Stuttgart / Von Axel Habermehl Landesregierung beschließt neues Konzept für Corona-Tests. Abstriche gibt es weiterhin vor allem bei Symptomen oder Kontakt zu Infizierten, „Monitoring“ nur in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Von Axel Habermehl

Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat sich auf ein neu zugeschnittenes Konzept für landesweite Testungen auf das Coronavirus geeinigt. Der grün-schwarze Ministerrat beschloss bei seiner Sitzung am Dienstag die weiterentwickelte „Sars-CoV-2-Teststrategie“ aus dem Haus von Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne).

Die Strategie sieht für Bürger kostenlose Tests auf das Virus weiterhin nur vor, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. So sollen alle Personen untersucht werden, die Covid-19-Symp­tome wie trockenen Husten, Fieber oder Müdigkeit aufweisen. Außerdem vorgesehen sind Testungen für symptomfreie Kontaktpersonen von nachweislich Erkrankten.

Das umfasst auch Menschen, die über die Corona-Warn-App identifiziert wurden, oder bei denen die Gefahr besteht, dass sie sich im Rahmen eines Ausbruchs, etwa in einem Betrieb, infiziert haben könnten. Drittens sollen alle Menschen getestet werden, bevor sie stationär in Pflegeeinrichtungen aufgenommen werden.

Test bei Klinik-Aufnahme

Außerdem sieht das Konzept, an dessen Erstellung mehrere renommierte Wissenschaftler beteiligt waren, die systematische Überwachung und Untersuchung bestimmter Personengruppen vor. Zu diesem „Monitoring“ gehört künftig auch die Testung aller Patienten, die in Krankenhäuser aufgenommen werden, unabhängig von ihrer Symptomatik.

Darüber hinaus wird ein bereits bestehendes „Sentinel-System“ für Influenza auf das Coronavirus erweitert. Schon bisher entnehmen niedergelassene Ärzte in mehreren über das Land verstreuten „Wächter-Praxen“ Patienten mit Symptomen von Atemwegserkrankungen Abstriche, um diese auf Influenza zu testen. Dieses System soll um weitere Praxen auf alle Stadt- und Landkreise ausgedehnt und die Tests künftig auf mehrere andere Erreger, darunter Sars-CoV-2, erweitert werden.

Angesichts von Ausbrüchen in Betrieben der Fleisch-Industrie sollen künftig im Land alle neuen Mitarbeiter dort medizinisch untersucht und auf Corona getestet werden. Das sieht ein weiteres Papier des Gesundheitsministeriums vor, das derzeit noch mit dem Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium abgestimmt wird. Weil die Arbeiter in den Schlachtbetrieben, häufig ausländische Leiharbeiter, oft in ihre Herkunftsländer pendeln, stelle die erstmalige Arbeitsaufnahme ein besonderes Risiko für den Eintrag des Virus in die Betriebe dar. Ebenfalls vorgesehen ist laut Lucha eine einmalige flächendeckende Testung in allen großen Schlachtbetrieben, die Leiharbeiter beschäftigen.

Vorerst vertagt wurde die Frage der Corona-Tests für das Personal in pädagogischen Einrichtungen wie Schulen und Kindertagesstätten. Dazu plant die Landesregierung am Donnerstag ein Gespräch mit Vertretern von Betroffenen, etwa Lehrer-Verbänden. Hintergrund ist ein Streit innerhalb der Landesregierung: Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) fordert flächendeckend regelmäßige Testmöglichkeiten für Lehrer und Erzieher. Lucha und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) lehnen dies ab.

„Wir wollen das Grundprinzip der Anlassbezogenheit nicht verlassen. Weil alles andere ist Fischen im Trüben“, sagte Lucha. Ein PCR-Test (Polymerase-Kettenreaktion) gibt nur Auskunft über eine aktuelle Infektion und ist daher schon nach zwei Tagen veraltet. Antikörper-Tests sind derzeit nicht vorgesehen, weil unklar ist, ob und wie lange Personen, die eine Infektion durchgemacht haben, danach immun gegen das Virus sind.

Angesichts der begrenzten Aussagekraft, der aktuell geringen Virus-Verbreitung im Land und der Kosten von rund 120 Euro pro Test seien einmalige flächendeckende Massentests, wie in Bayern vorgesehen, nicht ratsam.

Die Landesregierung kündigte an, bei einem Anstieg des Infektionsgeschehens seine Testungen zu intensivieren. Dann sollen weitere Personen ohne Symptome, etwa Mitarbeiter von Krankenhäusern oder Pflegeheimen, auf das Virus untersucht werden.

Die Kosten für die Teststrategie werden mit rund 60 Millionen Euro angegeben. Derzeit gibt es im Land Laborkapazitäten für rund 120 000 Testungen pro Woche. Diese wurden aber zuletzt nicht annähernd ausgeschöpft. In der ersten Juniwoche beispielsweise lag die Auslastung bei rund 55 Prozent.

Hoffnung auf Erleichterung

Corona-Tests sind laut Berichten von Menschen, die einen hinter sich gebracht haben, eine unangenehme bis schmerzhafte Angelegenheit. Der Abstrich wird tief im Rachen entnommen, im Idealfall sollen Tupfer sowohl durch die Nase als auch den Hals eingeführt werden. Das Robert Koch-Institut empfiehlt sogar, je nach klinischer Situation, möglichst Proben parallel aus oberen und tiefen Atemwegen zu untersuchen. Hoffnung auf Vereinfachung setzt das Land auf „Weiterentwicklung von Labormethoden“. So könnten künftig eventuell Rachenspüllösung oder Speichel als Probematerial dienen. Dann könnte man den Test vielleicht sogar selbst durchführen.