Von Stefan Scholl Fußball Es gibt nur wenige deutsche Fußballspieler, die nach Russland gegangen sind. Benedikt Höwedes ist einer davon. Von Stefan Scholl

Auf Schalke wollten sie ihn nicht mehr, also zog Weltmeister Benedikt Höwedes in die große, weite Welt. Seit 2018 ist der Innenverteidiger bei Lokomotive Moskau und spricht im Interview über Fußballrussisch, Moskauer Mülltüten, zensierte Musikvideos und Glücksmomente an der Moskwa.

Wie verständigen Sie sich als Deutscher auf einem russischen Fußballplatz?

Benedikt Höwedes: Ohne Probleme. Ich habe die Wörter gelernt, die ich brauche, um als Mittelverteidiger meine Mitspieler zu dirigieren.

Kommandos wie „Raus!“ oder „Hintermann“, nur auf Russisch?

Genau.

Und nach dem Schlusspfiff?

Da habe ich auf jeden Fall Übersetzungsbedarf, noch mehr als während meiner Zeit bei Juventus Turin. Leider lernt man russisch ja nicht wie italienisch in Deutschland beim Abendessen, weil man zum Italiener geht (lacht).

Geografisch ist Moskau viel größer als Gelsenkirchen oder Turin. Sie leben im Stadtzentrum, 20 Kilometer Luftlinie von der Trainingsbasis entfernt. Wie kommen Sie dahin?

Ehrlicherweise mit einem Fahrer, da man in Moskau zu jeder Tag- und Nachtzeit im Stau steht und ich die Zeit dann lieber mit Lesen oder der Vorbereitung auf das Training verbringe. Zum Training benötigt man, weil man morgens gegen den Strom fährt, meist nur knapp 40 Minuten. Zurück dann mehr als das Doppelte, wenn man in die Rush Hour gerät.

Und im Stadtzentrum sind Sie mit dem Lastenfahrrad unterwegs?

Das Lastenfahrrad habe ich in Haltern am See gelassen, da macht es mehr Sinn für uns. In Moskau fahre ich in der Regel Metro oder Bus. Ich habe die Metro direkt vor der Haustür, sie funktioniert großartig. Ich staune immer wieder, wie schön sie ist. Die Stationen sind quasi Kunstmuseen.

Das Leben in Moskau gefällt ihnen?

Ich sehe es auch als Chance, Land und Leute kennenzulernen. Statt vor dem TV, sitze ich lieber in der Metro, schau mir die Stadt an. Es gibt hier alles, was man möchte, Museen, Parks, historische Gebäude, ich probiere gerne neue Restaurants aus oder erkunde Künstlerviertel.

Wodurch unterscheiden sich Russen von Deutschen?

Schwer zu sagen. Es gibt hier so viele verschiedene Leute und Charaktere, ähnlich wie in Deutschland. Die kann man nicht alle über einen Kamm scheren und sagen, das ist typisch Russisch und das Deutsch.

Einige Probleme, die Sie bewegen wie Umweltschutz oder Klimawandel, werden hier belächelt.

In der Tat sind die Themen hier noch nicht richtig angekommen, jedenfalls nicht bei der breiten Bevölkerung. In den Supermärkten kriegt man eine Orange in einer Plastiktüte, die dann in eine andere Plastiktüte verpackt wird. In den ersten Tagen in Moskau bin ich mit 50 Plastiktüten heimgekommen. Dann habe ich mir wiederverwertbare Einkaufstüten besorgt, gehe damit einkaufen. Und die Russen sehen mich mit großen Augen an: He, warum willst du jetzt keine Plastiktüte? So etwas wie Mülltrennung gibt es hier leider noch gar nicht.

Belastet es Sie, dass Ihr Leben als Fußballprofi, der dauernd im Flieger sitzt, Ihrem Umweltempfinden widerspricht?

Wenn ich die Bahn nehmen könnte, würde ich sie nutzen. Aufgrund der Infrastruktur ist das aber nicht möglich. Ich werde nicht in den Zug statt in den Flieger steigen können, um zum Spiel nach Krasnojarsk zu fahren. Dann komme ich dort erst in vier Tagen an, zwei Tage nach dem Spiel.

In Russland werden auch sexuelle Minderheiten belächelt. Toleranz gegenüber Schwulen ist nicht angesagt.

Russland ist bei einzelnen Themen leider noch nicht auf dem westeuropäischen Niveau oder auf Augenhöhe mit dem deutschen Grundgesetz. Es ist merkwürdig, wenn man ein Musikvideo guckt, zwei Frauen sieht, die sich küssen, und das dann mit einem Balken zensiert wird. Ich bin froh, dass wir in Deutschland bei den Themen weiter sind und ich Bekannten hier vor Ort erklären kann, warum das bei uns anders ist. Aber ich kann nicht bestimmen, wie es hier zu laufen hat. Ich bin ein politisch engagierter Fußballer, aber kein Berufs-Politiker. Vor allem kein russischer.

Sind Sie in Moskau glücklich?

Tatsächlich habe ich mich hier gut eingelebt. Aber es ist natürlich schwierig, dass meine Familie nicht die ganze Zeit bei mir ist, da wir mit der Mannschaft viel unterwegs sind. Ich bin totaler Familienmensch, zu Hause ist für mich, wo meine Familie ist.

Andere Profifußballer hat der Leistungsdruck in Depressionen getrieben.

Depression ist eine Volkskrankheit, die jeden betreffen kann, unabhängig vom medialen Druck. Nehmen Sie die WM in Brasilien: Natürlich ist es ein unfassbarer Druck, in einem WM-Finale auf dem Rasen zu stehen. Aber es ist auch einfach geil, weil man als kleiner Junge von genau diesem Moment geträumt hat und schon sicher Vize-Weltmeister ist. Ich versuche, meine Seele runterzufahren, indem ich täglich meditiere. Ich habe gelernt, sehr viel dankbarer für gewisse Situationen zu sein.

Sind das die Momente nach einem geschossenen Tor oder einem gewonnenen Spiel?

Man muss ja nicht nur für die ganz großen Momente dankbar sein. Ich bin dankbar für Kleinigkeiten, über die man sich freuen kann. Darüber, dass die Sonne scheint oder dass meine Familie gesund ist. Man sieht die Welt ganz anders, wenn man nicht immer nur auf das große Glück wartet.

Zur Person

Benedikt Höwedes spielte 16 Jahre für Schalke 04, wurde 2014 mit der deutschen Nationalmannschaft Fußballweltmeister, 2017 ging er für ein Jahr zu Juventus Turin, seit eineinhalb Jahren steht der Verteidiger bei Lokomotive Moskau unter Vertrag. Höwedes, 31,  begann mit Fußball in der Jugend seines Heimatvereins TuS Haltern. Er ist verheiratet und hat einen einjährigen Sohn, in Moskau bewohnt er eine Zweizimmerwohnung am Lubjanka-Platz. Der Fußballprofi aus Haltern am See im Kreis Recklinghausen isst vegan und engagiert sich als Internet-Kolumnist für soziale und ökologische Probleme.