Stuttgart / Elisabeth Zoll Die Diözese Rottenburg-Stuttgart wird Betroffenen Schmerzensgeld in Millionenhöhe zahlen, sagt Bischof Gebhard Fürst. Von Elisabeth Zoll

Mit einer Summe im einstelligen Millionen­bereich für Schmerzensgeldleistungen an Missbrauchsopfer rechnet Bischof Gebhard Fürst. Er verspricht, Kirchensteuern dafür nicht anzutasten.

Herr Bischof Fürst, vergangene Woche hat sich die Bischofskonferenz auf neue Schmerzensgeldleistungen für Opfer von sexuellem Missbrauch verständigt.  Wie sind die Reaktionen von Betroffenen in Ihrem Bistum?

Gebhard Fürst:  Weitgehend positiv, weil es jetzt konkret wird und wir in die Umsetzung gehen.

Ist Ihnen auch Enttäuschung zu Ohren gekommen?

Nur indirekt. Ich habe gehört, dass mache Opfer sich mehr erwartet hätten.  Ob daraus noch eine größere Offensive wird, kann ich nicht abschätzen.

Leistungen zwischen 5000 und 50 000 Euro pro Geschädigtem sind vereinbart. Was kommt da auf das Bistum zu?

Das kann ich noch nicht abschätzen. Ich weiß nicht, wie viele Betroffene, die schon eine Anerkennungszahlung von 5000 Euro bekommen haben, sich noch einmal melden werden. In die Schmerzensgeldzahlung fließt auch die Schwere der Tatbestände ein. Das macht eine Prognose schwierig. Ich rechne aber mit einer Gesamtsumme im einstelligen Millionenbereich.

Aus welchem Topf werden die Leistungen beglichen?

Sicher nicht aus Kirchensteuern oder den Staatsleistungen an die Kirchen. Wir werden sie aus Vermögenserträgen der Diözese bestreiten.

Was heißt das?

Wir haben als Diözese beispielsweise Einrichtungen, die Gewinne abwerfen. Dieses Geld werden wir nehmen.

Warum ist Ihnen das wichtig?

Weil die Folgekosten krimineller Handlungen auch von Priestern und Diakonen nicht von den Gläubigen der Diözese aufgebracht werden dürfen.

Wo möglich, sollen Täter für die finanziellen Folgen aufkommen. Sind noch viele Täter zu greifen?

Wir gehen von zwölf Tätern aus, die noch leben. Auf sie können wir zurückgreifen. Das ist eine relativ geringe Zahl.

Die Bischöfe haben auch eine solidarische Komponente unter den Bistümern beschlossen. Reiche greifen ärmeren unter die Arme. Was bedeutet das für das reiche Bistum Rottenburg-Stuttgart?

Von der Höhe der Summe an Solidarleistungen, die auf die Diözese Rottenburg-Stuttgart zukommen, habe ich noch keine Vorstellung. Außer Frage steht für mich nur, dass wir uns solidarisch zeigen. Doch wir wissen noch nicht, wie viele Diözesen keine Zahlungen leisten können – und wie viele Opfer es in diesen Diözesen gibt.

Ist das Thema Missbrauch vom Tisch, wenn das Schmerzensgeld ausbezahlt ist?

Nein, ganz und gar nicht. Ich bin jedoch skeptisch, dass wir alle Auszahlungen dieses Jahr schon schaffen. Mir wäre es zwar recht, wenn wir morgen schon so weit wären. Doch über die Auszahlung der Gelder wird eine unabhängige Kommission entscheiden. Diese muss sich erst noch konstituieren. Die Kommission wird dafür sorgen, dass die Betroffenen überall vergleichbare Leistungen erhalten. Das schafft Gerechtigkeit.

Und jenseits des Materiellen?

Da werden wir weiter stark in die Prävention investieren. So werden in den nächsten fünf Jahren 15 000 Mitarbeiter geschult und für Gefährdungssituationen sensibilisiert.  Allgemein müssen wir in unserer Kirche weiter untersuchen, welche Strukturen Missbrauch begünstigen. Nicht das System Kirche pauschal bringt Missbrauch hervor. Es gibt jedoch spezielle Gefährdungssituationen und Strukturen, die solche Verbrechen begünstigen.

Daran arbeitet der so genannte Synodale Weg. Was braucht es, damit es zu einer wirklichen Befriedung kommt zwischen Opfern und Organisationen, aus denen Täter kommen?

Das könnte ein gesamtgesellschaftlicher Pakt sein, der sich gegen sexuellen Missbrauch einsetzt. Es muss ein Bewusstsein dafür entstehen,  dass im Verborgenen furchtbare Dinge mit Schutzbefohlenen geschehen. Wenn Betroffene sehen, dass sich die Gesellschaft dieses schweren Themas ernsthaft annimmt, könnte ihnen das helfen, könnte das zur Befriedung beitragen.

Bekannte Fälle

In der Diözese sind seit 1947 insgesamt 181 Taten und nicht verifizierbare Beschuldigungen dokumentiert. Die meisten Vorwürfe (59) gehen auf die 1960er Jahre zurück. Den 70er Jahren wurden 29, den 80er Jahre 33 Missbrauchstaten und -vorwürfe zugeordnet. Für die 90er Jahren wurden 16 Vorwürfe erfasst. Zwischen 2000 bis 2009 waren es noch elf. Seit 2010 gibt es sechs weitere Fälle. eb