Heidenheim / Patrick Vetter Ulrike Mayer-Tancic lief 301 Kilometer durch Tansania zwischen Zebras und Gnus hindurch. Nur sie und Joey Kelly schafften es, den Lauf zu beenden.

Meine Lieblingsfarbe ist rosa. Ich mache keinen Schritt ohne Kajalstift. Ich bin 301 Kilometer durch die Wildnis gelaufen mit nur zwei Energieriegeln pro Tag.“ Diese Zitate stammen von ein und der selben Person, der Läuferin Ulrike Mayer-Tancic. Sie vermittelte in einem Vortrag beim SV Mergelstetten Eindrücke von Menschen am körperlichen Limit und gab authentische Einblicke in das Leben autark lebender Massai-Familien.

Sie zeigte Bilder von weiten, offenen Landschaften, der tansanischen Savanne, und mitten drin zwei Läufer, denen wilde Antilopen und Zebras den Weg frei machen und den Läufern des SV Mergelstetten von ihrem Wettlauf gegen Joey Kelly vom Kilimandscharo bis zum Lake Natron.

„Das war das Abenteuer meines Lebens“, sagt die Schulsekretärin heute. Alles begann mit einer Bewerbung für die RTL-Sendung „Wer ist härter als Joey Kelly?“ im Jahr 2015. Zusammen mit neun Männern und dem berühmten Namensgeber der Sendung verbrachte die Mutter aus Krailling bei München zunächst ein paar Tage in einem Bootcamp. Dort sollten fünf der Teilnehmer für die eigentliche Herausforderung ausgewählt werden.

Quälerei mit dem Sandsack

Los ging es mit einem 15-Kilometer-Lauf mit einem fünf Kilogramm schweren Sandsack auf den Schultern. Die damals 50-Jährige klammerte sich so verbissen an die kleinen Riemen des Sacks, dass ihre Finger bis auf das Fleisch aufscheuerten. „Seit dem frage ich mich in schweren Situationen immer, ob das jetzt wirklich schwerer ist, als der Sandsacklauf“, sagt sie.

Sie arbeitet viel mit mentalen Tricks: „Das war die Hälfte Beine, die Hälfte Kopf in Tansania.“ So in einem besonders schweren Moment. „Ich hab mir einfach vorgestellt, es geht bergab“, erinnert sie sich. Vor der Abfahrt wusste noch keiner im Team, wo die Reise hingehen werde. Nur die Gelbfieber-Impfung und der Wärmebereich des Schlafsacks dienten als Hinweise. „Am Flughafen staunten wir dann, als auf den Tickets stand: Airport Kilimandscharo“, erinnert sich die Senioren-Vizeweltmeisterin im Marathon.

In Afrika gab es dann extra rosa Ausrüstung für die einzige Frau im Team. Einen kleinen Luxus leistete sich Mayer-Tancic: Der Kajalstift musste mit. Außerdem hatte sie einen Massageball dabei und Tape für Muskeln und Zehen. Ihr Rucksack wog sieben Kilo.

Die Regeln wurden noch einmal erklärt: Wer zurückfällt, fliegt raus und niemand darf Joey Kelly überholen. Dann ging es auf matschigen Straßen los. Anders als erwartet, war die Regenzeit Ende des Jahres noch nicht vorüber. Für jeden Tag gab es pro Teilnehmer nur zwei Energieriegel, für mehr mussten sie bezahlen: Bis zu 2500 Euro wurden von der potenziellen Gewinnsumme von 10 000 Euro abgezogen. Dafür bekamen sie zwei Scheiben Toast und eine Tube Tomatenmark, Reis mit Heuschrecken oder ähnliche Mahlzeiten.

Die wenige Nahrung war nicht das einzige Problem für die heute 53-Jährige. „Die Begleit-Jeeps sind öfters im Schlamm stecken geblieben. Manchmal sind wir bis zur Hüfte im Wasser auf überfluteten Straßen gelaufen“, erinnert sie sich.

Zu Besuch bei den Massai

Auch die Nächte seien nicht immer einfach gewesen. „Die Tiere waren sehr laut. Es hatten aber alle Ohrstöpsel dabei“, gibt sie noch mehr Einblicke in ihr Gepäck. Zwei Nächte verbrachten sie in Massaidörfern. „Das war beeindruckend. Das waren keine Dörfer für Touristen, sondern echte Massai-Siedlungen“, erinnert sich die Läuferin. Sie kamen an einem Dorf vorbei, in dem ein Mann mit 36 Frauen und über 200 Kindern lebte.

Nach dem vierten Tag, etlichen Blasen und wunden Stellen waren schließlich alle anderen Teilnehmer außer der zierlichen Frau ausgestiegen. „Dann kam der schönste Teil. Zu zweit mit Joey haben wir die meisten Tiere gesehen“, sagt Mayer-Tancic. Auf den Videoaufnahmen sind die oft nur wenige Meter entfernt. Selbst am sechsten Tag wusste sie noch nicht, wie lang die Strecke sein, wie viele Etappen noch kommen würden oder wie weit sie schon gelaufen war. Es war eine Überraschung, als Kelly plötzlich den Finaltag ankündigte. Auf den letzten Kilometern hängte Kelly sie dann ab, sodass sie nach ihm ins Ziel kam. „Es war für mich trotzdem wie ein Sieg“, sagt sie noch heute strahlend.