Wien / Sebastian Schmid Das deutsche Team will bei der EM die durchwachsene Vorrunde abhaken und in Wien neu angreifen. Das Potenzial dafür ist vorhanden, aber bislang wird es nicht abgerufen. Von Sebastian Schmid

Im Lager der deutschen Handballer waren sich alle einig. Das, was die Mannschaft beim 28:27-Zittersieg gegen Lettland gezeigt hat, spiegelt nicht das Leistungsvermögen des Teams wider. „Wir wissen, dass wir viel besser spielen können“, sagte Jogi Bitter nach dem Erfolg im letzten Vorrundenspiel dem ZDF und meinte damit auch sich und seinen Torhüter-Kollegen Andreas Wolff.

Nach dem Umzug am Dienstag von Trondheim nach Wien und dem Auftakt in die Hauptrunde am Donnerstag gegen Weißrussland befindet sich die deutsche Mannschaft bei der Europameisterschaft irgendwo zwischen Hoffen und Bangen. „Vielleicht platzt der Knoten gleich im ersten Spiel“, meinte etwa Kai Häfner in der ARD. Der Linkshänder blieb in den letzten beiden Spielen wie fast das gesamte Team deutlich unter seinen Möglichkeiten. Deshalb gilt für alle dieselbe Devise, wie Häfner klarstellte: „Wir müssen die Vorrunde analysieren und die Köpfe schnell freibekommen.“

Ansprüche runterschrauben

Leichter gesagt als getan. In den ersten drei Partien war die Mannschaft verzweifelt auf der Suche nach der Lockerheit. Alles wirkte verkrampft und erzwungen. Phasenweise entstand der Eindruck, dass die Spieler mehr mit sich selber als mit dem Gegner zu kämpfen hatten.

Der weitere Turnierverlauf wird deshalb zu einem großen Teil auch in den Köpfen der Akteure entschieden. Alle hoffen darauf, dass der berühmte Schalter in Wien umgelegt werden kann. Auch Bundestrainer Christian Prokop: „Wenn wir unsere Abwehr- und Torhüterleistung wieder auf ein gutes Niveau heben, ist es  schwer, uns zu schlagen.“ Doch gegen den EM-Debütanten Lettland deutete wenig darauf hin, dass es schnell besser wird.

Statt des erhofften Befreiungsschlags wirkten die deutschen Akteure nach der Partie noch verunsicherter. Antworten auf die Frage, warum es noch nicht wie erhofft läuft, konnte kein Spieler liefern. Das ist aber hauptsächlich auch die Aufgabe von Trainer Prokop, der in seinem dritten großen Turnier erneut mehr gefordert ist, als er erhofft hatte.

Eine löchrige Abwehr; Keeper, die kaum eine Hand an den Ball bekommen; Fehlwürfe und verunsichert wirkende Spieler – der 41-Jährige hat viele Problemstellen und nur wenig Zeit, Lösungen zu finden. „Man sieht, dass wir Defizite haben, und diese sind nicht unerklärbar“, sagte der Bundestrainer und sprach zum ersten Mal die vielen Absagen wegen Verletzungen an. „Das ist jetzt nicht überall erste Wahl auf den Positionen, das ist klar. Aber das sind gute Jungs.“ Auf jeden Fall so gut, dass sie gegen Lettland keine Probleme hätten bekommen sollen.

Angesichts des bisherigen Auftretens sprach Kapitän Uwe Gensheimer deshalb nach dem Zittersieg gegen die Letten davon, dass es nun wohl an der Zeit sei, die Ansprüche herunterschrauben. DHB-Vizepräsident Bob Hanning sah das anders: „Wenn wir gegen Weißrussland gewinnen, gibt es kein Abweichen von unseren Zielen.“ Auch er weiß: „Wir haben noch genug Potenzial nach oben.“ Um das auszuschöpfen, müssten die Spieler allerdings ihre Komfortzone verlassen und mehr investieren.

Doch in die ganze Hoffnung, dass es schnell besser wird, mischt sich das Bangen, dass Deutschland in dieser Besetzung bei der EM einfach nicht zu mehr fähig ist. Zumal Weißrussland in Wien ja nur der Auftakt ist. „Das ist ein Endspiel, so wie wir eigentlich nur noch Endspiele haben“, stellte Hanning klar. In den vier Hauptrundenspielen darf sich die DHB-Auswahl im Kampf um das angepeilte Halbfinale bei dieser Europameisterschaft keine Niederlage mehr erlauben.

Eine schwere, wenn nicht sogar unmögliche Aufgabe. „Natürlich sind wir noch nicht in der Lage, Spanien oder Kroatien zu schlagen. Aber vielleicht sind wir das in zwei Spielen“, sagte Prokop.

Viel mehr Zeit bleibt allerdings auch nicht. Bereits am kommenden Samstag trifft das deutsche Team auf die Kroaten. Kai Häfner brachte es nach dem enttäuschenden Lettland-Spiel auf den Punkt: „Wir haben noch alles in der eigenen Hand, wissen aber, dass es mit der Performance nicht weit geht.“

Österreich trifft auf das deutsche Team

Gegner Österreich hat bei der Handball-EM souverän die Hauptrunde erreicht und ist damit dritter Gegner der deutschen Nationalmannschaft. Der Co-Gastgeber gewann am Dienstag in Wien gegen Nordmazedonien mit 32:28 (18:12) und sicherte sich Rang eins in Gruppe B. 

Chance Nach zwei Spielen ohne Sieg haben es die dänischen EM-Favoriten nicht mehr in der Hand, aus eigener Kraft in die Hauptrunde einzuziehen. Ihnen hilft nur noch Unterstützung aus dem hohen Norden: Wenn Island am Mittwoch Ungarn schlägt, hätten die Dänen mit einem Erfolg gegen Russland die Chance, den Weg in die Hauptrunde freizuräumen.