Von Diana Prutzer Der Kriminologe Jörg Kinzig sieht verschiedene Faktoren als Auslöser für die Krawalle in Stuttgart. Ein Gespräch über Straffälligkeit bei Jugendlichen. Von Diana Prutzer

Gewalttätige Gruppen verwüsteten Teile der Stuttgarter Innenstadt und verletzten Polizisten – die Tatverdächtigen sind überwiegend noch sehr jung. Viele fragen sich nun, wie es so weit kommen konnte. Der Tübinger Kriminologe Jörg Kinzig erklärt, dass junge Menschen häufiger kriminell werden als Erwachsene. Im Fall von Stuttgart könnten zudem die Einflüsse der Ereignisse der vergangenen Wochen eine Rolle gespielt haben.

Herr Kinzig, die festgenommenen Tatverdächtigen in Stuttgart sind sehr jung, 16 bis 33 Jahre alt. Welche Erklärung gibt es für das Verhalten der Randalierer?

Jörg Kinzig: Mit Erklärungen für den ganz konkreten Fall muss man noch sehr vorsichtig sein. Generell werden junge Menschen häufiger kriminell als Erwachsene. Mögliche Ursachen dafür sind individuelle Probleme wie etwa Lernschwierigkeiten oder wenn jemand aus einem benachteiligten Elternhaus kommt. Außerdem  ist die Phase des Erwachsenwerdens ein Lebensabschnitt, der nicht leicht zu bewältigen ist. Dabei kommt es zu Umbrüchen, was zu Verunsicherungen führen kann. In diesem Alter werden zudem Grenzen ausgetestet.

Hat Langeweile hier eine Rolle gespielt?

Ich kann mir vorstellen, dass sie eine Rolle gespielt hat, denn die jungen Leute hatten über einen längeren Zeitraum jede Menge Beschränkungen. Das kann natürlich zu Langeweile und zu Frustration führen  – auch in Verbindung mit Alkohol. Vielleicht haben die Jugendlichen versucht, den Kick, den sie nicht hatten, nachzuholen.

Haben sich die Jugendlichen als Opfer gesehen?

Es ist schon möglich, dass die  Einschränkungen zu einer solchen Sichtweise beigetragen haben. Ebenso, dass die Diskussion über Polizeigewalt und die Krawalle in den USA aus Sicht der Täter eine Art Rechtfertigung gegeben haben, gegenüber Polizeibeamten gewalttätig zu werden. Ein  Nachahmungseffekt ist vorstellbar.  Aber auch die Selbstdarstellung im Netz, die man beobachten konnte, kann eine gewisse Attraktivität ausüben.

Trägt das Hochladen von Videos im Internet dazu bei, dass junge Menschen gewaltbereiter werden?

Ähnliche Entwicklungen kennen wir auch aus anderen Bereichen: Jugendliche Raser, die waghalsige Fahrten mit Autos und Motorrädern filmen und dann ins Netz stellen, genau wie Körperverletzungen oder Demütigungen anderer. Bisher gibt es aber keine Anzeichen, dass sich die Jugendkriminalität in den letzten Jahren dramatisch entwickelt hätte. In der Kriminologie geht man sogar von einem Rückgang aus.

Werden Jugendliche durch Gruppendynamik schneller zu Mitläufern als Erwachsene?

Ja, ein besonderes Kennzeichen von Jugendkriminalität ist, dass sie vermehrt in Gruppen begangen wird. Die situative Gewalt gibt es aber nicht nur bei Jugendlichen.

 Wie kann man die Straffälligkeit in diesem Lebensabschnitt erklären?

Man spricht auch von der Normalität der Jugenddelinquenz. Das heißt, sie gehört zum Erwachsenwerden dazu, zwar nicht in dieser Massivität, aber in Form eines Ladendiebstahls oder dem Probieren von Drogen zum Beispiel.

Das setzt sich also nicht ins Erwachsenenalter fort?

Nein, selbst bei denen, die massiver auffällig werden ist es häufig so, dass es zu einem „Auswachsen“ kommt. Kriminelles Verhalten legt sich zumeist mit dem Älterwerden, dem Hineinfinden in eine Berufsrolle und einer Familiengründung. Wobei ich nicht verleugnen will, dass es einen kleinen Prozentsatz von Intensivtätern gibt, die für die Mehrheit gravierender Delikte verantwortlich sind und die uns Sorgen macht.

Gibt es so etwas wie eine gefühlte Kriminalität? Fühlen wir uns bedrohter als wir müssten?

Ja, man unterscheidet die reale von der gefühlten Kriminalität. Beides kann auseinanderfallen. Bilder, die entstehen, spielen dabei eine wichtige Rolle. Wenn man im Fall von Stuttgart in einem Video den Jugendlichen sieht, der einem Polizeibeamten in den Rücken springt, ist das natürlich massiv und es löst etwas im Betrachter aus. Die Verfügbarkeit der Bilder hat stark zugenommen und verändert die Kriminalitätswahrnehmung.

Wie sollte jetzt reagiert werden?

Die Politik hat tendenziell eher die Neigung, sehr schnell reagieren zu wollen. Wichtig ist aber, sorgfältig zu analysieren, was passiert ist und wie es dazu kommen konnte. Nur auf das Strafrecht zu setzen und harte Strafen zu fordern, ist nicht zielführend.

Halten Sie Jugendarbeit und Präventionsprojekte dabei für hilfreich?

Ja, mehr als der Ruf nach höheren Strafen, denn es gibt keine Belege, dass diese besonders hilfreich sind. Man muss die Entstehung und die Motivation hinterfragen, damit solche Exzesse in Zukunft vermieden werden. Dann können verschiedene Maßnahmen diskutiert werden, die aktuell schon angedeutet werden.

Erfahrener Kriminologe und Buchautor

Der Kriminologe und Strafrechtswissenschaftler Jörg Kinzig ist seit 2011 Direktor des Instituts für Kriminologie der Eberhard-­Karls-Universität Tübingen. Der 57-Jährige stammt aus Mannheim, wo er nach dem Abitur Jura studierte. Seit 2020 ist der Tübinger Professor Vizepräsident der
Kriminologischen
Gesellschaft. In seinem neuesten Buch
„Noch im Namen
des Volkes?“ geht es um die Angemessenheit von
Strafen.