Stuttgart / Diana Prutzer In einem offenen Brief wendet sich die Initiative „Option Durchschnittsexamen“ an Kultusministerin Susanne Eisenmann.

. 850 angehende Lehrkräfte haben sich in Baden-Württemberg zur Initiative „Option Durchschnittsexamen“ zusammengeschlossen. Sie fordert, dass die Lehramtsstudenten vor dem ersten Staatsexamen die Wahl haben, ein Durchschnittsexamen zu erhalten. Ihre bisherigen Leistungen im Studium sollen anstelle einer Prüfung zu einer Gesamtnote hochgerechnet werden. Mit dem Anliegen haben sie sich in einem offenen Brief erneut an Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) gewandt und fordern, die bisherigen Regelungen zu ändern. Ende April hatten Wissenschafts- und Kultusministerium entschieden, dass die Prüfungen stattfinden.

Das Lernen gestalte sich schwierig, wie Goran Salah von der Initiative „Option Durchschnittsexamen“ sagt. „Wir haben derzeit keine Möglichkeit der adäquaten Prüfungsvorbereitung. Sie ist coronabedingt einfach nicht gegeben.“ Viele Fachbibliotheken seien geschlossen, an den Uni-Büchereien nur ein Bruchteil der Arbeitsplätze belegbar und gewohnte Lerngruppen kaum einzurichten. „Eine Lernatmosphäre besteht seit Monaten nicht.“

Das Kultusministerium jedoch „verwundere der offene Brief“, wie ein Ministeriumssprecher mitteilt. Denn etwa 80 Prozent der Lehramtsstudenten sollen sich bereits entschieden haben, die Prüfungen ab Mai abzulegen. „Eine Durchschnittsnote würde den Grundsatz der Chancengleichheit verletzen, da nicht wenigen Studierenden hierdurch Nachteile entstünden, insbesondere denen, die zwischenzeitlich bereits ihr Staatsexamen abgelegt haben“, sagt der Sprecher.

Den angehenden Lehrkräften geht es beim Durchschnittsexamen jedoch vor allem darum, als Vertretungslehrer arbeiten zu können – und noch sechs Monate vor dem Beginn des Referendariats Anfang 2021 an den Schulen zu helfen, denn aktuell herrscht Lehrermangel. „Wir wollen die Kinder unterrichten und gerade in dieser Zeit für sie da sein“, sagt Salah. Jeder Tag, der vergeht sei eine Tortur für Studierende, Eltern und Schüler.

Eine Win-win-Situation schaffen

Mit dem Einsatz der Vertretungskräfte im Präsenzunterricht würden Eltern entlastet, denn diese hätten keine Ausbildung im Unterrichten zuhause. „Dadurch geht Wissen verloren. Dieses Wissen könnten wir nachholen. Es wäre eine Win-win-Situation – einfach für uns alle“, sagt Salah.

Bei vielen Lehramtsstudenten mache sich Frust breit, unter anderem weil das Kultusministerium die Staatsexamensprüfung als wichtigen „Gradmesser“ für die Bewertung der Kompetenzen der 3000 Kandidaten versteht. „Die Professionalität kann Frau Eisenmann uns nicht absprechen“, meint Salah. Der Großteil unter ihnen habe bereits eine wissenschaftliche Abschlussarbeit verfasst. „Wir haben uns bereits theoretisches Wissen, Kompetenz, Pädagogik und Fachdidaktik im Studium angeeignet und in den Schulen praktisch angewandt. Wir könnten als Vertretungskräfte arbeiten, denn wir sind vollwertig ausgebildet. Es braucht nur noch die staatliche Anerkennung.“ Diana Prutzer