben gehabt, aber keine Bewerbungen bekommen. Wann kommt er nun?

Wir haben ursprünglich eine öffentliche Ausschreibung gemacht, und da war das Ergebnis nicht zufriedenstellend, vielleicht waren unsere Erwartungen aber auch zu hoch. Wir haben in den letzten Wochen mit einzelnen Anbietern verhandelt, und noch vor der Sommerpause sollen die verbleibenden Bieter ein Angebot abgeben.

Ab wann gibt es die Lokführer dann konkret?

Den ursprünglichen Termin Anfang dieses Jahres konnten wir nicht umsetzen. Der Pool wird – eine entsprechende Vergabe vorausgesetzt – Anfang nächsten Jahres zur Verfügung stehen, weil die Lokführer erst noch ausgebildet werden müssen.

Abellio und Go-Ahead sind seit genau einem Jahr im Land unterwegs. Wie fällt Ihre Bilanz nach dem ersten Jahr aus?

Am Anfang war die Situation erschreckend schlecht, wir haben es dann aber gemeinsam geschafft, dass es besser geworden ist. Da hilft uns momentan auch, dass wir wegen der Coronakrise weniger Fahrgäste haben. Wir sind den Zugherstellern immer wieder auf die Füße getreten, dass die technischen Probleme zeitnah gelöst werden. Die technische Verfügbarkeit der Fahrzeuge ist besser, da ist aber noch Luft nach oben. Ich bin heilfroh, dass wir uns für eine gestufte Inbetriebnahme über den Zeitraum von einem Jahr entschieden haben.

Auch Go-Ahead scheint mit dem ersten Jahr nicht zufrieden zu sein und hat mitgeteilt, dass der Deutschland-Chef, Stefan Krispin, gehen muss.

Wir müssen jetzt alles daransetzen, dass auch mit dem neuen Management der jetzt eingeschlagene Weg, nämlich die Situation zu verbessern, beibehalten wird.

Erfahrener Beamter und Professor

Als Ministerialdirektor ist Uwe Lahl Amtschef des Verkehrsministeriums und damit Stellvertreter von Minister Winfried Hermann (Grüne). Der 69-Jährige stammt aus Bremen und studierte nach einer Lehre als Chemielaborant Germanistik, Erziehungswissenschaften und Chemie auf Lehramt und promovierte Anfang der 80er Jahre. Er arbeitete als Dezernent und Staatsrat in Bielefeld und Bremen sowie im Bundesumweltministerium. Seit 2008 ist er außerplanmäßiger Professor an der TU Darmstadt.