Mal angenommen, das Alter der Erde, etwa 4,5 Milliarden Jahre, entspräche einem Zeitraum von zwölf Stunden. Dann würde die Menschheit als solche erst ganze 33 Sekunden (3,5 Millionen Jahre) existieren. Und die ersten Dinosaurier der Jurazeit hätten gerade einmal 29 Minuten (180 Millionen Jahre) vorher gelebt.

Zu eben jener Zeit bedeckte das Jurameer weite Teile Europas und Baden-Württemberg formte das so genannte Süddeutsche Becken, eine große Meeresbucht in der Größe der heutigen Deutschen Bucht an der Nordsee. Auch die kleine Gemeinde Holzmaden am Fuße der Schwäbischen Alb stand damals noch hunderte Meter tief unter Wasser, das nächste Ufer rund 100 Kilometer weit entfernt. Bevölkert wurden die Gewässer von Sauriern wie dem Temnodontosaurus trigonodon, dem Ichthyosaurus breviceps und dem Steneosaurus bollensis. Woher man das weiß? In der Gegend um Holzmaden (Landkreis Esslingen) wurden in den vergangenen 150 Jahren einige der bedeutendsten, fossilen Funde der Geschichte gefunden. Und sie alle, von Reptil über Fische bis Flugsaurier, können dort bestaunt werden – im Urweltmuseum Hauff.

Franziska Hauff ist Tochter des Hauses und Geologin in vierter Generation. Sie ist sichtlich stolz auf ihr Familienerbe: „Mein Ururgroßvater Bernhard Hauff entdeckte Ende des 19. Jahrhunderts erste Fossilien im Schieferbruch seines Vaters, begann diese freizulegen und für seine private Sammlung zu präparieren“, erklärt die 26-Jährige und erzählt aus der Familienhistorie. Dass die Familie Hauff ausgerechnet in Holzmaden ansiedelte, beruhe auf der Suche des Urururgroßvaters nach einer geologischen Besonderheit: Erdöl. Besser gesagt Ölschiefer. Ein erdölhaltiges Gestein mit einem hohen Kohlenstoffgehalt, das beim Verbrennen das so genannte Schieferöl abgibt, das zur Energiegewinnung genutzt werden kann.

Zusätzlich wurde in den Steinbrüchen in der Gegend um die Drei-Kaiserberge der Schwäbische Ölschiefer, ein ebenfalls lokal vorkommender Tonstein, gefördert. „In der Gegend um Holzmaden und Ohmden wurde früher viel von einer speziellen Schicht im Posidonienschiefer, dem Fleins, abgebaut. Daraus konnten etwa Bodenbeläge und Tischplatten hergestellt werden“, sagt Hauff. „Es war eigentlich pures Glück, dass man die zahlreichen Fossilien entdeckt hat.“

Park mit Dinosauriern

Auch wenn die Menschen damals mit Verwunderung auf die eigenartigen Funde reagierten, Hauffs Vorfahren erkannten die Besonderheit der Fossilien, bargen sie, präparierten und stellten sie schließlich ab Mitte der 1930er Jahre in einem eigens errichtetem Museum aus. Seit jener Zeit wurde das Gebäude des Urweltmuseums stetig erweitert und modernisiert. So kam 2000 ein kleiner Park mit imposanten und detailgetreuen Modelldinosauriern hinzu, den man im Anschluss an die Ausstellung durchstreifen kann. Das 1000 Quadratmeter umfassende Ausstellungsgelände ist heute Deutschlands größtes privates Naturkundemuseum.

Wer durch die hohen und hell beleuchteten Räume des Museums geht, lernt nicht nur allerhand über die Erdgeschichte – etwa warum die Fossilienfunde am Fuße der Schwäbischen Alb so gut erhalten sind – sondern wird auch immer wieder auf ein Neues verblüfft und überrascht. So wird beispielsweise ein Ichtyosaurier-Muttertier ausgestellt, das gemeinsam mit seinen ungeborenen Jungen vollständig erhalten ist. Franziska Hauffs Lieblingsstück ist allerdings eine rund 18 mal 6 Meter große Seelilienkolonie, deren Präparation ganze 18 Jahre andauerte. Die 26-Jährige muss lachen. „Wenn ein Fossil gefunden wird, weiß man zu Beginn ja gar nicht womit man es zu tun hat. Und dann noch diese unglaubliche Größe der Kolonie. Vermutlich kam wieder einer im breitesten Schwäbisch zu meinem Urgroßvater und sagte ‚Hauff, wir hen widder was gfunda’.“

Dass heutzutage noch Fossilien in diesen Größen gefunden werden, kommt laut Hauff nur noch selten vor. Die meisten Schieferbrüche seien mittlerweile stillgelegt und Teile der Schwäbischen Alb wurden zum Grabungsschutzgebiet erklärt.

Wer sich dennoch einmal wie der Abenteurer Indiana Jones oder die Paläontologin Mary Anning fühlen möchte, kann in den kommerziell betriebenen Schieferbrüchen auf die Jagd nach Ammoniten gehen. Gegen einen kleinen Aufpreis können dort Hammer und Meisel ausgeliehen werden. Und die Erfolgsaussichten sind vielversprechend: Von Reißnagel-großen Kopffüßlern bis zur Tablett-förmigen Schieferplatte mit unterschiedlichen Ammoniten kann mit etwas Glück einiges erbeutet werden.

Doch Obacht: Wer denkt, er sei bei seiner Suche auf eine vermeintliche Goldader gestoßen, der irrt. Bei den funkelnden Einschlüssen handelt es sich lediglich um Pyrit, besser bekannt als Katzengold.

Da geht’s hin


Informationen für Besucher


Das Urweltmuseum Hauff ist ganzjährig von Dienstag bis Sonntag von 9 bis 17 Uhr geöffnet (Montag ist Ruhetag). Für Erwachsene kostet der Eintritt sieben Euro. Gruppen ab 15 Personen, Besucher mit einem Schwerbehindertenausweis, Schüler, Studenten und Kinder erhalten einen Rabatt.

Etwa 40 Kilometer südöstlich von Stuttgart an der A 8 Stuttgart/Ulm gelegen, ist das Urweltmuseum über die Ausfahrt Kirchheim/Teck-Ost oder die Ausfahrt Aichelberg zu erreichen.