Welch starkes, ausdauerndes Herz dieser Gerd Müller hatte, bewiesen noch mal die letzten Tage in seinem Leben: Zwölf (!) Tage lang konnte Müller nichts mehr zu sich nehmen, weder essen noch trinken. Am Sonntagmorgen um vier Uhr schlug dann auch dieses zähe Sportlerherz tatsächlich nicht mehr: Gerd Müller, Deutschlands größter Fußball-Torjäger wohl aller Zeiten, ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Im Pflegeheim in Wolfratshausen, wo der einstige „Bomber der Nation“ wegen seiner Alzheimer-Erkrankung seit sieben Jahren war. Zuletzt wog das einstige Kraftpaket nur noch 45 Kilogramm.

Keiner schoss mehr Tore in der Bundesliga als Gerd Müller (365), keiner im Schnitt mehr in der Nationalmannschaft (68 in 62 Spielen), vor allem schoss keiner Tore so wie Gerd Müller: mit dem Hintern, im Liegen, mit dem Rücken zum Tor – wie bei der Weltmeisterschaft 1974, als Müller das entscheidende 2:1 im Endspiel gegen die Niederlande erzielte.

Trotz des höheren Tempos, der Verdichtung des Spielfelds, würde ein Gerd Müller wahrscheinlich heute noch seine Tore schießen, wie er selbst sagte: „Heute wird Raumdeckung praktiziert, da hast du mehr Freiräume als wir damals.“ Sicher ist: Gerd Müller wäre der heutige Trubel in dem Milliardengeschäft Profifußball ein Graus, das mediale Ballyhoo, Soziale Medien.

Denn Müller wollte immer nur eins: Fußball spielen. Als sein Heimatort Nördlingen 2008 das Stadion nach ihm benannte, war es bei der Feier für ihn das Schlimmste, eine Rede halten zu müssen. Gerd Müller scheute das Rampenlicht. Er war nicht maulfaul, übte intern Kritik, wenn sie angebracht war. Das große Reden überließ er lieber anderen. Dem „Franz“ beispielsweise, Franz Beckenbauer, der so was wie sein ewiger Freund und Mentor wurde. Ob beim FC Bayern München oder bei der Nationalmannschaft: Wie der Libero und der Mittelstürmer auf dem Feld den gepflegten Doppelpass spielten, so übten sie ihn außerhalb des Rasens aus. Beckenbauer, der Glamour-Star, half Müller auch bei finanziellen Fragen, er war neben seiner Ehefrau und Tochter die Person, an die sich Müller bis zum Schluss anlehnte.

Als sein gleichaltriger Teamkollege 1977 in die USA wechselte, ging auch die Zeit für Müller beim FC Bayern zu Ende. Im Klub rumorte es, der Erfolg ließ nach, der neue Trainer Pál Csernai setzte Müller gar auf die Bank – und dieser ging mit seiner Familie 1979 ebenfalls in die USA, wechselte zu den Fort Lauderdale Strikers. Müller tat sich schwer in der als „Operetten-Liga“ verschriene Soccer-League. Dennoch blieb Müller, schoss auch seine Tore. 1981 aber war die Karriere zu Ende. Müller hörte auf.

Sein vielleicht größter Kampf hatte da schon begonnen: Müller wusste nicht viel mit dem Leben nach dem Fußball anzufangen, spielte Racket-Tennis – und trank mit alten Strikers-Kumpels Whisky. Mit seiner Ehefrau und einem Bekannten betrieb er ein Steakhouse, in dem er als bekanntes Gesicht oft selber mit den Gästen anstieß und trank. Die Müllers kehrten nach München zurück, der ungeregelte Tagesablauf und sein Alkoholproblem blieben. Auch in der Ehe kriselte es.

Es waren die alten Bayern-Teamkollegen, Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß, die ihm eine Entziehungskur vermittelten. Eine Tortur, zeitweise wurde Müller in ein künstliches Koma versetzt. Doch Müller schaffte es: Keinen Tropfen Alkohol trank er seither. Hoeneß vermittelte ihm Jobs beim FC Bayern, so wurde Müller unter anderem Co-Trainer der zweiten Mannschaft unter Chefcoach Hermann Gerland. Ein Job, der ihn ausfüllte: bei seinem Klub, mit seinen alten Weggefährten, in der zweiten Reihe.

Dass sein ewig zu scheinender Bundesliga-Saisonrekord von 40 Toren im Jahr seines Todes gebrochen wurde, ist eine Ironie des Schicksals. Aber seine Ehefrau ist sich sicher: Gerd Müller hätte es Robert Lewandowski, seinem Nachfolger im Bayern-Trikot, gegönnt. 

365 Tore in 427 Bundesligaspielen


Gerd Müller wurde am 3. November 1945 in Nördlingen in Bayerisch-Schwaben geboren. Seine erste Station war der TSV 1861 Nördlingen (1958 - 1964). Es folgten der FC Bayern München (1964 - 1979) und Fort Lauderdale Strikers (1979 - 1981). 

Er schoss 365 Tore in 427 Bundesligaspielen, traf 68 Mal in „nur“ 62 Länderspielen. Der 1,76 Meter große Stürmer wurde mit der DFB-Elf Weltmeister 1974 und zwei Jahre zuvor Europameister. Müller holte mit dem FC Bayern drei Mal den Europapokal der Landesmeister (1974, 1975, 1976) und einmal den Europapokal der Pokalsieger (1967). Mit dem FCB wurde er vier Mal Deutscher Meister (1969, 1972, 1973, 1974), vier Mal DFB-Pokalsieger (1966, 1967, 1969, 1971) und einmal Weltpokalsieger (1976).