Von Axel Habermehl und Jens Schmitz Hans-Ulrich Rülke will die FDP als Spitzenkandidat in die Landtagswahl führen – und nennt schon mal mögliche Koalitionspartner. Von Axel Habermehl und Jens Schmitz

Am Samstag beraten in Karlsruhe die Delegierten der FDP Baden-Württemberg über Programm und Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2021. Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke gibt einen Vorgeschmack auf den anstehenden Wahlkampf.

Herr Rülke, Ihre Partei spricht oft von Fortschritt. Jetzt laden Sie ­mitten in der Pandemie zum ­Präsenz-Parteitag ein. Ging das nicht digital?

Hans-Ulrich Rülke:  Nein, weil es ein Wahlparteitag ist. Unsere Satzung lässt es nicht zu, digital zu wählen, weil das Wahlgeheimnis so derzeit nicht sicher zu wahren ist. Unsere 8000 Mitglieder haben wir gebeten, von ihrem Teilnahmerecht keinen Gebrauch zu machen. Wir haben auch darum gebeten, dass die Abgeordneten ohne Mitarbeiter kommen, sodass sich der Parteitag reduziert auf Delegierte und Journalisten. Wir haben 400 Delegierte; erfahrungsgemäß kommen 350.

Sie haben diese Woche das FDP-Wahlprogramm vorgestellt und gesagt, Wirtschaft, Digitalisierung, Bildung und Innere Sicherheit würden die bestimmenden Themen des Wahlkampfs. Klimaschutz gehört nicht dazu?

Doch, aber Klimaschutz ist natürlich in die anderen Themen inkludiert. Das Thema Wirtschaft ist in Baden-Württemberg ein Mobilitätsthema. Wir wollen wirklich klimafreundliche Technologien, nicht nur scheinbare wie die batterieelektrische Mobilität, wo sämtliche Emissionen, die mit der Batterie verbunden sind, unter den Teppich gekehrt werden. Damit kann man sich selber betrügen, aber man hilft dem Klima nicht. Wirklichen Klimaschutz kann man etwa durch Verbrennungsmotoren, die mit synthetischen Kraftstoffen betrieben werden, eher erreichen. Nicht wenige Wissenschaftler vertreten auch wie wir die Auffassung, dass die Klimaschutzziele ohne umweltfreundliche Wasserstofftechnologie nicht zu erreichen sind.

Ein eigener Schwerpunkt ist der Klimaschutz bei Ihnen dennoch nicht, anders als die Innere Sicherheit. In Baden-Württemberg lebt man so ­sicher wie sonst kaum irgendwo. ­Bereitet sie Ihnen tatsächlich mehr Sorgen als das Weltklima?

Nein. Ich kann nur nicht dem Klima dadurch helfen, dass ich sage: Das mache ich jetzt als eigenständigen Punkt. Ich muss dem Klima konkret helfen in der Energie-, Wirtschafts- und Mobilitätspolitik. Genau das tun wir. Was die Innere Sicherheit anlangt: Ich weiß nicht, ob alle Stuttgarter Ihre Analyse teilen, es wäre kein wichtiges Thema.

Wegen eines aktuellen Ereignisses erheben Sie das zum Schwerpunkt?

Nein. Wenn wir etwa nicht einmal 40 Prozent der Ausreisepflichtigen abschieben können aus Baden-Württemberg, kann ich nicht sagen: Die Sicherheitslage stellt mich zufrieden.

 Derzeit stellt die FDP die kleinste Fraktion im baden-württembergischen Landtag. Ab wie viel Prozent würden Sie von einem Erfolg ­sprechen?

Das wesentliche Ziel ist mitzuregieren. Und ich würde lieber mit 10 Prozent regieren, als mit 11 in der Opposition zu sitzen.

Wer wäre ihr liebster Koalitionspartner?

Am unproblematischsten wäre die CDU. Realistisch ist das derzeit nicht. Realistisch sind Dreierbündnisse: eine Deutschland-Koalition oder eine Ampel. Da die CDU uns inhaltlich näher steht als Grüne oder die SPD, heißt das, die nächste Wunschkoalition wäre eine Deutschland-Koalition. Aber in Zeiten, in denen es Parlamente gibt wie in Thüringen, wo die Radikalen eine Mehrheit haben, kann man nicht demokratische Parteien ausgrenzen. Deshalb schließen wir eine Zusammenarbeit mit den Grünen nicht aus.

Sie haben gesagt, eine Wasserstoff-Strategie sei die einzige Bedingung an einen Koalitionspartner.

Im Wahlprogramm steht das als einzige harte Bedingung.

Das klingt, als sei die FDP wieder so weit, dass sie um fast jeden Preis regiert. Haben Sie vielleicht noch andere, mittelharte Bedingungen?

Es gibt eine ganze Reihe von anderen, wenn Sie so wollen, mittelharte Bedingungen. Wir sind für die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung und gegen die Privilegierung der Gemeinschaftsschule. Wir sind dafür, die Schulen digital so auszubauen, dass Bildungsgerechtigkeit hergestellt wird. Wir brauchen den breiten Ausbau der digitalen Infrastruktur, also Glasfaser, und wir brauchen digitale Endgeräte für alle Schüler. Wir wollen einiges für den Wohnungsbau tun: etwa die Grunderwerbssteuer absenken und die Landesbauordnung entschlacken von bürokratischen Monstern wie der Pflicht zu Efeu auf dem Dach. Und wir wollen bei der Mobilitätspolitik natürlich eine Perspektive für den Verbrennungsmotor. Da sind wir uns mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann einig, aber nicht mit Verkehrsminister Winfried Hermann.

Welche Ministerien wünscht sich Ihre Partei?

Ich glaube, dass wir gut daran tun, zunächst mal den Bär zu erlegen, bevor wir das Fell verteilen. Aber unsere Kernkompetenzen, die Bereiche Wirtschaft, Digitalisierung, Bildung liegen natürlich nahe.

Zur Person

Hans-Ulrich Rülke (58) ist ausgebildeter Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte und Politik. Seit 2006 vertritt er als Abgeordneter für die FDP den Wahlkreis Pforzheim im Landtag, seit 2009 ist er Vorsitzender der Fraktion. Auf dem Landesparteitag will sich Rülke zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl küren lassen. Er ist – Stand Freitag – der einzige Bewerber.