Stuttgart / Elisabeth Zoll Baden-Württemberg bietet jetzt eine sichere und anonyme Notunterkunft für betroffene Mädchen und Frauen. Von Elisabeth Zoll

Sommerzeit heißt Gefahrenzeit, zumindest für junge Frauen, die von ihren Familien in die Länder der Eltern oder Großeltern gebracht werden, um dort verlobt oder verheiratet zu werden.  Jedes Jahr registrieren Beratungsstellen, wie Mädchen vor den großen Ferien unter Druck gesetzt werden. Sie sollen der Familienehre wegen ein Leben führen, das sich Väter und Brüder für sie ersonnen haben.

„Für die Mädchen ist das in höchstem Maße belastend“, sagt Dagmar Braun, die in der Evangelischen Gesellschaft (eva) Hilfen für junge Migranten verantwortet. Die jungen Frauen werden zerrissen zwischen der Loyalität gegenüber den Eltern und eigenen Vorstellungen, die sie manchmal noch gar nicht genau formulieren können. Manche werden mit Schlägen und Drohungen zur Unterordnung gezwungen.

Einen sicheren Fluchtort fanden sie bisher nicht. Nur an fünf Orten im gesamten Bundesgebiet gibt es anonyme Notaufnahmeplätze für bedrohte Mädchen und Frauen.

Mit „Nadia“ startet die Evangelische Gemeinschaft zum 1. Juli ein neues Angebot, das insgesamt sechs Mädchen und jungen Frauen von 14 bis 27 Jahren eine sichere Unterkunft sowie intensive Beratungen bieten wird. Damit wird in Baden-Württemberg eine seit Jahrzehnten klaffende Lücke geschlossen.

Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha teilte der Presse mit: „Zwangsverheiratungen sind eine schwerwiegende Verletzung grundlegender Menschenrechte und verhindern die Integration in eine frei Gesellschaft. Ich freue mich deshalb, dass wir mit dem Angebot ,Nadia’ künftig noch mehr junge Menschen vor einer Zwangsverheiratung schützen können. Mit der Schaffung weiterer Notaufnahmeplätze setzen wir gleichzeitig eine wichtige Vorgabe aus dem Koalitionsvertrag um.“

„Bisher konnte Baden-Württemberg Betroffene in Akut-Situationen nicht versorgen“, sagt Braun. Frauenhäuser waren nicht geeignet, weil die jungen Mädchen oftmals noch keinen Umgang mit Freiheit gehabt haben und in ihrer persönlichen Reifung viel nachzuholen hätten, sagt Aysa Kartal, die bei eva eine der Ansprechpartnerin für junge Migrantinnen ist. Bestehende In-Obhutnahme-Stellen wiederum konnten die Anonymität nicht gewährleisten, die im Konfliktfall zum Schutz der Mädchen und ihrer Betreuerinnen nötig ist.

Bedarf an Notfallplätzen gibt es bundesweit. Das habe nicht nur mit Einwanderungswellen wie die des Jahres 2015 zu tun, sagt Kartal. „Das Thema wird auch in Deutschland kultiviert.“ Selbst Mädchen der zweiten und dritten Einwanderergeneration seien davon nicht gefeit.

Von Zwangsheirat betroffene Mädchen und Frauen werden bei „Nadia“ rund um die Uhr betreut. Kartal: „Wir schauen darauf, dass die Mädchen keine Spuren legen, indem sie beispielsweise ihre Handys benutzen oder mit einer EC-Karte an einem Bankautomaten Geld abheben.“ In diesem Fall könnte ein Kontoauszug Hinweise auf den neuen Aufenthaltsort geben. Die Sicherheitsvorkehrungen seien hoch. Nur so lasse sich gewährleisten, dass die Betroffenen Ruhe fänden, um herauszufinden, welche Vorstellungen vom Leben sie haben.

Dass sie überhaupt eigene Ideen entwickeln dürfen, sei gerade für ganz junge Mädchen keine Selbstverständlichkeit, sagt Kartal. Viele kämen aus patriarchalen Familien, manche hätten Gewalt und Missbrauch erlebt. Dass sie eigene Wünsche äußern oder Grenzen setzen dürfen, müssten manche erst lernen.

Offen ist, was das für ihr künftiges Leben bedeutet. Manche versuchten, sich mit Unterstützung ihrer Betreuerinnen wieder der Herkunftsfamilie zu nähern. Andere – meist die Älteren – suchten eher die Selbstständigkeit. „In den bis zu 12 Wochen Betreuung, die wir ihnen im Rahmen des Projektes ,Nadia’ anbieten, können wir bei der Klärung der persönlichen Situation helfen“, sagt Braun. Die Entscheidung fällen die Mädchen und Frauen. „Wir bringen die Offenheit mit, sie zu akzeptieren, solange der Kinderschutz gewahrt ist.“

Mit einer hohen Dunkelziffer

Genaue Zahlen zu Zwangsheiraten liegen für Baden-Württemberg nicht vor. Es ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Hinweise liefert die Anzahl der Beratungsfälle der vom Ministerium für Soziales und Integration finanzierten Fachberatungsstelle Yasemin der Evangelischen Gesellschaft (eva). Yasemin verzeichnete 2018 insgesamt 194 Beratungsfälle. Davon waren 75 Personen unmittelbar von einer Zwangsverheiratung bedroht. Im Jahr 2019 waren es 201 Beratungsfälle mit 62 von Zwangsverheiratung bedrohten Personen.