Hinterzarten / Petra Walheim Starfotograf Manfred Baumann lichtet 15 hochbetagte Hochschwarzwälder ab. Zu sehen sind die Bilder im Kursaal in Hinterzarten. Von Petra Walheim

Ich verstehe nicht viel“, sagt die Urlauberin aus dem hohen Norden. Sie steht mit zwei Stöpseln im Ohr an einer Hörstation und versucht, zumindest einzelne Worte zu erkennen. „Der Hochschwarzwälder Dialekt ist für mich  wie für Sie hier im Süden das Plattdeutsch im Norden“, sagt sie. Die Frau schaut sich an diesem sonnigen und heißen Nachmittag die Ausstellung „Hoch leben die Wälder“ im Kursaal in Hinterzarten (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) an.

 Zu sehen gibt es Porträtfotos in Schwarz-Weiß von 15 der ältesten Hochschwarzwälder, plus jeweils drei Farbfotos aus dem direkten Wohn-Umfeld sowie Tafeln mit Texten, die aus dem Leben der Porträtierten erzählen. An den Hörstationen kann den Stimmen und dem Dialekt gelauscht werden. Jeder Fotografierte erzählt eine kleine Geschichte aus seinem Leben.  Eine Frau aus Furtwangen lauscht an der Hörstation ganz gebannt. Sie versteht den Dialekt ohne Probleme.

Es ist statistisch nachgewiesen, dass die Menschen im Hochschwarzwald bundesweit die höchste Lebenserwartung haben. Die liegt für Frauen bei knapp 85 Jahren, bei den Männern bei 81 Jahren. Diejenigen, die sich vom Starfotograf Manfred Baumann haben ablichten lassen, haben dieses Alter längst überschritten – und sind immer noch bei guter Gesundheit.

Helmut Kürner aus St. Peter zum Beispiel ist mit seinen fast 90 Jahren noch immer als Schuhmacher tätig. Er hat das Handwerk als junger Bursche gelernt, konnte es aber jahrzehntelang nicht ausüben. Erst 1996, als er schon 66 Jahre alt und Rentner war, fing er an, den St. Petermern und Kurgästen die Schuhe zu flicken.

Der Schwarzwald ist auch bekannt für seine Weltklasse-Wintersportler. Dazu gehört allen voran Georg Thoma. Er holte bei den Olympischen Winterspielen 1960 in Squaw Valley in den USA in der Nordischen Kombination als erster Nichtskandinavier eine Goldmedaille. Thoma wird in wenigen Wochen 83 Jahre alt, was man ihm, wie allen anderen auch, nicht ansieht. Auf seinem Porträtfoto ist ein fast jugendlicher, lebensfroher und strahlender Mann in den besten Jahren zu sehen. Überhaupt haben die Fotos eine ungewöhnliche Intensität, die immer wieder Gänsehaut auslöst.

Die Idee, eine Ausstellung mit den ältesten Hochschwarzwäldern zu machen, hatte Thorsten Rudolph, der Geschäftsführer der Hochschwarzwald Tourismus GmbH (HTG). Seit einer anderen Ausstellung mit 100-Jährigen vor einigen Jahren stand er in Kontakt mit dem Starfotografen Manfred Baumann. Der Wiener hatte schon Hollywoodstars wie Angelina Jolie oder Sandra Bullock vor der Kamera, hat Promis wie Bruce Willis oder Lionel Richie in ihren Privatvillen abgelichtet. Die Vorstellung, uralte Hochschwarzwälder zu fotografieren, scheint ihm gefallen zu haben, sonst wäre er nicht für drei Tage in den Schwarzwald gereist. Zuvor hatte die HTG alle 17 Gemeinden im Gebiet der Tourismus GmbH angeschrieben und um Unterstützung bei der Suche nach über 80-jährigen, rüstigen Frauen und Männern gebeten. „Die Suche war nicht ganz einfach“, räumt Herbert Kreuz von der HTG ein.

Als sie gefunden waren, ging alles ganz schnell. Manfred Baumann reiste an und fotografierte jeden Tag fünf Hochschwarzwälder.  „Er hat mit seiner sympathischen Art, seinem Wiener Schmäh und seiner Professionalität gleich Zugang zu den Leuten gefunden“, sagt Matthias Maier von der HTG. Er war bei den Aufnahme-Terminen dabei. „Alle sind ziemlich schnell aufgetaut“.

Auch die 97-jährige Annemarie Schwörer. Sie kennt noch die Siedlung, die dort stand, wo heute das Wasser des Schluchsees plätschert. 1930 wurde sie mit ihren Eltern umgesiedelt, das Tal wurde geflutet. Bis heute lebt sie in dem Haus am See, in das die Familie umgezogen wurde.

Erfrischend munter berichtet die 92-jährige Karolina Kern aus Hinterzarten an der Hörstation davon, dass sie jeden Mittwoch ins Pfarrhaus zum „Altencafé“ geht und wie nach Kaffee und Kuchen die Karten gemischt werden. Das Kartenspiel „Cego“, das in Baden, im Schwarzwald und am Bodensee gespielt wird, ist ihre große Leidenschaft. Ebenso wie das Singen. Davon bekommen die Besucher eine Kostprobe.

Die Frage, warum gerade die Hochschwarzwälder so alt werden, kann nur teilweise beantwortet werden. Fast alle Porträtierten meinen, dass sie die Arbeit an der frischen Luft gesund und fit gehalten hat. „Vielleicht sind wir gerade durch die herbe Aufzucht alle so alt geworden“, sagt Karl Waldvogel aus Lenzkirch, Jahrgang 1933.

Pendeln zwischen Österreich und den USA

Manfred Baumann hatte etliche große Schauspieler vor der Kamera, darunter Roger Moore, Kirk Douglas, Paul Anka, Tony Curtis und David Hasselhoff. Er wurde 1968 in Wien geboren, lebt in Österreich und in den USA.

In der Ausstellung „Hoch leben die Wälder“ in Hinterzarten gibt er in einem Video einen kleinen Einblick, wie die Porträtfotos entstanden sind. Die Ausstellung ist bis 9. August zu sehen: Dienstag bis Freitag, 14 bis 18 Uhr; Samstag/Sonntag 10 bis 18 Uhr. wal